LONDON (IT BOLTWISE) – Wenn wissenschaftliche Fachzeitschriften politische Kandidaten öffentlich unterstützen oder andere stark kritisieren, leidet das Vertrauen in die Wissenschaft. Laut einer Studie sinken insbesondere bei gemäßigten und konservativen US-Amerikanern die wahrgenommene Unparteilichkeit und der gesellschaftliche Nutzen der Forschung messbar. Gleichzeitig änderte sich das tatsächliche Befolgen praktischer Gesundheitsratschläge in den Experimenten nicht. Offen bleibt, wie stark sich entsprechende Botschaften bei liberalen Zielgruppen auswirken würden.

Wissenschaftliche Institutionen wirken in Krisen wie ein Orientierungssystem: Ob Pandemien, Klimarisiken oder andere komplexe Herausforderungen, für viele Menschen entscheidet sich Vertrauen nicht nur an Ergebnissen, sondern auch an der wahrgenommenen Unparteilichkeit der Akteure. Genau an dieser Stellschraube setzt die jetzt veröffentlichte Untersuchung an, die sich mit einem bisher eher kontrovers diskutierten Grenzfall beschäftigt: wissenschaftliche Zeitschriften, die politische Kandidaten unterstützen oder bestimmte Parteien beziehungsweise Politikerinnen und Politiker scharf kritisieren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass explizite politische Botschaften zwar nicht zwangsläufig dazu führen, dass Menschen weniger bereit sind, konkrete Empfehlungen umzusetzen, aber sie können die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft als Ganzes beschädigen.
Ausgangspunkt ist ein Forschungsinteresse, das aus der Psychologie kommt: das Konzept des motivated reasoning, also der Tendenz, Informationen so zu verarbeiten, dass sie besser zu bestehenden politischen Identitäten und Überzeugungen passen. Wenn ein Text mit der eigenen politischen Linie kollidiert, wird der Inhalt häufiger skeptisch geprüft; die Quelle selbst kann dabei an Reputation verlieren. Genau deshalb vermuteten die Forschenden, dass politische Endorsements ausgerechnet bei Menschen mit moderaten oder konservativen Einstellungen besonders stark auf die Wahrnehmung von wissenschaftlicher Objektivität wirken. Um das differenziert zu testen, betrachteten sie Vertrauen nicht als Einheitsgröße, sondern zerlegten es in mehrere Dimensionen: wahrgenommene Fähigkeit (Kompetenz), Integrität (Unparteilichkeit), Wohlwollen (Dienst am öffentlichen Wohl ohne versteckte Agenda) sowie behavioral trust, also die Bereitschaft, Ratschläge im Alltag tatsächlich zu befolgen.
Im ersten Experiment, das kurz vor der US-Wahl 2020 stattfand, nahmen 3.081 Teilnehmende online teil. Sie wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt: Die Kontrollgruppe las eine kurze neutrale Beschreibung der Zeitschriftenhistorie und -mission, ähnlich formatiert wie ein Nachrichten- oder Agenturtext. Die Treatment-Gruppe erhielt denselben Hintergrund, ergänzt um einen realen redaktionellen Abschnitt einer wissenschaftlichen Publikation, in dem entweder Joe Biden unterstützt oder Donald Trump kritisiert wurde. Anschließend beantworteten die Teilnehmenden Fragen zu Vertrauen in die Wissenschaft und zu ihrer Absicht, Gesundheitsrichtlinien einzuhalten. Das Muster war klar: Die politische Ansprache senkte das allgemeine Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen messbar. Besonders häufig berichteten Teilnehmende, die sich als politisch moderat oder konservativ einordneten, dass Wissenschaft nicht unparteiisch sei; dieser Effekt stützte sich vor allem auf die Integritätsdimension.
