LONDON (IT BOLTWISE) – NVIDIA liefert im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 deutlich über den Erwartungen liegenden Umsatz und gibt am selben Tag einen frühen Ausblick aufs Jahr 2028. Der Konzern nennt für das laufende Quartal eine leicht rückläufige Bruttomarge, erklärt das aber mit einem branchenweiten Engpass bei Speicherchips. An der Wall Street sorgt der ungewöhnlich weit vorgezogene Prognosezeitraum für eine schnelle Anpassung der Schätzungen. Parallel dazu rückt ein Bewertungsvergleich mit Apple nach 2010 in den Fokus, weil das KGV auf Basis 2028 derzeit niedrig bleibt.

NVIDIA hat im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erneut deutlich mehr Umsatz erzielt als von vielen Marktteilnehmern erwartet. Entscheidend ist dabei nicht nur die Zahl, sondern der Zeitpunkt: Am selben Tag, an dem die Ergebnisse veröffentlicht wurden, lieferte der Konzern bereits eine Prognose für das Geschäftsjahr 2028. Diese Kombination aus starkem Quartal und frühen Weichenstellungen verändert die Wahrnehmung an der Börse oft schneller als eine reine Übererfüllung im laufenden Zeitraum. Genau darin sehen mehrere Analysten eine Parallele zu Apples Bewertungssprung in den Jahren nach 2010 – nicht, weil die Geschäftsmodelle identisch wären, sondern weil sich die Erwartungskurve für Wachstum und Kapitalrückführung parallel nach oben verschiebt.
Operativ setzte NVIDIA den Schwerpunkt auf den Data-Center-Bereich, der um 117 Prozent auf 89,0 Milliarden US-Dollar zulegte. Der Gesamtumsatz stieg auf 96,2 Milliarden US-Dollar; das entspricht einem Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und lag damit spürbar über dem Konsens, der im Bericht mit rund 92 Milliarden US-Dollar beziffert wird. Auch die Margenseite blieb zunächst stabil: Die Non-GAAP-Bruttomarge hielt bei 75,0 Prozent bereits das dritte Quartal in Folge. Für das laufende Quartal erwartet das Unternehmen allerdings 108,0 Milliarden US-Dollar Umsatz und eine Bruttomarge, die um einen Prozentpunkt auf 74 Prozent nachgeben soll. Finanzchef Colette Kress ordnete diese Entwicklung im Earnings Call mit einem branchenweiten Engpass bei Speicherchips ein, der die Einkaufspreise deutlich erhöht; das drückt kurzfristig die Marge, soll aber perspektivisch wieder auslaufen.
Aus Anlegersicht wirkt der Margepfad wie ein Trigger für den Bewertungsmodus: Im vierten Quartal könnte die Marge demnach bis zu 71 Prozent sinken, bevor eine geplante Preiserhöhung sie im kommenden Geschäftsjahr wieder auf 72 bis 73 Prozent hebt. Dass die Aktie trotz der schwächeren Margenprognose zunächst nachgab und binnen Minuten in den Plusbereich drehte, hängt direkt mit dem zweiten Teil der Überraschung zusammen: Kress stellte im selben Call den Ausblick für das Geschäftsjahr 2028 vor. Für das am 1. Februar 2027 beginnende Geschäftsjahr 2028 kündigte der Konzern ein Umsatzwachstum von rund 70 Prozent an – und bezeichnete den Ausblick dabei als angebotsbeschränkt. Damit unterschritt das Unternehmen die zuvor eher vorsichtige Erwartung rund um einen deutlich geringeren Wachstumshebel; zudem ergänzte Jensen Huang, die Wachstumsrate könne sogar noch steigen, sobald sich die Lieferengpässe lösen, und er sehe kein Nachfrageproblem. Solche Aussagen adressieren an der Börse meist zwei Fragen gleichzeitig: Ist Wachstum knapp wegen Kapazität oder bricht die Nachfrage? Beim ersten Szenario bleibt das Upside oft stärker steuerbar.
