LONDON (IT BOLTWISE) – In der Debatte um ein weitreichendes PFAS-Verbot auf EU-Ebene wartet Drägerwerk-Chef Stefan Dräger auf ein mögliches Einschreiten der Bundesregierung. Er argumentiert, dass die Regierung den Vorschlag politisch bewerten und ändern könnte, um den Industriestandort zu schützen. Im Zentrum steht die Frage, ob alle PFAS gleichermaßen ersetzt werden müssen oder ob sich bestimmte Anwendungen unter strengen Bedingungen fortführen lassen. Gleichzeitig läuft in der EU bereits ein großes Beschränkungsverfahren, dessen Bewertung bis Ende 2026 abgeschlossen sein soll.

Die Diskussion um PFAS-Regeln auf EU-Ebene bekommt in Deutschland spürbar Rückenwind aus der Industrie – und zugleich deutlichen Gegenwind aus dem politischen und zivilgesellschaftlichen Lager. Drägerwerk-Chef Stefan Dräger sieht dabei einen Hebel, der über das reine EU-Verfahren hinausreicht: Seiner Darstellung nach könnte die Bundesregierung noch handeln, um den Vorschlag nachzubessern. Hintergrund ist, dass PFAS politisch als besonders problematische Stoffgruppe gelten, während Unternehmen auf die Rolle der Chemikalien in Technik und Produktion verweisen. In dieser Gemengelage wird weniger über die grundsätzliche Umweltrelevanz gestritten, sondern stärker darüber, wie weitreichend ein mögliches Totalverbot tatsächlich sein sollte und wie sich Nebenwirkungen wirtschaftlich und technisch abfedern lassen.
Technisch und chemisch geht es um per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS. Der Kern der Debatte liegt darin, dass es sich um eine große Gruppe industriell hergestellter Chemikalien handelt, die wasser-, fett- und schmutzabweisende Eigenschaften besitzen. Mehr als 10.000 Verbindungen sind bekannt – und genau diese Breite erschwert pauschale Entscheidungen. PFAS gelten als „Ewigkeitschemikalien“, weil sich viele Vertreter in Umwelt und Körper nicht oder nur kaum abbauen. Gleichzeitig wird in dem Zusammenhang immer wieder betont, dass es Hinweise auf gesundheitsschädliche Wirkungen bestimmter PFAS gibt, während nicht jede Verbindung automatisch als gleich gefährlich bewertet wird.
Vor diesem Hintergrund warnt Drägerwerk nicht pauschal vor Umweltfolgen, sondern verschiebt den Fokus auf die Differenzierung nach Gefährdung und Anwendungsnutzen. Drägerwerk äußert sich dazu, dass die diskutierte PFAS-Regelung „existenzbedrohend“ sei – nicht nur für den eigenen Konzern, sondern als Branchenproblem. In der Argumentation des Vorstandsvorsitzenden klingt zudem ein Zielkonflikt an: Er spricht sich dafür aus, dass die Industrie besonders nützliche Stoffe weiter verwenden darf, sofern sie ungiftig und nicht wasserlöslich sind. Als Voraussetzung nennt er, dass Produktion, Gebrauch und Entsorgung kontrolliert werden müssten. Damit plädiert er für ein gestuftes Vorgehen: weniger „alles oder nichts“, mehr risikobasierte Steuerung, bei der gefährliche PFAS konsequent auslaufen, aber bestimmte Anwendungen unter strengen Prozess- und Entsorgungsregeln nicht abrupt abreißen.
Konkreter wird Dräger in einem wörtlich wiedergegebenen Appell an die Bundesregierung. „Die Bundesregierung könnte noch immer eingreifen und sagen, wir haben jetzt eine politische Bewertung auch der gesellschaftlichen Auswirkungen vorgenommen und wir wollen den Vorschlag ändern.“ Im selben Kontext betont er, dass er eine Initiative der Regierung erwarte, um den deutschen Industriestandort zu retten. Dabei kritisiert er auch die politische Grundlage des Vorgehens: Der Vorstoß, der offenbar auch aus Deutschland kommt, beruhe nach seiner Darstellung nicht auf einem Beschluss des Bundestags. Dräger fordert damit nicht nur eine fachliche Neubewertung, sondern stellt zugleich die politische Legitimation in den Mittelpunkt – ein Muster, das in EU-Regelsetzungsverfahren häufiger zu beobachten ist, wenn nationale Interessen in die Brüsseler Verhandlungen hineinwirken.
