BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Potsdamer Platz bekommt zum zweiten Mal DGNB-Gold und gehört damit zu den ersten Quartieren, die nach dem neuen DGNB-System für Bestandsimmobilien bewertet wurden. Entscheidend ist dabei nicht nur das Ergebnis, sondern der Weg: Status-Quo-Analyse, Pre-Check und Auditierung wurden auf die bestehende Bausubstanz ausgerichtet. Das Quartier verfolgt Klimaneutralität bis 2045 und koppelt Verbrauchsziele mit nachhaltigen Mietvereinbarungen. Damit wird ein zentraler Punkt für die Immobilienbranche greifbar: Nachhaltigkeit ist im Betrieb möglich, nicht erst im Neubau.

Dass der Potsdamer Platz erneut DGNB-Gold erhält, ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil es nicht um ein neues Ensemble geht, sondern um ein gewachsenes Quartier mit historischer Schichtung. Der Standort gilt als Sinnbild der Wiedervereinigung: Aus ehemals zerstörtem Brachland, das im Zweiten Weltkrieg getroffen wurde und später von der Berliner Mauer durchzogen war, wurde seit den 1990er-Jahren ein gemischt genutzter Stadtraum. Bereits 2011 bekam der Potsdamer Platz erstmals die Zertifizierung für Neubau-Stadtquartiere in Gold. Nun folgt die zweite Auszeichnung als Bestandsquartier – und zwar nach dem neuen DGNB-System, das gezielt für die Bewertung im Bestand entwickelt wurde.
Technisch betrachtet beginnt die Nachricht mit dem Prozess: Drees & Sommer SE, verantwortlich für die Zertifizierungsbegleitung, führte die Prüfung nach dem DGNB-System für Bestandsquartiere durch. Dazu gehörten eine umfassende Status-Quo-Analyse, ein Pre-Check sowie die Auditierung. Damit verschiebt sich der Fokus von der Planungs- und Bauphase hin zu den realen Betriebs- und Nutzungsbedingungen, also zu dem, was Energie, Wasser und Ressourcen im Alltag tatsächlich verbrauchen. Die erneute Zertifizierung startete im Oktober 2023 und wurde im September 2025 mit der Stufe Gold abgeschlossen. Die zeitliche Spanne macht deutlich, wie viel Arbeit in der belastbaren Nachweisführung für Bestände steckt – nicht als einmaliger „Messpunkt“, sondern als konsistente Bewertungsgrundlage.
Die Nachhaltigkeitsstrategie des Quartiers wird dabei in messbare Betriebsziele übersetzt. Der Potsdamer Platz umfasst 12,7 Hektar und kombiniert Büroflächen mit Einzelhandel, Gastronomie, Hotels und Wohnungen; außerdem liegt ein denkmalgeschütztes Gebäude aus dem Jahr 1912 im Gebiet. Diese Gemengelage ist für Nachhaltigkeitskennzahlen wichtig, weil sehr unterschiedliche Nutzerprofile unterschiedliche Lastspitzen erzeugen. Für die 16 Gebäude, die Brookfield Properties über den Eigentümervertreter verantwortet, wurden Klimaschutzfahrpläne erarbeitet, die eine Klimaneutralität bis 2045 anstreben. Im Kern sind jährliche Verbrauchsreduktionen von jeweils 1 % bei Strom, Wasser, Wärme und Kälte – eine Vorgabe, die nicht nur auf theoretische Effekte setzt, sondern auf kontinuierliche Steuerung im Betrieb.
