PHILADELPHIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei Produktionen des Philadelphia Fringe Festivals im September stellen den Militärdienst und seine Nachwirkungen in den Mittelpunkt. Das Stück „Not Without Her Stories“ folgt vier Frauen am Stützpunkt, nutzt dabei Musik und Poesie und nimmt auch sexuelle Gewalt und den schwierigen Wiedereinstieg ins Zivilleben auf. Ein weiteres Format zeigt unter „Waiting for Westy“ Veteranen des Vietnamkriegs in einem lokalen Umfeld. Damit rückt die Festival-Programmierung die Frage nach Erinnerung, Gerechtigkeit und Versorgung nach dem Dienst spürbar in den Vordergrund.

Das Philadelphia Fringe Festival widmet sich in diesem September besonders stark dem Thema Militärdienst – nicht als heroische Folie, sondern als Erfahrung, die Körper, Psyche und Beziehungen dauerhaft prägt. Zwischen dem 8. und 27. September laufen dabei in der Stadt über 350 Produktionen, doch zwei Stücke gehen explizit auf die Perspektiven von Veteraninnen und Veteranen ein. Während viele Formate im Festival-Kontext eher Alltagsnarrative aufgreifen, setzt das Programm hier auf eine dichte Dramaturgie, die auch die Zeit „nach dem Einsatz“ sichtbar macht – inklusive der Lücken zwischen militärischer Struktur und ziviler Welt.
Im Zentrum steht dabei „Not Without Her Stories: Her Service Comes With A Sacrifice Too“, das über das Cannonball Hub-Programm präsentiert wird. Autorin und Darstellerin ist Jody Austin, eine pensionierte Army-Sanitäterin und Reservistin, die laut Berichten Dienst während Operation Desert Storm, Desert Shield und Southern Watch geleistet hat. Das Stück ist damit nicht nur thematisch inspiriert, sondern verarbeitet auch persönliche Arbeitsabläufe: Austin beschreibt in der Entstehung insbesondere den Blick auf die medizinische Versorgung, das Begleiten Verwundeter von den Frontlinien in Krankenhäuser in Deutschland und das anschließende Zurückkehren einiger Betroffener in aktive Einheiten. Auch die erzählerische Oberfläche folgt dieser Logik: vier Frauen treffen sich in einem Basiscamp, bauen langanhaltende Bindungen auf und navigieren ihre Biografien durch den Dienst und über die Rückkehr hinaus.
Technisch betrachtet wirkt das Konzept weniger wie ein klassisches „Veteranenstück“, sondern eher wie eine montierte Erinnerungsarchitektur, in der Triggermomente gezielt in die Handlung eingespeist werden. Austin macht in den Schilderungen zum Stück deutlich, dass der psychische Druck der Arbeit nicht endet, sondern sich in Flashbacks äußert; entsprechend arbeitet das Drama mit einem Bewusstsein für Nachwirkungen, statt Ereignisse nur retrospektiv zu ordnen. Dazu passt auch die Einbindung von Poesie und Musik: Diese Elemente fungieren im Stück offenbar als Rhythmusgeber, um Aussagen zwischen professioneller Distanz und persönlicher Betroffenheit zu übersetzen. Gleichzeitig ist die Besetzung nicht darauf ausgerichtet, eine einzelne „Heldinnen“-Erzählung zu liefern, sondern unterschiedliche Brüche zu zeigen, etwa wie schwer der Rückweg in zivilen Alltag gelingt, wenn Strukturen, Sprache und Orientierungspunkte plötzlich fehlen.
Ein besonders heikler Teil des Dramas widmet sich sexueller Gewalt – und zwar nicht als abstraktes Motiv, sondern als Konflikt, der auf juristische und gesellschaftliche Reaktionen trifft. In dem Stück kommt es zu einer sexuellen Übergriffserzählung, die eine der Figuren verfolgt und zu dem Wunsch nach Gerechtigkeit führt. Austin verknüpft diese Handlung laut den vorhandenen Informationen mit dem Fall der zivilen Ingenieurin Elsie Dominguez, die 2021 nach ihren Angaben an Bord eines Militärschiffs vergewaltigt worden sein soll. Dominguez reichte demnach 2023 eine Klage ein; ein Bundesrichter wies sie dann allerdings im August zurück und entschied, dass der Vorfall als Angelegenheit der Workers’ Compensation zu behandeln sei. Für die Dramaturgie bedeutet das: Das Stück zeigt nicht nur die Verletzung selbst, sondern auch die schwierige Frage, wie Betroffene im Nachgang zu einem passenden Verfahren, zu Zuständigkeiten und zu handlungsfähigen Wegen gelangen.
