LONDON (IT BOLTWISE) – Private-Equity-Firmen kommen derzeit immer schlechter aus ihren Beteiligungen heraus. Laut PitchBook lag ihr Bestand an unverkauften Unternehmen per 30. Juni bei 33.575, deutlich mehr als zum Jahresende zuvor. Der klassische Zyklus aus Kaufen, Entschuldung, operativer Verbesserung und anschließendem Verkauf oder Börsengang läuft damit für viele Deals langsamer an als von Investoren erwartet. Besonders Software-Unternehmen und Exit-Wege über günstige Finanzierung geraten in den Sog steigender Zinsen.

Der viel zitierte Deal-Boom in den USA wirkt auf den ersten Blick wie ein Rückkehr zur Normalität: Große Börsengänge, milliardenschwere Konsolidierungen im Mediensektor und High-Profile-Transaktionen in der Energiebranche. Für Private Equity ist diese Dynamik allerdings nur teilweise sichtbar. In der Praxis sitzt der Markt fest, weil immer mehr Beteiligungen in eine Art Warteschleife geraten, in der Verkäufer keinen Preis bekommen, der zu den Renditezielen der Geldgeber passt. Genau diese Lücke zwischen Bewertung und Liquidität beschreibt der Bericht anhand eines harten Kennwerts: Bis zum 30. Juni wies der Datenanbieter PitchBook bei Private-Equity-Firmen 33.575 unverkaufte Unternehmen in den Portfolios aus.
Der Bestand wächst dabei kontinuierlich. Gegenüber 32.451 Firmen Ende des Vorjahres bedeutet das einen klaren Anstieg, und er ist noch deutlicher, wenn man den langfristigen Vergleich zieht: Vor einem Jahrzehnt lag die Zahl bei 15.923. Entscheidend ist dabei weniger die absolute Größe, sondern die Konsequenz für das Geschäftsmodell. Üblicherweise kaufen Private-Equity-Investoren ein Unternehmen, nehmen dafür häufig größere Schulden im Bilanzmix auf, arbeiten die operative Performance und die Finanzkennzahlen über mehrere Jahre heraus und verkaufen anschließend – entweder im Zeitraum von etwa fünf bis sieben Jahren über einen Exit am Markt oder über eine Kapitalmarktöffnung. Wenn der Exit jedoch stockt, wird aus einem geplanten Zyklus ein Kapitalbindungseffekt, der sich direkt auf Renditekennzahlen und Liquiditätsplanung auswirkt.
Für institutionelle Investoren wie Pensionsfonds und Stiftungen, die über Jahrzehnte hohe Gebühren bezahlt haben, um „market-beating“-Renditen zu erhalten, entsteht damit ein doppeltes Problem: Sie sehen einerseits, dass das Exit-Versprechen langsamer eingelöst wird, und andererseits, dass die Performance im Vergleich zu börsengehandelten Benchmarks nicht hinter den Erwartungen zurückbleibt, sondern spürbar darunter liegt. In einer Zeitraumrechnung von 1. Juli 2022 bis 31. März 2026 erzielten US-Private-Equity-Firmen laut den jüngsten MSCI-Daten annualisierte Renditen von 6,4 %. Demgegenüber stehen 15,2 % für den S&P 500 und 19,3 % für den Nasdaq im selben Zeitraum. Aus der Finanzlogik folgt: Wer Renditeziele in erster Linie über Exit-Multiples und fremdfinanzierte Strukturierung erreichen will, braucht für den Verkauf Käufer, die bereit sind, ähnliche Bewertungen auch unter neuen Zinsbedingungen zu zahlen.
Der Engpass ist laut Text an mehrere Ursachen gekoppelt. Höhere Zinsen erschweren Käufern das Leben, die für Akquisitionen stark auf günstige Verschuldung setzen. Zusätzlich wird die Lage in einem Segment besonders deutlich, in dem Private Equity seit Jahren aktiv ist: Software. Dort sind viele Beteiligungen konzentriert, und viele Software-Unternehmen haben an Wert verloren, weil Investoren befürchten, KI könne zukünftige Ertragsprofile drücken. Auch ein wichtiger historischer Nachfragekanal bricht weg: In früheren Zyklen wurden Private-Equity-Deals häufig innerhalb der Branche weitergereicht – also von einem Fonds an den nächsten. Dieser Käuferstrom ist in der aktuellen Marktphase deutlich abgeschwächt. Gleichzeitig verschiebt sich die Kapitalverwendung bei den Fonds selbst: Seit die Notenbank 2022 die Zinsen anhebt, müssen Private-Equity-Häuser mehr Cash aufwenden, um Schulden an die höheren Zinskosten anzupassen. Das reduziert die Bereitschaft, neue Deals in dem früheren Tempo zu finanzieren, was wiederum die Bewertungsniveaus in der Breite nach unten zieht.
