LONDON (IT BOLTWISE) – Pay-later-Apps wie Flex und Zip werden zunehmend genutzt, um nicht nur Online-Einkäufe, sondern auch Strom, Miete und andere laufende Haushaltskosten zu finanzieren. Laut Angaben aus der US-Forschung flossen im vergangenen Jahr 160 Milliarden US-Dollar über solche Kredite – fast doppelt so viel wie 2023. Gleichzeitig berichten Umfragen, dass viele Nutzer ohne diese Mittel sonst nicht über die Runden kämen. In der Branche rückt damit eine neue Debatte in den Fokus: Handelt es sich um flexible Zahlungsentlastung oder um einen Einstieg in „phantom debt“ durch lückenhafte Kreditdaten?

Der rasante Ausbau von „Buy now, pay later“-Finanzierungen wirkt inzwischen weniger wie eine Kauf-Finanzierungsoption für Online-Shopping und mehr wie eine Zahlungsinfrastruktur für den Alltag. In den App-Stores landen inzwischen Angebote, die nicht nur Waren, sondern auch wiederkehrende Fixkosten adressieren: So nennen die in der Berichterstattung beschriebenen Beispiele Kredite für Breitband, Strom, Krankenversicherung, Handyverträge, Hypotheken- und sogar Wasserrechnungen. Besonders deutlich wird der Wandel beim Thema Wohnen: Affirm startet demnach mit einer Pilotlogik für Mietzahlungen, indem sie jeweils nur einen Mietkredit vorstreckt und eine erneute Inanspruchnahme erst nach Tilgung des vorherigen Betrags erlaubt.
Technisch betrachtet hängt die Attraktivität solcher Systeme stark an zwei Punkten: Geschwindigkeit und Rückzahlungsmechanik. Viele Anbieter setzen auf eine App-gestützte Abwicklung, bei der Kunden eine Verbindung zu einem Bankkonto oder einer Debitkarte herstellen und die Finanzierung unmittelbar für die nächsten Zahlungen nutzen können. Die Laufzeiten liegen laut Quelle typischerweise nur bei wenigen Wochen oder Monaten; zudem werden häufig feste Gebühren erhoben. Auch wenn manche Anbieter wie beschrieben keine Säumniszuschläge erheben und bei Verzug eher die Kreditlinie einfrieren, bleibt das Risiko in der Praxis nicht nur eine Frage der Kosten, sondern auch des Timings: Werden Abbuchungen zu spät oder zu früh ausgelöst, kann das eine Kaskade nach sich ziehen, etwa durch Überziehungsgebühren („overdraft fees“) und weitere verpasste Zahlungen.
Die Marktdynamik unterstreicht, warum diese Mechanik politisch und wirtschaftlich als potenziell relevanter Faktor diskutiert wird. Laut den Angaben aus einer Veröffentlichung von Federal-Reserve-Ökonomen haben US-Verbraucher im vergangenen Jahr 160 Milliarden US-Dollar über Pay-later-Kredite ausgegeben – nahezu doppelt so viel wie 2023. Der Betrag bleibt zwar im Vergleich zu den mehr als 3 Billionen US-Dollar Konsumentenkreditumsatz über Kreditkarten kleiner, wächst jedoch laut Darstellung weiterhin mit zweistelligen Raten. Gleichzeitig liefern Umfragen ein klares Bild: „Half of those using them said they could not make ends meet otherwise“, heißt es in der Quelle – und damit wird die Frage nach Präferenz versus Notwendigkeit härter abgrenzbar. Genau daran arbeiten Ökonomen und Marktanalysten, weil sich die gleiche Produktform je nach Haushaltslage unterschiedlich auswirken kann.
Auch die in der Quelle genannten Nutzerstories machen sichtbar, wie Pay-later-Modelle vom „kurzfristigen Überbrücken“ zum dauerhaften Finanzierungspfad kippen können. Ashley Reed, 40, beschreibt laut Bericht den Ablauf: Zuerst nutzte sie derartige Kredite für kleinere Ausgaben, dann geriet die Familie durch einen medizinischen Notfall finanziell unter Druck. Sie habe Kreditkarten ausgeschöpft, bis „Loans from Afterpay, Klarna and other merchants became the only way she could keep up with her electric bill, auto insurance and repairs and other essentials.“ Am Ende pendelt sich bei ihr der Rückzahlungsprozess laut Quelle auf etwa 700 US-Dollar pro Monat ein, während sie gleichzeitig wieder neue Pay-later-Kredite aufnimmt, um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. Ihre Einschätzung fasst das Grundgefühl zusammen: „It’s a roller-coaster ride, up and down – I can’t afford to have an emergency.“ Für die Debatte ist das weniger ein Einzelfall als ein Muster: Wenn Haushaltsbudgets bereits angespannt sind, können Gebühren zwar planbar wirken, aber die Produktmechanik verstärkt trotzdem die Abhängigkeit von zukünftigen Zahlungen.
