BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Verteidigungsminister Boris Pistorius hat Befürchtungen zurückgewiesen, Deutschland mache sich mit dem Kauf des US-Kampfflugzeugs F-35 abhängig. Er verwies im „ZDF-Heute Journal“ darauf, dass Deutschland „unabhängiger werden“ wolle, zugleich aber „mit unseren größten Alliierten weiter rüstungsindustriell zusammenarbeiten“ müsse. Besonders wichtig sei, dass Beschaffung und Entwicklung gemeinsam erfolgen, damit Know-how und industrielle Kapazitäten in Europa bleiben. Pistorius betonte außerdem: Wartung und Unterhaltung der Flotte brauchen Standorte in Europa, sonst lassen sich die Einsätze nicht dauerhaft absichern.

Pistorius zum F-35-Kauf: Deutschland bleibt rüstungsindustriell unabhängig
Pistorius zum F-35-Kauf: Deutschland bleibt rüstungsindustriell unabhängig (Foto: IT BOLTWISE)
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Verteidigungsminister Boris Pistorius hat die Debatte um eine mögliche Abhängigkeit Deutschlands durch den Kauf des US-Kampfflugzeugs F-35 klar eingeordnet. Im „ZDF-Heute Journal“ reagierte er damit auf Bedenken, die auf die Liefer- und Betriebslogik komplexer Waffensysteme zielen: Wenn ein Flugzeug primär von einem Herstellerland stammt, entstehen schnell Fragen nach Ersatzteilen, Softwarepflege und langfristiger Wartungsfähigkeit. Pistorius stellte dem allerdings den eigenen Anspruch entgegen, unabhängigere Fähigkeiten aufzubauen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass diese Unabhängigkeit nicht im Sinne einer Abschottung verstanden wird, sondern im Sinne einer stärkeren Einbindung eigener industrieller Beiträge in internationale Programme.

Seine Argumentation baut auf dem Prinzip der gemeinsamen Entwicklung und Beschaffung auf. Pistorius sagte wörtlich: „Wir wollen unabhängiger werden“. Bereits in derselben Passage betonte er aber: Deutschland wolle und müsse „mit unseren größten Alliierten weiter rüstungsindustriell zusammenarbeiten“, und zwar dort, wo Kooperationen bereits funktionieren, oder wo es um Systeme geht, die es in Europa nicht oder noch nicht gebe. Diese Unterscheidung ist technisch und industriepolitisch relevant: Bestehende Kooperationspfade reduzieren Reibung bei Schnittstellen, Schulung und Betrieb, während fehlende europäische Fähigkeiten durch Partnerschaften schneller zugänglich werden können. Für die Beschaffungsrealität bedeutet das, dass politische Zielkonflikte zwischen „Souveränität“ und „Systemverfügbarkeit“ nicht nur rhetorisch, sondern über Vertragsdesign und Produktions- sowie Wartungsanteile gelöst werden müssen.

Pistorius ging zudem auf die Interessenlage auf beiden Seiten ein, ohne die Abhängigkeitsthematik zu leugnen. Er sagte: „Wir sind schließlich Alliiierte und haben auch vor, das zu bleiben.“ Daraus folge, „dass man gemeinsam entwickelt und beschafft“, und „Es gibt wechselseitige Interessen.“ Der Kern seiner Begründung: Die US-Seite habe ein Interesse daran, „auch unsere rüstungsindustriellen Kapazitäten, unser Know-how, unsere Ingenieurtechnologie und unsere Industriestandorte zu nutzen“, weil die Nachfrage in vielen Bereichen steigt. Technisch übersetzt heißt das, dass Wertschöpfung nicht nur im Bau der Flugzeuge stattfindet, sondern auch in der Lieferkette für qualifizierte Komponenten, in der Systemintegration und in der Fähigkeit, Wartungsarbeiten nach einheitlichen Standards vorzunehmen.