Besonders konkret wird es bei den Mechanismen, die diese Ziele organisatorisch „durchhalten“: Seit 2023 werden Green Leases eingeführt, also nachhaltige Mietvereinbarungen, bei denen Vermieter und Mieter gemeinsam Maßnahmen zur Reduzierung von Energie- und Ressourcenverbrauch sowie zur Verbesserung der Umweltbilanz festlegen. Solche Verträge sind aus Unternehmenssicht mehr als ein Etikett, weil sie Verantwortlichkeiten verschieben: Ein Bürobetreiber profitiert von niedrigeren Energiekosten, während der Vermieter Investitions- und Umbauentscheidungen mit den Betriebsparametern der Mieter verzahnen muss. Genau diese Kopplung ist im Bestand oft der Engpass, denn ohne abgestimmte Anreize prallen Effizienzmaßnahmen entweder an Nutzerverhalten oder an Budgetzyklen ab. Zusätzlich nennt das Quartier ein innovatives Regenwassermanagement, das eine Wiederverwendung für Bewässerung und teilweise Toilettenspülungen ermöglicht, sowie ein unterirdisches Ver- und Entsorgungszentrum, das die Effizienz und Nachhaltigkeit im Gesamtsystem stützt.
Auch die städtebauliche Ebene trägt in die Zertifizierungslogik hinein: Die Umgestaltung der Alten Potsdamer Straße zur Fußgängerzone schafft Aufenthaltsqualität und stärkt die Vernetzung innerhalb des Quartiers. Für die Nachhaltigkeitsbewertung ist das relevant, weil Mobilitätsströme, Wegeketten und die Verteilung von Nutzungskonflikten Auswirkungen auf Betrieb und Akzeptanz haben. In der Summe zeigt das Projekt damit eine Blaupause für andere urbane Lagen: Bestand ist nicht automatisch „zu alt“, sondern kann über die Kombination aus technischen Betriebsmaßnahmen, Prozessnachweisen und passenden Vertragsmodellen zukunftsfähig gemacht werden. Genau diese Lesart unterstreicht auch die erneute Zertifizierung, indem sie Nachhaltigkeit als laufende Aufgabe im Bestand versteht – nicht als einmaliges Neubau-Thema.
Markt- und Branchenkontext kommt hinzu, weil die DGNB-Quartierszertifizierung bisher stärker auf Neubauprojekte ausgerichtet war. Laut den Angaben zum Pilotbetrieb können nun erstmals auch Bestandsquartiere sowie Quartiere in Transformation auf Basis der „Marktversion“ zertifiziert werden. Mit dem Abschluss der Pilotphase im Jahr 2025 erweitert sich damit der Bewertungsraum, was für viele Asset- und Portfoliostrategien entscheidend sein dürfte: In der Praxis entfallen die meisten Flächen nicht auf Neubauten, sondern auf Bestände, die über Jahrzehnte optimiert werden müssen. DGNB trägt dieser Vielfalt urbaner Nutzungen Rechnung, indem je nach Nutzungsschwerpunkt unterschiedliche Profile vorgesehen sind – etwa für Stadtquartiere, Businessquartiere, Gewerbequartiere und Industriestandorte. Das senkt die Hürde für eine passgenaue Bewertung, weil Kriterien nicht blind über alle Nutzungsarten gestülpt werden.
Aus Sicht der Immobilienpraxis ist der wirtschaftliche Hebel ebenfalls ein zentraler Punkt: Eine Zertifizierung ist kein Selbstzweck, sondern soll sich in mehreren Dimensionen auszahlen. Durch die intelligente Nutzung von Ressourcen wie Strom und Wasser lassen sich Kosten reduzieren, was unmittelbar den Nutzern zugutekommt. Gleichzeitig steigt mit nachgewiesener Nachhaltigkeitsqualität häufig die Attraktivität – und damit potenziell der Wert der Immobilien im Quartier. Dass der Potsdamer Platz diese Logik in einem Gebiet mit hoher Bekanntheit und komplexer Nutzungskombination vorführt, kann Signalwirkung entfalten: Wenn ein Quartier mit 17 Objekten (16 in der Verantwortung des Eigentümervertreters) die Anforderungen über einen langen Zeitraum hinweg erfüllt, wird das Argument gegen „zu teures Bestands-Refitting“ konkret überprüfbar. Für Unternehmen bedeutet das zugleich: Die nächsten Investitionsentscheidungen werden stärker darauf geprüft, ob sie sich in Betriebskennzahlen, vertragliche Steuerung und reale Infrastrukturmaßnahmen übersetzen lassen.
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