LONDON (IT BOLTWISE) – Dan Ives rückt Nvidia in den Fokus, weil er den KI-Zyklus weniger von der Nachfrage als vom verfügbaren Angebot an Rechenleistung abhängig sieht. In seiner Argumentation stützt vor allem China die These, dass Workstation- und Rechenkarten weiterhin nur begrenzt verfügbar sind. Gleichzeitig bleibt der Schritt für Anleger ein Balanceakt: Die Finanzierungskosten steigen, und selbst bei starken Bestellungen ist der Weg zu nachhaltigen Umsätzen nicht garantiert. Als nächster Prüfstein gilt die Rubin-Plattform, deren erste Muster ab Dezember erwartet werden.

Dan Ives sortiert seine Tech-Favoriten neu – und Nvidia landet in der aktuellen Schwerpunktliste direkt auf dem ersten Platz. Der Kern seiner Aussage wirkt zunächst kontraintuitiv: Nicht die Kundennachfrage soll den KI-Zyklus bremsen, sondern die tatsächlich verfügbare Rechenleistung. Damit verschiebt sich die Frage, die viele Marktteilnehmer stellen, von „Wie groß ist der Hunger nach Modellen?“ hin zu „Wie schnell lässt sich Rechenkapazität überhaupt liefern?“ Gerade im Umfeld schneller Innovationszyklen kann diese Perspektive den Blick auf Engpässe in Lieferketten, Plattformkapazitäten und das Timing neuer Hardwaregenerationen schärfen.
Ives startet dabei mit einer ziemlich klaren zeitlichen Linie. Sein Team geht laut Darstellung davon aus, dass in den kommenden Jahren eine Ausgabenwelle in der Größenordnung von vier Billionen US-Dollar bevorsteht und dass die Infrastrukturebene mindestens bis 2027 knapp bleibt. Diese Knappheit bezieht sich weniger auf „irgendwelche“ Hardware, sondern auf die Kombination aus selten verfügbarer Rechenleistung, passendem Speicher und der Energieversorgung, die Rechenzentren für Training und Betrieb benötigen. In der Logik des Analysten profitieren Unternehmen daher vor allem dann, wenn sie genau diese Engpass-Ressourcen bereitstellen – nicht nur, wenn sie grundsätzlich im KI-Markt aktiv sind.
In der aktuellen Rangliste steht Nvidia vor Microsoft, Palantir, Apple und CrowdStrike. Dan Ives’ Kursziel liegt bei 300 US-Dollar, und auffällig ist vor allem der Richtungswechsel gegenüber dem eigenen Setup von 2026: Damals tauchte Tesla noch unter den Top-Positionen auf, Nvidia aber noch nicht. Genau solche Updates sind für Anleger oft ein Signal, dass sich Annahmen zum Liefer- oder Nachfrageprofil verschoben haben. Doch die Angebotslogik hat auch eine Voraussetzung: Sie funktioniert nur, solange die großen Cloudanbieter ihre Investitionen hochhalten und die Infrastrukturprojekte nicht in eine reine Optimierungsphase wechseln.
Die „China-Komponente“ liefert in der Argumentation den sichtbaren Hebel. Demnach sollen ByteDance, Alibaba und Tencent in den vergangenen Stunden mehr als drei Millionen Karten des Typs RTX PRO 5500 bestellt haben – zu einem Listenpreis, der ein Volumen von über 35 Milliarden US-Dollar ergibt. Die Workstation-Karte ist zwar schwächer als H200 und B300, zählt laut Beschreibung aber zu den stärkeren Nvidia-Chips, die chinesische Kunden unter den Exportregeln noch beziehen können. Eingesetzt werden soll die Kapazität vor allem für KI-Inferenz, also für die Ausführung bereits trainierter Modelle – ein Segment, das in vielen Unternehmen parallel zu Trainingsausgaben wächst, weil es unmittelbar in Produkte, Workflows und Entscheidungsprozesse übersetzt wird.
Entscheidend für die Tragfähigkeit der Knappheitsthese ist jedoch, dass die Bestellungen nicht automatisch in verfügbare und ausgelieferte Mengen überspringen. Nvidia habe Kunden und Partnern signalisiert, dass sich die Aufträge nicht garantieren lassen. Für Partner könnte demnach nur ein Anteil von fünf bis zehn Prozent der bestellten Mengen erreichbar sein. Für 2027 wird zudem eine Obergrenze von drei Millionen Karten weltweit genannt, was die „Listenpreismathematik“ eher als theoretische Obergrenze erscheinen lässt. Auch die Umsatzseite wirkt in der Darstellung vorsichtig: In der Umsatzprognose für das dritte Quartal mit 108 Milliarden US-Dollar seien Data-Center-Erlöse aus China ausdrücklich nicht enthalten – zumindest also nicht in dem Moment, in dem die Bestellungen nach außen sichtbar werden.
Ein weiterer Engpasspunkt liegt strategisch in der nächsten Plattformgeneration. Für 2027 kündigt Nvidia an, einen großen Teil der TSMC-Kapazität für die Rubin-Plattform zu reservieren. Das ist betriebswirtschaftlich konsequent, verschiebt aber die Verfügbarkeit: Selbst wenn einzelne Karten weiterhin verkauft werden können, konkurrieren die Herstellungskapazitäten innerhalb des Portfolios um Wafer, Packaging- und Testkapazitäten. Damit rückt Rubin als konkreter Prüfstein in den Vordergrund, denn erst die Kombination aus neuen Kapazitäten und Liefertempo entscheidet, wie schnell der Markt die erwartete Knappheit tatsächlich abbauen kann.
Wie stark der Markt das Thema bereits einpreist, bleibt zudem offen. Die Aktie habe im US-Handel zwar zeitweise um rund 0,3 Prozent zugelegt und um 218 US-Dollar gehandelt, insgesamt aber nur moderat reagiert. Marktbeobachter verweisen dabei auf steigende Finanzierungskosten sowie auf Zweifel, ob sich die hohen KI-Ausgaben zeitnah auszahlen. Parallel dazu zeigten sich auch bei anderen KI-nahen Börsenstarts deutliche Ausschläge: Beim koreanischen KI-Dienstleister Elice sei der Kurs am ersten Handelstag um bis zu 32 Prozent eingebrochen; mehrere Börsenpläne aus dem KI-Umfeld lägen zudem auf Eis. Genau das unterstreicht, dass „Knappheit“ zwar eine Grundlage für Preis- und Mengenargumente sein kann, der Kapitalmarkt aber stark zwischen kurzfristiger Bewertung und langfristiger Ertragsqualität trennt.
Schließlich sollte man die Angebotsstory auch im institutionellen Kontext lesen. Ives habe im September einen eigenen KI-Fonds aufgelegt, zudem tragen zwei börsengehandelte Fonds seinen Namen. Das heißt nicht, dass die Argumentation falsch sein muss – aber für Investoren ist es plausibel, Annahmen wie die erwartete Ausgabenwelle und die Reservierungslogik bei neuen Plattformen noch stärker als sonst auf Sensitivitäten zu prüfen. Für den konkreten Verlauf dürfte die Rubin-Timeline entscheidend sein: Erste Muster werden für Dezember erwartet, kommerzielle Auslieferungen für das erste Quartal 2027. Dann zeigt sich, ob Nvidia die angekündigte Knappheit schneller entschärfen kann als der Markt es derzeit erwartet – oder ob sich der Engpass über die nächste Generation hinweg fortsetzt.
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