BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Vor dem Landgericht Berlin muss sich ein 68-Jähriger wegen mehrerer Übergriffe verantworten, die er nach Angaben der Staatsanwaltschaft über Dating-Plattformen angebahnt haben soll. Laut Anklage soll er Frauen teils als Polizist oder Bundeswehrpilot ausgegeben und ihnen alkoholische Getränke mit sedierenden Substanzen verabreicht haben. In der Verhandlung räumte der Angeklagte Vergewaltigungen ein; Details zu einzelnen Tatabläufen ließ er zunächst offen. Zusätzlich belastet die Ermittlungs- und Beweisaufbereitung die Betroffenen psychologisch, weil viele anfangs keine klaren Erinnerungsbilder haben sollen.

Prozess in Berlin: Mann soll Frauen nach Dating-Kontakten betäubt und vergewaltigt haben
Prozess in Berlin: Mann soll Frauen nach Dating-Kontakten betäubt und vergewaltigt haben (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Prozess vor dem Landgericht Berlin dreht sich um einen Ablauf, der auf den ersten Blick alltäglich wirkt, in seiner konkreten Ausgestaltung aber systematisch auf Ausnutzung zielt: Der inzwischen 68-Jährige soll Frauen aus Berlin und Brandenburg über Online-Dating-Plattformen kennengelernt haben und dabei Rollen gespielt haben, die Vertrauen erzeugen. Ermittlungen zufolge trat er dabei nicht nur als Polizist auf, sondern in Teilen auch als Bundeswehrpilot. Nach den Vorwürfen kamen die Frauen freiwillig in seine Wohnung, bevor es dort zu Taten gekommen sein soll, die er laut Anklage mit Betäubung, Missbrauch und Aufzeichnungen untermauert haben soll.

Zum Prozessauftakt sagte der Angeklagte über seinen Verteidiger Jochen Schöfthaler, „Die Vergewaltigungen räume ich ein“. Er erklärte außerdem, auch der in der Anklage geschilderte Ablauf der Taten sei zutreffend. Bei der Frage nach Details blieb er zunächst zurückhaltend; der Beschrieb im Vorfeld nennt als Kontext, dass der Mann seit März in Untersuchungshaft sitzt. Die Staatsanwaltschaft verfolgt dabei nicht nur den Vorwurf einzelner Übergriffe: Sie legte dem Gericht zunächst 22 Fälle aus dem Zeitraum von 2016 bis 2022 vor und erweitert das Bild später über den Stand laufender Ermittlungen hinaus.

Technisch-biografisch besonders folgenreich ist in diesem Fall die Art, wie die Tatmechanik nach Darstellung der Anklage funktioniert haben soll. Demnach habe der gelernte Elektriker die Kontakte über Dating-Profile angebahnt und den Frauen alkoholische Getränke angeboten, in die er eine „sedierende Substanz“ untermischen soll. Zielbild ist laut Anklage ein Zustand, in dem die Opfer „keinerlei Wahrnehmungen machen konnten“ und „nicht in der Lage waren, sich zu äußern oder zu wehren“. Als sich betroffene Frauen schließlich in einem solchen „der Bewusstlosigkeit zumindest ähnlich“ beschriebenen Zustand befunden hätten, habe er ihnen zufolge vergewaltigt. In der Verlesung der Anklage soll zudem betont worden sein, dass dem Angeklagten bewusst gewesen sei, „dass die Gabe sedierender Substanzen, insbesondere auch in Kombination mit Alkohol, zu potenziell lebensbedrohlichen Situationen führen kann, was er auch billigend in Kauf nahm“, so Staatsanwalt Sebastian Schwarz.