Der frühe Ausblick auf 2028 löste zudem eine spürbare Dynamik bei den Schätzungen aus. In der Quelle wird beschrieben, dass innerhalb eines Tages eine große Zahl neuer Analysen veröffentlicht wurde und sich dadurch die durchschnittliche Gewinnschätzung je Aktie für 2028 von 12,81 auf 14,86 US-Dollar erhöhte – ein Zuwachs von 16 Prozent. Aus den daraus abgeleiteten Multiples wurde auch ein Rückgang des KGV für 2028 von 16 auf 15 dargestellt. Wichtig ist: Die Kursreaktion entsteht hier nicht, weil die Gewinne „über Nacht“ dauerhaft in dieser Höhe liegen, sondern weil sich die erwartete Linie über mehrere Quartale hinweg verschiebt. Gleichzeitig deutet die Beschreibung an, dass Analysten seit Beginn des Geschäftsjahres 2027 mit ihren Umsatzschätzungen um 23 Prozent und mit ihren bereinigten Gewinnen um 19 Prozent regelmäßig danebliegen. Dieses Muster kann bei Investoren ein Signal sein, dass der Markt zu konservativ kalibriert ist – gerade dann, wenn Management-Kommentare zu Engpässen und Kapazitätsfreigaben präzise zeitlich eingebettet werden.
Der Vergleich mit Apple setzt dabei an der Bewertung an, nicht an der Technologie. Mit einem KGV von 15 für das Geschäftsjahr 2028 liegt NVIDIA laut der vorliegenden Einordnung weiterhin unter dem Niveau, das für den S&P-500-Raum typisch ist. Der Apple-Vergleich wird als historisches Muster aufgesetzt: Apple habe nach dem Bewertungs-„Tief“ Mitte 2010er-Jahre über mehrere Jahre hinweg eine Neudefinition der Kennzahlen erlebt, während an der Börse zunächst Skepsis überwog. Übertragen auf NVIDIA wird das Argument vor allem über Kapitalrückführungen strukturiert: Im Bericht wird ein Szenario diskutiert, in dem die Ausschüttungen von aktuell rund der Hälfte des freien Cashflows perspektivisch auf 75 Prozent oder mehr steigen könnten. Genau hier treffen zwei Hebel aufeinander, die Anleger seit Jahren bei Apple stark bewertet sehen: steigende Ausschüttungsquote und anhaltendes Wachstum, das nicht als reine Reifephase gelesen wird.
Technisch und strategisch lässt sich diese These auch anders begründen als nur über die Kennzahlen. NVIDIA war in der Quelle als nicht reine „Hardware-Story“ beschrieben, weil das Unternehmen zusätzlich zu Plattformwachstum weitere Wachstumsoptionen ausbaut – etwa über Netzwerktechnik, Prozessoren und optische Verbindungswege. In der Einordnung werden Kooperationen mit mehreren Technologielieferanten genannt, die den Ausbau in angrenzenden Schichten unterstützen könnten. Gegenpositionen existieren ebenfalls: Ein Kommentator betont, dass NVIDIA im Unterschied zu Apple nach dessen Hardware-Höhepunkt zusätzliche Wachstumsoptionen habe und damit nicht automatisch dieselbe Bewertungslogik „durchlaufen“ müsse. Darüber hinaus zeigt der Bericht, wie stark Kapitalrückführung bereits als Kernargument wirkt: Im abgelaufenen Quartal wurden rund 26,0 Milliarden US-Dollar über Rückkäufe und Dividenden an Aktionäre zurückgeführt; zum Quartalsende verblieben zudem 99,0 Milliarden US-Dollar der bestehenden Rückkaufautorisierung.
Für den weiteren Verlauf bleibt deshalb vor allem die Frage nach dem Zusammenspiel aus Marge, Ausblicksqualität und Ausschüttungsversprechen. Die nächste Quartalsdividende von 0,25 US-Dollar je Aktie soll am 1. Oktober 2026 an Aktionäre mit Stichtag 10. September 2026 gezahlt werden; zugleich erhöhte der Konzern im Mai 2026 die Dividende von 0,01 auf 0,25 US-Dollar und genehmigte eine zusätzliche Rückkaufautorisierung über mehr als 80 Milliarden US-Dollar. Finanziell stützt die Quelle die Erwartung: In der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2027 wurde ein freier Cashflow von 70 Milliarden US-Dollar genannt, wovon 45 Milliarden US-Dollar zurück an die Aktionäre flossen; für die zweite Jahreshälfte rechnen Analysten mit weiteren 93 Milliarden US-Dollar. Ob sich daraus eine Apple-ähnliche Bewertungsausweitung tatsächlich bestätigt, dürfte sich über mehrere Quartale zeigen – insbesondere daran, ob die Bruttomarge wie angekündigt wieder Richtung 72 bis 73 Prozent anzieht und ob die Kapitalrückführung in der von Analysten skizzierten Größenordnung ausgebaut wird.
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