Damit ergänzt „Not Without Her Stories“ ein zweites Veteranen-Format, das im diesjährigen Fringe unter „Waiting for Westy“ läuft. Das Stück rückt Vietnamkriegs-Veteranen in den Fokus, die sich in Philadelphia in einem Veterans-of-Foreign-Wars-Kontext treffen. Auch hier steht weniger eine äußere Handlung im Vordergrund als vielmehr die soziale Umgebung, in der Erfahrungen geteilt oder zumindest gemeinsam geordnet werden können. Genau diese Perspektivverschiebung ist für das Verständnis des Festivalprogramms entscheidend: Während das eine Stück den inneren und medizinisch geprägten Nachklang in den Mittelpunkt stellt, verankert das andere die Erzählung stärker im Austausch innerhalb einer Community. Beides zusammen wirkt wie ein Versuch, die klassische Trennung zwischen „Einsatz“ und „Heimkehr“ aufzulösen.
Das Programm wird außerdem durch ein drittes Stück ergänzt, „Your Best Odd Girl Out“, das BroadwayWorld zufolge ebenfalls im Festival erscheinen soll. Geschrieben und gespielt wird es von Adrian Collins, Regie führt Em Hausmann; die Produktion wird von The Lemonade Stand getragen. Die Aufführungen sind für den 17. bis 19. September an Plays and Players Theatre (1714 Delancey Street) angesetzt. Collins beschreibt das Solo-Format als eine Collage aus queerer Sehnsucht und lesbischem Verlangen, die zugleich mit Publikumsinteraktion arbeitet. In der Beschreibung wird außerdem deutlich, dass das Stück mit der Dynamik von Nähe spielt – also mit dem Effekt, dass Publikum „mehr“ erfährt, als man in traditionellen Theaterformen oft erwartet.
In der Summe ergibt sich aus diesen drei Produktionen ein Programm, das nicht nur Themen „aufgreift“, sondern die Zugänge variiert: Veterans-Erinnerung, rechtlich und psychologisch gerahmtes Erleben von Gewalt sowie eine Interaktionsdramaturgie rund um queere Identität. Für Theatermacherinnen und -macher ist das spannend, weil hier unterschiedliche Erzählmedien zusammenspielen – von medizinischen Biografiefragmenten über juristische Zuständigkeitsfragen bis hin zu direkter Publikumsansprache. Für ein Publikum mit Technik- und Organisationsbrille steckt außerdem eine übertragbare Erkenntnis drin: Narrative werden dann wirkungsvoll, wenn sie die Schnittstellen zwischen Systemen ernst nehmen – in diesem Fall zwischen militärischer Ordnung und ziviler Lebenswelt, zwischen Anspruch auf Gerechtigkeit und realen Verfahrenswegen sowie zwischen persönlicher Sehnsucht und der sozialen Bühne, auf der sie gezeigt werden kann.
Dass „Not Without Her Stories“ ausgerechnet durch das Cannonball Hub-Programm läuft, unterstreicht zudem den Ansatz des Festivals, nicht nur bekannte Formen zu wiederholen, sondern neue Präsentationsräume zu öffnen. Gleichzeitig bleibt der Ausgangspunkt klar: Die Festivalarbeit stellt die Frage, wer im kulturellen Gedächtnis sichtbar wird – besonders wenn Betroffene nach dem Dienst auf Lücken stoßen, weil Familien weiterziehen, weil Unterstützungsstrukturen fehlen oder weil Geschichten rechtlich und gesellschaftlich anders behandelt werden, als Betroffene es sich erhoffen. Gerade in einer Zeit, in der Debatten über Erinnerung, Versorgung und Rechte häufig polarisiert geführt werden, bietet das Fringe damit einen konkreten Erfahrungsraum: Theater als Ort, an dem man zuhört, versteht und nachfragt.
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