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LONDON (IT BOLTWISE) – Die Österreichische Diabetes Gesellschaft fordert für Erwachsene ab 35 Jahren breitere HbA1c-Tests im Abstand von drei Jahren. Die Ausweitung soll laut Fachgesellschaft vor allem versteckte Fälle früher sichtbar machen und damit Folgekomplikationen reduzieren. Im Hintergrund stehen große Versorgungs- und Verspätungseffekte bei Typ-1-Diagnosen sowie ein Ausbaubedarf bei Technologien wie AID. Ergänzend rückt die Organisation auch moderne medikamentöse Ansätze in den Fokus.

ÖDG fordert HbA1c-Tests ab 35: frühere Diabetes-Erkennung in Österreich
ÖDG fordert HbA1c-Tests ab 35: frühere Diabetes-Erkennung in Österreich (Foto: IT BOLTWISE)
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Am Weltdiabetestag setzt die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) ihren Schwerpunkt auf die Frühdiagnose – und sie argumentiert dabei nicht nur mit medizinischer Logik, sondern auch mit messbaren Versorgungslücken. In Österreich leben nach Angaben von ÖDG-Präsident Harald Sourij von der Medizinischen Universität Graz mehr als 800.000 Menschen mit Diabetes mellitus. Sourij verweist zugleich auf die späten, teils dramatischen Folgen: Pro Jahr kämen rund 500 Majoramputationen oberhalb des Sprunggelenks zusammen, verbunden mit einer innerhalb eines Jahres nach dem Eingriff verzeichneten Sterblichkeit von über 36 Prozent. Für die Fachgesellschaft ist das ein Signal, dass Screening und Nachsteuerung im Vorsorgeprogramm nicht länger zu spät ansetzen dürfen.

Technisch betrachtet geht es dabei um die Frage, welche Blutwerte im Alltag breit genug verfügbar sind und wie zuverlässig sie Risikokonstellationen abbilden. Die ÖDG stützt ihre Forderung auf eine Auswertung von über 6,4 Millionen Nüchternblutzucker-Messwerten aus österreichischen Vorsorgeuntersuchungen. Demnach lag bei rund 6 Prozent der Untersuchten bereits ein bekannter Diabetes vor, knapp 3 Prozent der Befunde deuteten auf eine bislang unerkannte Erkrankung hin und rund 20 Prozent wiesen einen Prädiabetes auf. Entscheidend ist die Konsequenz aus diesen Anteilen: Neben dem bisherigen Nüchternblutzucker soll bei allen Personen ab 35 Jahren – besonders bei Übergewicht – alle drei Jahre zusätzlich der HbA1c-Wert ermittelt werden. Für Menschen mit bereits diagnostiziertem Prädiabetes empfiehlt die ÖDG eine jährliche Kontrolle.

Damit rückt eine Messgröße in den Mittelpunkt, die in der Praxis oft unterschätzt wird, obwohl sie das Risiko früher und über den Tag hinaus erfassbarer macht. HbA1c bildet den durchschnittlichen Blutzucker über einen längeren Zeitraum ab und kann so Unstimmigkeiten sichtbar machen, die sich über reine Nüchternmessungen leichter „verstecken“. Genau hier setzt auch die gesundheitspolitische Ausrichtung der ÖDG an: Die Fachgesellschaft nennt neben der Anpassung im Vorsorgeprogramm auch eine erweiterte Kostenerstattung für Glukosesensoren sowie für automatisierte Insulinabgabesysteme (AID). Die technische Idee hinter AID ist dabei, dass Sensordaten in eine Regelung einfließen und die Insulinabgabe kontinuierlicher steuern, als es bei rein manueller Steuerung möglich ist.

Die ÖDG betont allerdings auch, dass die Herausforderungen nicht bei Typ 2 enden. Bei Typ-1-Diabetes sieht die Fachgesellschaft Defizite in der rechtzeitigen Diagnose: Bei Erstmanifestationen stiegen die Raten an schweren Stoffwechselentgleisungen in Form von Ketoazidosen zeitweise auf bis zu 44 Prozent. Zusätzlich hebt die Organisation einen statistischen Punkt hervor, der viele Familien zusätzlich in die Irre führen kann: Mehr als 80 Prozent der neu betroffenen Kinder hätten keine nahen Angehörigen mit Typ-1-Diabetes. Gleichzeitig spielt die frühe Phase vor der klinischen Diagnose eine zentrale Rolle, weil mehr als zwei diabetes-spezifische Antikörper im Blut laut ÖDG im weiteren Verlauf eine Erkrankung „unausweichlich“ machen.

Gerade diese frühe Phase gewinnt durch neue Therapieoptionen an Bedeutung – und liefert damit einen zweiten Grund für konsequentere Früherkennung. Seit Jänner 2026 sei in der Europäischen Union der Wirkstoff Teplizumab für Erwachsene sowie Kinder ab acht Jahren zugelassen, die sich im Stadium 2 eines Typ-1-Diabetes befinden. Studiendaten werden mit einer medianen Zeit bis zur klinischen Diagnose von 48,4 Monaten unter Teplizumab gegenüber 24,4 Monaten in der Placebogruppe beschrieben. Damit kann die Behandlung den Ausbruch eines symptomatischen Diabetes um bis zu zwei Jahre hinauszögern. Das ist nicht nur eine Terminfrage, sondern beeinflusst auch, wie viel Zeit für strukturierte Vorbereitung bleibt – etwa für Schulung, Monitoring und familiäre Anpassungsprozesse.

Während Medikamente und Diagnostik zusammenspielen, adressiert die ÖDG zudem die Versorgungstechnologie. In Österreich stünden Patientinnen und Patienten derzeit nur zwei AID-Systeme zur Verfügung. Parallel betreibt die Organisation ein eigenes Register für seltene Krankheitsbilder: Inzwischen seien mehr als 140 Betroffene seltener monogenetischer Diabetesformen erfasst. Auch im medikamentösen Bereich verweist die Fachgesellschaft auf Studienergebnisse zu modernen GLP-1- und GIP-Präparaten, die das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Herzschwäche, Nierenerkrankungen sowie Todesfälle senken können – allerdings mit der Einschränkung, dass bei bis zu einem Fünftel Übelkeit als Nebenwirkung auftrete. Für Entscheidungsträger bedeutet das: Früherkennung allein reicht nicht, wenn Technologien, Erstattung und Therapiepfade nicht zugleich weiterentwickelt werden.

Für Unternehmen aus dem digitalen Gesundheits- und Laborumfeld ist der Vorstoß damit auch ein Marktsignal mit konkretem Engineering-Bezug. HbA1c-gestütztes Screening in festen Intervallen erhöht die Planbarkeit von Laborvolumina, macht aber auch die Integration in Vorsorge-Workflows relevanter: Ergebnisse müssen zuverlässig, schnell und in verständliche Entscheidungen übersetzt werden. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Sensorik und AID, weil eine stärkere Erkennung früher in eine datengetriebene Betreuung münden kann. In Summe verschiebt die ÖDG-Forderung den Fokus von reaktiver Behandlung hin zu kontrollierter Prävention – und verknüpft dabei Screening, Therapiezugang und Technologieunterstützung zu einem Gesamtbild, das in der Praxis erst dann wirkt, wenn alle Bausteine im Versorgungssystem zusammenpassen.

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