In die gleiche Richtung zielt sein Hinweis auf die Betriebsphase, die bei Kampfflugzeugen oft den größten Teil der Kosten und des Risikos ausmacht. Pistorius machte deutlich, dass die „Unterhaltung, die Wartung dieser Flugzeuge“ nicht „alleine von den Vereinigten Staaten von Amerika aus“ möglich sei. Für diese Aufgaben brauche es „Standorte in Europa“, die wiederum „wieder Aufträge für europäische Unternehmen“ bedeuten. Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel: Während die Schlagzeilen häufig den Kaufpreis und die Plattform selbst in den Mittelpunkt stellen, entscheidet die Wartungsarchitektur darüber, wie schnell Flugzeuge nach Zwischenfällen wieder einsatzfähig werden, wie stabil die Ersatzteilversorgung ist und wie zuverlässig Software-Updates oder Anpassungen an neue Bedrohungslagen in den Regelbetrieb integriert werden. Gerade bei einer steigenden Flottengröße wird deshalb die Frage nach europäischen Wartungskapazitäten zu einem operationalen Taktgeber.

Konkreter wird die Einordnung über die geplante Stückzahl und den zeitlichen Erwartungshorizont. Pistorius nannte, in ein paar Jahren würden bei den europäischen Armeen 700 F-35 im Einsatz sein. Für die Bundeswehr bezifferte er zudem die Investitionsdimension: Deutschland gibt dafür zehn Milliarden Euro aus. Solche Größenordnungen sind nicht nur ein Budgetsignal, sondern auch ein Maß für den Umfang der begleitenden Programmkomponenten wie Logistik, Ausbildung, technische Dokumentation, Bodeninfrastruktur und Test- sowie Zulassungsprozesse. Wenn ein Programm in dieser Größenordnung umgesetzt wird, müssen sich Vertrags- und Industriekonzepte über Jahrzehnte hinweg bewähren; andernfalls verlagern sich Abhängigkeiten vom Kauf hin zur Instandhaltung und damit an den kritischsten Punkt im Lebenszyklus.

Der Hinweis auf den Ablauf der Lieferung unterstreicht außerdem, dass die politische Debatte sich an realen Meilensteinen festmacht. Laut dem Bericht war Pistorius im texanischen Fort Worth bei der Präsentation der ersten von 35 bestellten Maschinen vor Ort. Fort Worth ist als Produktions- und Projektort für die konkrete Umsetzung relevant, weil dort die Übergabeprozesse beginnen und die technischen Parameter des betreffenden Loses feststehen. Damit verschiebt sich das Thema von der abstrakten Abhängigkeit hin zur Frage, wie Deutschland und europäische Partner im Programmverlauf systematisch an Schnittstellen, Wartungsleistungen und industrieller Integration beteiligt werden. Genau diese Beteiligung entscheidet am Ende, ob „unabhängiger werden“ mehr ist als ein politischer Wunsch.

Für die Technologie- und Industrieperspektive ist damit ein doppelter Effekt ablesbar: Einerseits ermöglicht der Zugriff auf ein bereits in mehreren Ländern eingeführtes Flugzeug eine schnellere Verfügbarkeit hoch integrierter Systeme. Andererseits entsteht der Gestaltungsspielraum vor allem dort, wo Betrieb, Wartung und weiterführende Anpassungen in Europa organisiert werden. Unternehmen, die in der Luftfahrt- und Verteidigungszulieferkette tätig sind, erhalten dadurch nicht nur einmalige Produktionsmöglichkeiten, sondern potenziell dauerhafte Programmrollen über Wartung, Instandsetzung und Teile der Systempflege. In einer Zeit, in der europäische Verteidigungsbudgets unter Druck stehen und gleichzeitig die Digitalisierung der Einsatzunterstützung wächst, wird die Entscheidung für ein großes Muster wie die F-35 damit zu einem Test dafür, wie verlässlich sich Industriepartnerschaften über den gesamten Lebenszyklus in operative Kapazität übersetzen.


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