NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Prada und Axiom Space stellen mit dem „Liquid Cooling and Ventilation Garment“ ein neues Untergeschirr für Artemis-Mondanzüge vor. Das System nutzt interne Kanäle mit Kühlflüssigkeit und eine Luftführung, die Temperatur stabilisiert sowie CO₂- und Sauerstoffaustausch im Anzug unterstützt. Im Fokus steht zugleich Engineering statt nur Optik: weniger aufwändige Montage, bessere Passformoptionen und modular austauschbare Komponenten. Damit zielt das Duo auf die extremen Bedingungen am Mond-Südpol und auf die nächste Ära bemannter Missionen.

Dass Raumfahrttechnik plötzlich nach Mode aussieht, ist selten – umso spannender ist die aktuelle Kombination aus Axiom Space und Prada. Bei der Präsentation des „Liquid Cooling and Ventilation Garment“ (LCVG) wird deutlich, dass es sich nicht um ein ästhetisches Feature handelt, sondern um einen Kernbaustein des lebensunterstützenden Anzugs. Das Untergeschirr sitzt innerhalb des von Axiom entwickelten AxEMU-Raumanzugs, der für Nasa’s Artemis-Missionen gedacht ist. Der Knackpunkt: Das LCVG übernimmt Kühlung und Belüftung dort, wo Astronautinnen und Astronauten am empfindlichsten reagieren – direkt am Körper, bei Druck-, Temperatur- und Stoffwechselanforderungen, die auf dem Mond stark variieren.
Technisch basiert die Neuerung auf einer Kombination aus Flüssigkühlung und gezielter Luftführung. Laut Axiom wird das LCVG mit eingebauten Kanälen gefertigt, in denen kleine Leitungen Kühlflüssigkeit transportieren. Diese Flüssigkeit zirkuliert dann im Anzug und erlaubt eine feinere Temperaturkontrolle als frühere Ansätze, bei denen Rohre durch Netzmaterial gefädelt werden mussten. Das spart nicht nur Zeit in der Fertigung, sondern kann auch die Reproduzierbarkeit verbessern, was in der Serienlogik von Raumfahrtprojekten entscheidend ist. Parallel dazu bewegen größere Luftleitungen die Belüftung: Die Luft wird zunächst im Gesichtsumfeld geführt und anschließend um den Körper verteilt.
Für das Lebenserhaltungssystem sind genau diese Abläufe besonders relevant. Während Astronautinnen und Astronauten atmen, entziehen geeignete Lüftungs- und Gasmanagement-Prozesse dem Anzug kontrolliert Kohlendioxid und führen Sauerstoff zurück. Die Präsentation betont dabei den Zusammenhang zwischen Komfort, Temperaturregime und sicherheitsorientierter Funktionalität. Historisch wurden solche Aufgaben in EVA- und Raumfahrtanzügen über eine Mischung aus passiven Materialien, mechanischer Luftbewegung und Thermokontrolle gelöst. Neu ist hier vor allem die Art, wie Flüssigkühlung innerhalb der Textilstruktur integriert und operationalisiert wird – mit dem Ziel, die thermische Last in realen Mondzyklen stabiler zu halten.
Der Markt- und Wettbewerbsaspekt zeigt sich allerdings nicht nur in der Materialoptik, sondern in der Frage, wer welche Rolle im Ökosystem einnimmt. Axiom setzt mit AxEMU auf Partnerschaften, die sowohl historische Anzugskompetenz als auch moderne Fertigungs- und Systemintegrationsfähigkeit kombinieren. Als unmittelbarer Referenzpunkt aus der Raumanzugsgeschichte gilt etwa ILC Dover, das bereits bei Apollo-Anzügen beteiligt war, während Hardwarekompetenz im Lebensunterstützungsbereich traditionell auch bei Unternehmen wie Collins Aerospace (früher Hamilton Standard) lag. Damit positioniert sich Axiom in einem Umfeld, in dem Standards, Zuverlässigkeit und Testfähigkeit den Ton angeben – und in dem Kooperationen zwischen Aeronautik und industrieller Fertigung seit Jahrzehnten funktionieren.
Wie die Branche solche Entwicklungen bewertet, lässt sich aus typischen Kriterien ableiten, die bei bemannter Raumfahrt besonders stark gewichtet werden: Integrationsaufwand, Wartbarkeit, Fehlertoleranz und die Fähigkeit, Anzugvarianten für unterschiedliche Missionsprofile schnell zu konfigurieren. Axiom und Prada argumentieren hier mit modularen Designs und möglichen, individuell angepassten Fits. Wenn einzelne Komponenten austauschbar sind, sinkt der Aufwand gegenüber einem vollständigen Tausch des kompletten Anzugs – ein wirtschaftlich relevanter Hebel, sobald der Weg nicht nur zu einzelnen Missionen führt, sondern zu wiederkehrenden Starts. Axiom selbst spricht in diesem Zusammenhang von dem Ziel, langfristig „tausende und Millionen“ an Raumfahrtbeteiligten zu ermöglichen, was zwangsläufig Standardisierung und Skalierbarkeit verlangt.