Die Details zeigen zudem, wie selektiv der Vertrauensverlust ausfällt. Bei konservativen Teilnehmenden erhöhte die Endorsement-Botschaft außerdem die Bereitschaft, Verschwörungserzählungen über Wissenschaft und die Herkunft des Coronavirus zu glauben – ein Hinweis darauf, dass die wahrgenommene Wohltätigkeit der Forschung (fehlende versteckte Absichten) ebenfalls erodieren kann. Gleichzeitig blieb die praktische Ebene weitgehend stabil: In den Daten zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied beim behavioral trust, also dabei, ob Menschen sich weiterhin an handlungsnahe Empfehlungen aus dem Gesundheitsbereich halten wollten. Im zweiten Experiment, das wenige Tage vor der Wahl im November 2020 durchgeführt wurde und 1.056 Teilnehmende umfasste, mit Abgleich auf nationale demografische Quoten für Alter, Geschlecht und Ethnizität, reproduzierte sich das Kernbild. Auch hier führten die politischen Endorsements zu weniger allgemeinem Vertrauen und zu stärkerer Annahme, Wissenschaft sei parteiisch. Zusätzlich sank die angenommene Wahrscheinlichkeit, wissenschaftliche Quellen für Coronavirus-Updates zu nutzen; auch das passt zu einer Abwertung der Kompetenzdimension.
Damit nicht genug: Eine dritte Testreihe knüpfte vier Jahre später an, rund um die US-Wahl 2024. Hier lasen 2.144 Personen redaktionelle Inhalte aus Scientific American, Nature und zusätzlich The Economist, weil diese Publikation zwar stark über Wissenschaft und Technologie berichtet, aber als breitere Medienmarke anders eingebettet ist. Wieder gab es neutrale Hintergrundtexte gegenüber Texten mit realen redaktionellen Stellungnahmen, diesmal mit Endorsements für Kamala Harris oder Kritik an Donald Trump. Da die Pandemie im Erhebungszeitraum nicht mehr der gleiche zentrale Bezugspunkt war, entfernten die Forschenden Fragen zur konkreten Coronavirus-Situation und ergänzten Messgrößen zur allgemeinen Wahrnehmung von wissenschaftlicher Objektivität und gesellschaftlichem Nutzen. Die Resultate entsprachen erneut dem 2020er Muster: Politische redaktionelle Botschaften senkten das allgemeine Vertrauen in die Wissenschaft und erhöhten die Überzeugung, dass persönliche und politische Werte die Forschung stärker bestimmen als objektive Kriterien. Auch hier zeigten gemäßigte und konservative Befragte den deutlichsten Rückgang, während der Effekt auf die reine Alltagstreue gegenüber konkreten Empfehlungen insgesamt nicht im selben Ausmaß sichtbar wurde.
Für die Einordnung ist entscheidend, was die Studie nicht testet. Weil sie sich konsequent auf reale redaktionelle Texte stützt, bleibt offen, wie stark liberale Zielgruppen reagieren würden, wenn ein wissenschaftliches Medium einen konservativen Kandidaten unterstützt. Ebenso adressieren die Forschenden das Spannungsfeld, in dem sich Zeitschriften bewegen: Vollständige politische Abstinenz kann zwar vor dem Vorwurf schützen, sich parteilich zu verhalten, aber komplette Stille könnte wiederum als Versäumnis interpretiert werden, besonders wenn wissenschaftliche Finanzierung angegriffen wird oder falsche Informationen kursieren. Aus Unternehmens- und Institutionssicht wird damit ein klassisches Kommunikationsdilemma sichtbar: Wer Glaubwürdigkeit in einem polarisierten Umfeld erhalten will, muss nicht nur inhaltlich belastbar sein, sondern auch die wahrgenommene Trennlinie zwischen Evidenz und politischem Lagerziehen schützen. Der nächste Schritt für die Forschung ist daher weniger die Frage, ob jede Form politischer Positionierung schadet, sondern wie Organisationen sachlich gegen Falschbehauptungen argumentieren und evidence-basiert für Politikoptionen werben können, ohne dabei als zu parteilich zu wirken.
Die Untersuchung trägt den Titel Presidential candidate endorsements by scientific journals decrease trust in science especially for moderate and conservative Americans und wurde von Stylianos Syropoulos, Kyle Fiore Law, Crystal Li, Bernhard Leidner und Kevin L. Young verfasst.
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