LONDON (IT BOLTWISE) – Nothing positioniert das Headphone 1 Pro als Studio-Tool und nicht nur als Lifestyle-Headset. Das neue Flaggschiff bietet einen Flat-EQ-Schalter, der Verarbeitungen sowie Spatial-Audio-Optionen deaktiviert. Dazu kommt ein Triple-Driver-Design mit 40-mm-Dynamic für Bass, eigenem Midrange-Treiber und einem xMEMS-Modul für hohe Frequenzen. Erhältlich ist das Modell als kompletter Funktionsmix aus LDAC, Auracast und starker aktiver Geräuschunterdrückung.

Nothing bringt mit dem Headphone 1 Pro ein Over-Ear-Modell ins Gespräch, das sich spürbar von der üblichen Kategorie-Logik absetzt: Statt EQ-Funktionen vor allem als Feature-Sammlung zu vermarkten, setzt das Unternehmen auf eine Hardware- und App-Mechanik, die das Klangbild gezielt „unverändert“ halten soll. Im Zentrum steht ein Flat EQ Switch, der die Signalverarbeitung sowie Optionen für Spatial Audio in der Nothing-X-App abschaltet. Für Studio-Profis ist genau diese Trennung relevant, weil jeder zusätzliche DSP-Schritt eine eigene Klangsignatur erzeugen kann. Im Alltag ist das natürlich weniger kritisch, aber es erklärt, warum das Gerät preislich nicht im Mainstream der 200-Euro-Klasse bleibt.
Das Headphone 1 Pro nutzt dabei eine Triple-Driver-Architektur, die das Modell technisch nachvollziehbarer macht als viele Versprechen, die sonst vor allem auf Software-Optimierungen setzen. Nothing kombiniert dafür einen 40-mm-Dynamic-Driver für den Bass, einen separaten Midrange-Treiber und einen xMEMS-Treiber für obere Frequenzen. Der praktische Effekt, auf den der Ansatz zielt: Jeder Treiber soll sich auf einen Frequenzbereich fokussieren können, wodurch Transienten in den Höhen schneller und „sauberer“ wirken sollen. In der Wahrnehmung landet man damit bei einer Balance zwischen Detail und Kontrolle, die vor allem bei cymbalreichen Passagen oder feinen Stimmanteilen auffällt. Dazu kommen mehrere Klangprofile und klassische Bedienelemente, darunter die haptische Lautstärkerolle, die bereits aus früheren Nothing-Headphones bekannt ist.
Beim Tonabgleich geht Nothing dann den ungewöhnlichen Weg über einen echten Schalter und nicht nur über einen Regler. Laut Beschreibung im Test steht dem Standard „Balanced EQ“ ein Flat-EQ-Modus gegenüber, bei dem die Mitten und Höhen weniger „vorwärts“ und insgesamt näher am Bass-Niveau ausgerichtet werden. Die Umstellung verändert die Charakteristik deutlich: Vocals wirken präsenter und leicht bissig im Balanced-Modus, während die Höhen im Flat-Modus weniger hervorstechen. Zugleich sinkt aber auch die wahrgenommene Luftigkeit, was zeigt, dass „flach“ nicht automatisch „richtig“ für jede Hörsituation ist. Dass selbst für anspruchsvolles Monitoring nicht jede flache Kurve zielführend ist, wird mit dem Harman-Konzept begründet, wonach viele Hörer typischerweise eine Bass-Erhöhung, neutrale Mitten und leicht angehobene Höhen bevorzugen. Für regelmäiges Hören wird daher auch eher zur parametischen EQ-Funktion in der App geraten als zum kompromisslosen Flat-Switch.
Statt nur einen besseren Klang anzukündigen, koppelt Nothing die Funktionsidee an moderne Audiostandards. Das Headphone 1 Pro unterstützt LDAC für hochauflösendes Streaming sowie High-Res-Audio via Kabel bis zu 24-bit/96 kHz. Zusätzlich liefert es Lossless-Audio über USB-C mit bis zu 24-bit/192 kHz, was besonders dann relevant wird, wenn Musik-Player oder Clients direkt über USB ausgeben. Außerdem beherrscht das Modell Auracast als Sender oder Empfänger über die Nothing-X-App, sodass sich Inhalte kabellos teilen oder in bestehende Broadcast-Setups integrieren lassen. Dass Auracast in dieser Produktklasse nicht überall selbstverständlich ist, macht den Punkt klar: Wer unterschiedliche Geräte im Alltag hat, spart sich sonst oft die Umwege über einzelne Dongles oder proprietäre Funkstrecken.
Auch die aktive Geräuschunterdrückung (ANC) ist ein zentraler Teil des Gesamtpakets. In der Praxis soll das Headphone 1 Pro vor allem tieffrequentes Rumpeln sehr gut dämpfen, etwa von Klimaanlagen oder Fluglärm, und sich ebenfalls bei Straßenverkehr solide schlagen. Gleichzeitig wird es an der Spitze in direkten Vergleichen nicht ganz so stark wie die derzeitigen Premium-Referenzen bewertet, namentlich werden dabei Sony XM6, Bose Ultra Headphones Gen 2 und Apple AirPods Max 2 genannt. Für die meisten Situationen reicht die Isolierung aber aus, um mit Musik „ausreichend in der eigenen Welt“ zu bleiben. Technisch flankiert wird das durch eine Schutzklasse IP52 und eine Akkulaufzeit, die mit aktivem ANC bis zu 30 Stunden und ohne ANC bis zu 68 Stunden erreichen soll.
Das Design bleibt dabei deutlich Nothing-typisch, mit dem gleichen Stil-Set und den vertrauten haptischen Bedienelementen. Der Flat-EQ-Schalter sitzt jedoch an einer Ecke der linken Ohrmuschel, weit weg von den anderen Bedienelementen. Das ist eine kleine, aber wichtige Detailentscheidung: Wer beim Wechseln zwischen Fokus- und Genussmodus schnell umschalten will, soll den Schalter nicht aus Versehen aktivieren. Weniger überzeugend wirkt dagegen das Transport- und Schutzkonzept: Das Case schließt „AirPods-Max“-artig nur um die Ohrmuscheln und lässt den Bügel sichtbar frei, wobei es immerhin als harte Schale ausgeführt ist. Damit bleibt die Frage offen, wie gut der komplette Headset-Schutz im rauen Alltag wirklich ist, etwa bei häufigem Transport in Rucksäcken.
Für den Markt sendet Nothing damit eine klare Botschaft: Das Unternehmen versucht, sich nicht nur über Komfort und ANC-Dichte abzugrenzen, sondern auch über ein für Studio-Anwender gedachte Bedienlogik. Die Flat-EQ-Idee wird zudem nicht im luftleeren Raum verortet, sondern über eine Partnerschaft mit einer Londoner Aufnahme- und Mastering-Umgebung. Ob sich der Schalter im Massenmarkt durchsetzt, hängt vor allem davon ab, ob Nutzer den Unterschied zwischen „flach“ und „hörerfreundlich“ wirklich nutzen wollen. Wahrscheinlich ist, dass die meisten Kundinnen und Kunden den Modus eher als Profi-Option für bestimmte Sessions entdecken. Für Entscheider in Unternehmen, die Audio fürs Personal-Training, Medienproduktion oder hybride Zusammenarbeit beschaffen, ist dagegen gerade die Kombination aus LDAC, USB-C-Lossless und Auracast interessant: Hier geht es weniger um den einen Klangmodus, sondern um Interoperabilität über Geräte hinweg.
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