Parallel zur Unternehmensperspektive läuft die EU-Regulierung bereits auf vollen Touren. In der EU wird seit 2023 ein weitreichendes Beschränkungsverfahren diskutiert, das Behörden aus fünf europäischen Ländern – darunter Deutschland – angestoßen haben. Mehrere Varianten der Regelung stehen im Raum, während sich laut Darstellung abzeichnet, dass die Option eines Totalverbots voraussichtlich nicht umsetzbar ist. Entscheidender Zeitfaktor: Das Bewertungsverfahren soll bis Ende des Jahres abgeschlossen werden, also zeitlich eng an den aktuellen politischen Takt gekoppelt. Für Hersteller und Anwender bedeutet das vor allem Planungsdruck, weil Alternativen, Zulieferketten und Qualifizierungsprozesse oft Jahre benötigen – selbst wenn ein Verbot formal erst zu einem späteren Zeitpunkt greift.
Auch die verwendete Sprache spielt in dem Streit offenbar eine Rolle. Drägerwerk lehnt den Begriff „Ewigkeitschemikalien“ ab, zumindest nach eigener Aussage. Als Grund nennt das Unternehmen, Umweltaktivisten nutzten die Formulierung, um Unmut zu säen. Diese Distanzierung ist mehr als ein semantischer Detailstreit: Der Begriff hat sich in der Öffentlichkeit als prägnantes Framing etabliert, wirkt aber in Fachkreisen schnell zu pauschal. Das Unternehmen fordert damit indirekt eine Rückkehr zu einer stärker differenzierten Betrachtung, bei der die tatsächliche Abbaubarkeit und die konkrete Gefährdung einzelner PFAS im Vordergrund stehen. Für Entscheider in Unternehmen ist das relevant, weil Bezeichnungen häufig die Erwartungshaltung an Politik, Risikoanalyse und Ersatzstrategien prägen.
Für die Markt- und Unternehmensseite ist schließlich die Frage zentral, wie sich ein mögliches Regimewechsel-Szenario auf Produkte, Produktion und Compliance-Mechanismen auswirkt. Drägerwerk führt in diesem Zusammenhang auch den eigenen Unternehmensmaßstab an: Stefan Dräger leitet in fünfter Generation das 1889 in Lübeck gegründete Familienunternehmen. Vergangenes Jahr beschäftigte der börsennotierte Konzern mehr als 16.000 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von annähernd 3,5 Milliarden Euro; die Stammaktien hält mehrheitlich die Familie Dräger. Ob und wie schnell sich PFAS-relevante Materialien, Beschichtungen oder Prozesshilfen ersetzen lassen, hängt deshalb nicht nur von Chemie-Datenblättern ab, sondern von industriellen Qualifikationszyklen und von der Verfügbarkeit gleichwertiger Alternativen. Unterm Strich zeigt die Debatte, dass PFAS-Regulierung zwar aus Umwelt- und Gesundheitsgründen vorangetrieben wird, die praktische Umsetzung aber schnell zu einem strategischen Thema für den Standortwettbewerb wird – insbesondere dann, wenn bis zum Abschluss des EU-Bewertungsverfahrens bereits klare Leitplanken entstehen.
Für Unternehmen bleibt damit vorerst zweierlei entscheidend: Erstens die konkrete Ausgestaltung der EU-Varianten nach risikobezogenen Kriterien, zweitens der mögliche nationale politische Einfluss, den Dräger in den Raum stellt. Dass Dräger sich auf eine politische Bewertung „auch der gesellschaftlichen Auswirkungen“ bezieht, verdeutlicht dabei, dass die Entscheidungsebene nicht allein naturwissenschaftlich gedacht wird, sondern auch ökonomische und gesellschaftliche Kosten-Nutzen-Abwägungen einbezieht. Bis Ende 2026 dürfte sich zeigen, welche Parameter in der finalen PFAS-Regelsetzung dominieren – und ob das Ziel einer Umweltentlastung mit einer realistischen Umstellung industrieller Prozesse zusammenpasst.
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