LONDON (IT BOLTWISE) – Der PayPal-Verwaltungsrat lehnt ein Übernahmeangebot von Stripe und Advent ab und verlangt stattdessen einen Preis nahe 70 Dollar je Aktie. Das ursprüngliche Gebot liegt bei 60,50 Dollar und bewertet den Zahlungsdienst auf rund 53,4 Milliarden Dollar. Parallel prüft das Board mehrere strategische Optionen, während das neue Management mit Einsparungen und einem Wachstumspfad vorangeht. Entscheidend werden nun die nächsten Schritte rund um Finanzierung, Verhandlungsdynamik und die Quartalszahlen am 28. Juli.

Der Konflikt um die PayPal-Übernahme bekommt eine klare Preisdimension: Der Verwaltungsrat hat das gemeinsame Angebot von Stripe und Advent International zurückgewiesen und damit deutlich gemacht, dass die aktuelle Preisuntergrenze aus Sicht des Boards zu niedrig ist. Statt 60,50 Dollar je Aktie nennt der Vorstand als Ziel eine Größenordnung nahe 70 Dollar. Damit rückt die Bewertung der Gesellschaft wieder in den Mittelpunkt, denn das ursprüngliche Gebot hätte PayPal mit rund 53,4 Milliarden Dollar bewertet.
Für die Anleger ist die Ablehnung allerdings kein finales Nein, sondern eher ein Signal im Verhandlungsprozess. In der Sitzung am Montag wies das Board das Angebot zurück, mit der Begründung, es unterschätze PayPal deutlich. Als nächster Schritt wurden zudem Berater eingeschaltet: Goldman Sachs und Evercore sollen strategische Alternativen prüfen, die von einem Verkauf bis hin zum Verbleib als eigenständiges Unternehmen reichen. Genau in dieser Phase entscheidet sich, ob die Ablehnung als taktisches Druckmittel wirkt oder ob das Management wirklich bereit ist, die Unabhängigkeit zu verteidigen.
Technisch lässt sich der Kern der Diskussion so fassen: Der „Fair Value“ wird unterschiedlich interpretiert, und diese Bewertungsdifferenz erzeugt die Verhandlungsspanne. Das Angebot entspricht zwar einer Prämie von 28 Prozent auf den Schlusskurs vom 14. Juli, doch mehrere Analysten halten den fairen Wert dennoch für deutlich höher. Cantor Fitzgerald veranschlagt ihn bei 70 Dollar, Davis Park Management kommt auf 65,20 Dollar. Auf der optimistischeren Seite landet Investor Michael Burry mit einer Spanne von 75 bis 80 Dollar als konservativem innerem Wert; im positiven Szenario nennt er sogar bis zu 115 Dollar. Gleichzeitig bleibt das Gegenargument präsent: Wenn das Kurspotenzial stark vom Wachstum abhängt, müssen die Annahmen zur Nutzer- und Zahlungsentwicklung über die nächsten Quartale wirklich bestätigt werden.
Dass das Board „mehr“ fordert, fällt zudem in eine Phase des operativen Umbaus. Lores, der das Management am 1. März übernommen hat, treibt einen Spar- und Wachstumsansatz voran: PayPal verfügt über 13,5 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln und erwirtschaftete 2025 einen freien Cashflow von 6,4 Milliarden Dollar. Rund 4.760 Stellen entfallen etwa 20 Prozent der Belegschaft; damit will das Unternehmen jährliche Einsparungen von 1,5 Milliarden Dollar realisieren. Parallel wird Venmo als strategischer Baustein häufig als Vorzeigeprodukt in Deal-Szenarien betrachtet: Der Dienst zählt inzwischen 100 Millionen Nutzer, davon 67 Millionen monatlich aktiv, und verzeichnete zuletzt ein Umsatzplus von 20 Prozent im letzten Quartal. Diese Kennzahlen sind wichtig, weil bei Zahlungsplattformen Netzwerkeffekte und Transaktionsvolumen häufig stärker über den Unternehmenswert mitentscheiden als einzelne Produktfeatures.
Ein Wermutstropfen bleibt dennoch, weil die Wettbewerbslage in mobilen Wallets das Bewertungsnarrativ begrenzen kann. Laut den genannten Marktanteilen kontrollieren Apple Pay und andere Big-Tech-Wallets zusammen 35 Prozent des mobilen Zahlungsmarkts. Genau hier setzen Zweifel einiger Analysten an: Wenn ein großer Teil der mobilen Zahlungsströme bereits an Ökosysteme gebunden ist, wird es schwieriger, die optimistischeren Bewertungen über steigende Nutzerzahlen oder höhere Zahlungsfrequenz zu rechtfertigen. Diese Konkurrenz wirkt sich auch auf die Verhandlungsarchitektur aus, denn Bieter müssen dann entweder zusätzliche Wachstumsbelege liefern oder im Preis nachziehen, um das Risiko einer geringeren Monetarisierung auszugleichen.
Das weitere Vorgehen deutet deshalb eher auf eine Rückkehr des Konsortiums mit einem verbesserten Angebot hin als auf das endgültige Aus. Dafür spricht auch der Umstand, dass die Finanzierung bereits strukturiert ist: Mit 50 Milliarden Dollar an zugesagter Bankfinanzierung und 17 Milliarden Dollar Eigenkapital hätten Stripe und Advent grundsätzlich Spielraum für eine höhere Offerte. Gleichzeitig ist die Marktdynamik bereits spürbar eingepreist. Die Aktie notierte laut Quelle am Dienstag mit einem Rückgang um 1,59 Prozent auf 48,99 Euro, und der technische Indikator RSI von 76,9 gilt als „überkauft“, was darauf hindeutet, dass der Markt zwar Fortschritte in den Gesprächen erwartet, den gewünschten Preis aber nicht zwangsläufig 1:1 nach vorne handelt. Vom 52-Wochen-Hoch bei 70,78 Euro aus dem Oktober 2025 fehlen trotz Rally noch rund 31 Prozent.
In den nächsten Schritten dürften vor allem die Quartalszahlen am 28. Juli die Verhandlungslogik verstärken oder kontern. Sie geben ein Stück weit Antwort darauf, ob sich das Management als eigenständiges Unternehmen bestätigt fühlt oder ob die Kostenbasis, das Wachstum und die Cashflow-Entwicklung doch stärker unter Druck geraten als im aktuellen Szenario angenommen. Für PayPal-Aktionäre ist das deshalb keine reine Kursfrage, sondern eine Frage nach dem Tempo, mit dem Einsparungen und Produktwachstum das Bewertungsziel „nahe 70 Dollar“ untermauern. Unabhängig davon bleibt die zentrale Marktfrage: Wird aus der Ablehnung ein Preishebel mit einem nächsten, höheren Angebot – oder zwingt das operative Ergebnis am 28. Juli das Board, die eigene Position neu zu justieren.
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