Gleichzeitig argumentieren Anbieter und Vertreter des Marktes, dass Pay-later gezielt als weniger harte Alternative zu klassischen, teils stärker sanktionierenden Kreditwegen dient. Lauren Saunders vom National Consumer Law Center wird in der Quelle mit einer präzisen Gegenposition zitiert: „The loans ‘address the real need that people are short of funds, but just adding fees to their monthly budget and leaving them short next week is not the answer.’“ Karen Webster, Chief Executive von Pymnts, ordnet die Entwicklung eher als Verschiebung im Konsumverhalten ein: „Consumers are using it more for essential, everyday things.“ Auf der Unternehmensseite wird das Thema Wohnen besonders defensiv beschrieben: Affirm begrenzt Mietfinanzierungen als Einmalvorschuss, um „some certainty“ zu geben. John Pitts, Vice President of Public Policy bei Affirm, wird dazu zitiert: „some certainty when they need it, for whatever reason, even if that’s just one time“. Flex wiederum, 2019 gegründet und in New York verortet, nennt als Beleg für die Marktnähe konkrete Reichweiten: Das Unternehmen habe demnach „nearly $40 billion“ an Mietzahlungen für „3 million tenants“ finanziert, mit einer Kundschaft, deren medianer Kredit-Score unter 600 liege.
Um die Risiken tatsächlich einzuordnen, entscheidet jedoch nicht nur die Produktlogik, sondern auch die Datenbasis, mit der Kreditwürdigkeit gemessen wird. In der Quelle wird eine wachsende „Blind spot“-Problematik beschrieben: Viele Pay-later-Anbieter berichten ihre Kredite nicht an Kreditbüros, wodurch herkömmliche Analysen das Entstehen von Schulden teils nicht erfassen. In diesem Kontext fällt auch der Begriff „phantom debt“, der jene Lücke beschreibt, die vor allem dann entsteht, wenn Schulden außerhalb des Mainstream-Kredit-Ökosystems aufgebaut werden. FICO kündigte laut Darstellung für Mitte 2025 neue Kredit-Scores an, die Pay-later-Daten integrieren sollen; ein konkretes Veröffentlichungsdatum habe sich aber verzögert, weil erst Daten in ausreichendem Umfang an Kreditbüros gesendet werden müssten, um Modelle zu testen und zu übernehmen. Dass die Federal Reserve Bank of Richmond in einer Analyse des vergangenen Jahres die systemischen Risiken als „limited“ einschätzte, sie aber warnte, dass sie sich bei ausbleibender Kontrolle verstärken könnten, zeigt: Es geht weniger um den einzelnen Kredit, sondern um die kumulative Wirkung vieler paralleler Finanzierungen in angespannten Haushalten.
Für die weitere Entwicklung ist damit weniger „KI“ als Schlagwort entscheidend, sondern die Infrastruktur, mit der Anbieter in Echtzeit Finanzentscheidungen treffen, Rückzahlungsereignisse überwachen und Daten in Score-Logiken einbetten. Gerade in diesem Umfeld könnten Unternehmen aus dem Zahlungs- und Datenbereich in den nächsten Monaten stärker gefragt sein: etwa bei Monitoring, Risiko-Transparenz oder bei Schnittstellen, die zwar den Datenschutz respektieren, aber eine konsistente Bewertung ermöglichen. Flex beschreibt sein Modell als „simple and safe system“, weil es keine Late Fees oder Zinseszinsen erhebe und erneute Kredite erst nach Rückzahlung erlaube; Ryan Metcalf, Vice President of Public Affairs, wird zitiert: „We can’t solve income, or the price of rent and affordability – what we can help people solve is a timing issue. It’s harm reduction.“ Ob daraus dauerhaft Entlastung wird oder sich bei weiterem Wachstum neue Abhängigkeiten verfestigen, hängt damit auch davon ab, wie schnell Kreditdaten, Monitoring und Kreditwürdigkeitsmodelle mit der Produktrealität Schritt halten.
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