Ein entscheidender historischer Kontext ist der Sprung von Apollo zu Artemis. Apollo 17 liegt knapp 54 Jahre zurück – seitdem hat sich nicht nur das Material- und Fertigungswissen verbessert, sondern auch das Verständnis für komplexe Umgebungszustände: Der Mond-Südpol ist weniger einheitlich als frühere Zielregionen, weil er nicht dauerhaft von Sonnenlicht durchflutet ist. In der Präsentation wird explizit auf starke Temperaturdifferenzen zwischen beleuchteten und abgeschatteten Abschnitten verwiesen, die physikalisch eine andere Auslegung thermischer Regelkreise erfordern. Genau hier soll das LCVG mit präziserer Kühlung und passender Belüftung helfen. Besonders relevant ist das für EVA-Phasen, in denen Astronautinnen und Astronauten länger aus dem Anzug heraus arbeiten und thermische Grenzwerte schneller erreichen.
Die Infrastruktur für die Validierung folgt dieser Logik. Neben Testreihen unter variierenden Umweltbedingungen steht auch die Prüfung in speziellen Einrichtungen im Raum, etwa in Neutral Buoyancy Laboratories, also den großen Schwimmbecken, in denen Trainings- und Simulationsszenarien für EVA-nahen Kontakt durchgeführt werden. Zusätzlich ist – wie von Axiom angedeutet – ein schrittweiser Testplan möglich, bei dem Teilaspekte zunächst an anderen Plattformen erprobt werden könnten. Solche Vorgehensweisen erinnern an bewährte Entwicklungszyklen: Erst Funktionsnachweis, dann Systemintegration, dann EVA-ähnliche Handhabungs- und Dauerbelastungstests. Der Unterschied liegt in der höheren Komplexität des Zusammenspiels aus Kühlkreisläufen, Luftführung und ergonomischer Passform.
Damit stellt sich auch eine regulatorische und sicherheitsbezogene Perspektive. Zwar geht es hier nicht um klassische Datenschutzthemen, aber im Kern um Human-Safety- und Zulassungsfragen: Ein lebensunterstützendes Subsystem muss nachvollziehbar funktionieren, fehlertolerant sein und in definierte Betriebsgrenzen eingebettet werden. Raumfahrtprogramme wie Artemis folgen dazu in der Regel strikten Prüf- und Dokumentationsprozessen, einschließlich Materialnachweisen, Zuverlässigkeitsbewertung und klaren Testprotokollen für kritische Zustände. Gerade modularisierte Designs erhöhen zwar die Wartbarkeit, verlangen aber ebenso saubere Schnittstellen- und Austauschkonzepte, damit neue Versionen nicht unbeabsichtigt die Leistungsfähigkeit in Gas- oder Thermodynamik verändern.
Für Unternehmen und Entwicklerinnen und Entwickler ergibt sich aus der Meldung ein spannender Engineering-Impuls: Das LCVG zeigt, wie sich Muster der industriellen Systemtechnik (modulare Baugruppen, wiederverwendbare Komponenten, standardisierte Testlogik) auf ein Umfeld übertragen lassen, das lange eher handwerklich und missionsspezifisch geprägt war. Prada bringt dabei Fertigungskompetenz und Materialverständnis ein – etwa dort, wo Außenmaterial und strukturelle Integrität in den Anzug hineinwirken. In der Raumfahrt ist das entscheidend, weil Abrieb, thermischer Stress und mechanische Beanspruchung im lunar dust-Umfeld anders wirken als in irdischer Umgebung. Wenn der Anzug die „Integrity“ behält, wird das Gesamtsystem zuverlässiger – und damit steigen die Chancen, dass kurzfristige Anpassungen in der Mission nicht zu riskanten Rollbacks führen.
Mit Blick auf die nächsten Schritte lässt sich eine klare Entwicklungslinie ableiten. Wenn das LCVG-Design bereits als Teil des AxEMU-Systems gedacht ist, wird die weitere Arbeit voraussichtlich an drei Stellen spürbar: erstens an der Optimierung der thermischen Regelgüte über alle Betriebsphasen, zweitens an der Fertigungs- und Austauschgeschwindigkeit für modulare Varianten und drittens an der Ergonomie, also wie gut sich Passformen und Beweglichkeit unter EVA-typischen Belastungen erhalten lassen. Gleichzeitig dürfte der Wettbewerbsdruck wachsen, weil jedes einzelne Prozente an Zuverlässigkeit und Komfort direkte Auswirkungen auf Missionsplanung und EVA-Zeit hat. In der nächsten Ausbaustufe wird es daher vor allem darum gehen, die neue Architektur in größerem Maßstab reproduzierbar zu machen – und damit Artemis aus der „Einmal-Pioniere“-Phase in Richtung Serienfähigkeit zu bewegen.
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