Die Stagnation zeigt sich auch in Unternehmensberichten und Aussagen einzelner Marktakteure. So verwies Apollo Global Management in der Berichterstattung über schwächere Quartalsergebnisse innerhalb der Private-Equity-Sparte auf einen schwierigen Markt für Unternehmensverkäufe und Börsengänge und erklärte, dass Exits „prudently delayed“ würden. John Maldonado, Managing Partner bei Advent International, bringt es auf den Punkt: „Buyers and sellers still have too big of a valuation gap“. Wenn sich diese Bewertungsdifferenz verfestigt, verlängert sich nicht nur die Haltedauer, sondern sie verändert auch die Strategie der Fonds – weg von planbaren Verkäufen hin zu Zwischenlösungen wie Refinanzierungen, Kreditverlängerungen und der Suche nach späteren Exit-Fenstern.
Damit verschiebt sich das Problem in Richtung „neue Normalität“. Elizabeth Cooper, globale Leiterin Private Equity bei Simpson Thacher & Bartlett, spricht davon, dass sie in das Jahr hinein eine ganze Reihe von Unternehmen auf dem Plan gehabt habe, die sie frühzeitig hätte verkaufen können, die aber weiterhin auf Käufer warten. Ihre Diagnose lautet sinngemäß: Das Umfeld sei durch anhaltend hohe Zinsen, Volatilität an den Aktienmärkten und politische Unsicherheit neu kalibriert worden. Gleichzeitig gibt es Stimmen, die den Rückstau relativieren: Einige Beteiligungen könnten über längere Haltephasen doch noch starke Renditen ermöglichen. Dennoch bleibt der Kontrast zu Venture Capital auffällig. Während Private Equity bei klassischen Exit-Mechanismen langsamer ist, investieren Venture-Fonds in KI-Pioniere wie OpenAI, Anthropic und SpaceX – und generieren damit offenbar Renditeprofile, die die Erwartungen vieler Anleger gerade neu ordnen.
Auch beim Versuch, den Exit über IPOs zu beschleunigen, zeigt sich die Schieflage. Laut Dealogic gingen seit 2022 nur 70 börsennotierte Gesellschaften an US-Exchanges, die von Private Equity unterstützt wurden. Im Zeitraum 2017 bis 2021 waren es dagegen 424. Gerade Software ist dabei besonders anfällig: Viele Fonds hatten in 2021 stark auf die Branche gesetzt, bevor ChatGPT den Markt und die Erwartungen an KI-bedingte Werttreiber neu austendierte. Ein konkretes Beispiel liefert Thoma Bravo: Der Fonds hatte Proofpoint 2021 für 12 Milliarden US-Dollar gekauft. Nach Angaben aus dem Umfeld der Verhandlungen wurden die Konditionen eines Kredits mit den Gläubigern verlängert, bei höheren Zinsen, was in der Logik vor allem eines signalisiert: Der Zeithorizont für den nächsten großen Schritt wird länger. In ähnlicher Weise beschreibt der Text Blackstone als Fall, bei dem Ancestry.com seit 2020 (4,7 Milliarden US-Dollar Kaufpreis) weiter im Portfolio bleibt und die Fälligkeiten der Schulden sechs Jahre später ebenfalls verlängert wurden. Blackstone kommentierte diese Maßnahme als „standard refinancing transaction“ und betonte zugleich, sie lasse nicht automatisch auf zukünftige Pläne schließen.
Für die Branche entsteht daraus ein harter Spannungsbogen zwischen Finanzierungstechnik und Timing. Viele Akteure erwarten, dass Fonds sich am Ende doch von Assets trennen müssen und damit Geld an ihre Investoren zurückgeben – möglicherweise auch zu niedrigeren Preisen. Advent International gilt im Bericht als eine seltene Ausnahme, weil der Fonds mehrere Verkäufe umgesetzt und zudem andere Beteiligungen an die Börse gebracht hat. John Maldonado verknüpft das mit einem realistischen Bedarf: Investoren bräuchten Geld zurück, weshalb andere Häuser dem Muster folgen müssten. Der wichtigste nächste Schritt für Private Equity dürfte daher weniger eine technische Innovation sein als eine Anpassung des Exit- und Kapitalstruktur-Designs: Wenn sich Bewertungen, Zinskosten und Marktliquidität dauerhaft verschieben, wird „Planbarkeit“ zur Engpassressource.
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