Aus Sicht der Beweisaufnahme kommt eine weitere Dimension hinzu: In der Anklage wird beschrieben, dass bei einzelnen Fällen auf Aufnahmen Schnarchen zu hören sei, während eine Betroffene versucht haben soll, die Hand des Mannes wegzuschieben, und andere sich offenbar benommen geäußert haben sollen. Gleichzeitig war den Frauen nach den Ermittlungsangaben teils über Jahre hinweg nicht klar, was ihnen angetan wurde. Vier Betroffene treten als Nebenklägerinnen im Prozess auf; bei einigen soll es nach den Treffen zunächst nur ein komisches Gefühl gegeben haben, andere hätten über Schwindel und Übelkeit geklagt, ohne eine Erinnerung an sexuelle Handlungen zu haben. Der Traumaarbeits-Experte Georg Pieper fasst diese Konstellation in der öffentlichen Berichterstattung als „Potenzierung des Horrors“: Jede Vergewaltigung sei eine Traumatisierung, weil die Opfer eine „absolute Hilflosig- und Machtlosigkeit“ erlebten. Er sagte zudem: „Diese Frauen haben jedoch zunächst keine Bilder. Das ist für eine Therapie äußerst schwierig“, und begründete weiter, „Denn diese setzt in der Regel an dem Punkt an, ganz genaue Erinnerungen hervorzurufen, um das Erlebte dann verarbeiten zu können.“

Die Ermittlungen bekamen laut Darstellung auch durch eine Spur aus Niedersachsen neuen Schwung: Ein Hinweis aus Verden an der Aller in Niedersachsen habe das Berliner Vorgehen ausgelöst. Der Angeklagte soll in Chat-Kontexten Kontakt zu einem Mann gehabt haben, der dort Anfang 2025 in den Fokus geriet und gegen den Ermittlungen liefen. In dieser Umgebung soll der Angeklagte nach den Vorwürfen zudem unter dem Chat-Namen „Zeppelin 70“ unterwegs gewesen sein und sich offenbar auch nach Möglichkeiten erkundigt haben, wie man Frauen betäuben könne, um dann an ihnen zu vergehen. Die Parallele zu einem international bekannt gewordenen Fall, in dem eine Frau über Jahre hinweg mit Medikamenten betäubt und zur sexuellen Ausbeutung freigegeben worden war, wird in der Berichterstattung als gedanklicher Hintergrund genannt, um zu erklären, warum Ermittler besonders aufmerksam auf Muster in digitalen Kontaktwegen blicken.

Auch die technische Sicherstellung von Beweismitteln wird in der Verhandlung detailliert: Der Ermittlungsführer schilderte vor Gericht, dass bei zwei Durchsuchungen im Juni 2025 und März 2026 „sehr, sehr viele Datenträger“ sichergestellt worden seien. Eine Kamera sei im Schlafzimmer fest installiert gewesen und auf „24/7“ in Betrieb gewesen. Zudem seien Schlafmittel, Spritzen und Kanülen in Kisten und Koffern gefunden worden; der Beamte schilderte, dass der Angeklagte dies mit einer Ausbildung zum Sanitäter und Schlafstörungen begründet habe. Parallel plant das Landgericht weitere Verhandlungstage bis zum 1. Oktober; die Fortsetzung soll am 18. August erfolgen. Die Staatsanwaltschaft strebt darüber hinaus nach Angaben „neben der Verurteilung“ auch eine Anordnung der Sicherungsverwahrung nach einer Haftstrafe an.

Für die Reichweite des Falls ist entscheidend, wie sich die Zahl der Betroffenen über die identifizierten Verfahren hinaus entwickelt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es insgesamt 58 Betroffene; die Taten sollen bis ins Jahr 2010 zurückreichen, allerdings seien manche Handlungen möglicherweise bereits verjährt. Zehn mutmaßliche Opfer seien bislang nicht identifiziert worden. Damit verschiebt sich der Kern der juristischen Arbeit nicht nur auf die Frage, was in einzelnen Nächten passiert sein soll, sondern auch auf den späteren Transfer von digitalen Spuren, Chat-Inhalten und sichergestellten Daten in eine belastbare, zeitlich korrekte Beweisstruktur. Für Betroffene bedeutet das zudem, dass Ermittlungsarbeit unmittelbar in therapeutische Planung hineinwirkt: Wenn Erinnerungen fragmentiert sind und Bilder fehlen, wird die frühe psychologische Betreuung besonders relevant, weil der Weg in die Verarbeitung dann anders verlaufen kann als bei klassischen Traumafolgen mit klaren episodischen Erinnerungen.


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