LONDON (IT BOLTWISE) – Raiffeisen Research ordnet die Aktienlage zur Mitte des dritten Quartals 2025 als insgesamt robust ein, obwohl es im Tech-Segment im Juni und Juli deutliche Korrekturen gab. Für den ATX sieht das Institut nach der mehrjährigen Outperformance nun ein reiferes Stadium: Die Marktbreite hat nachgelassen, und das Aufwärtspotenzial gilt als eher ausgereizt. Beim KI-Thema erkennt Raiffeisen Research noch keine ausgeprägte Blase, warnt aber vor einer schwer zu haltenden Gewinndynamik aus hohen Investitionen. An den Zinsmärkten sind die Renditen seit Jahresbeginn deutlich gestiegen, während bei österreichischen Staatsanleihen trotz Nachfrage ein mögliches Rating-Signal an Moody’s im Raum steht.

Raiffeisen Research: ATX-Rally läuft aus, KI-Überhitzung noch ohne Blasensignale
Raiffeisen Research: ATX-Rally läuft aus, KI-Überhitzung noch ohne Blasensignale (Foto: IT BOLTWISE)
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Zur Mitte des dritten Quartals 2025 zeichnet Raiffeisen Research ein Bild, das nicht nach Schönwetter klingt, aber auch nicht nach Alarm: Die US- und europäischen Aktienmärkte kommen mit Korrekturen im Tech-Segment durch, ohne dass der Gesamtmarkt nach unten „mitgezogen“ wurde. Im „Mid-Q3-Update“ des D&D Research Rendezvous ordnet Gunter Deuber (Raiffeisen Research) diese Gemengelage vor allem über zwei Faktoren ein. Erstens konnte laut seiner Einschätzung die Tech-Korrektur stattfinden, ohne breite Marktverluste auszulösen. Zweitens sieht er eine ungewöhnlich starke Gewinnseite: In den USA läge das Gewinnwachstum bei etwa 40 bis 50 Prozent, während 20 bis 25 Prozent als optimistische Erwartung galten. Genau diese Diskrepanz macht aktuell auch den mentalen „Puffer“ des Marktes aus, denn sie erklärt, warum Rücksetzer bei Wachstumstiteln nicht sofort in einen allgemeinen Risikoabbau kippen.

Technisch betrachtet hängt die Stabilität vor allem daran, wie Märkte mit Bewertungsfragen und gleichzeitig mit Ergebnisrechnungen umgehen. Deuber nennt als Beispiele zeitweise Kursverluste von rund 20 Prozent bei SpaceX und Rückgänge beim Nasdaq von 5 bis 7 Prozent; bei Einzeltiteln waren die Ausschläge teils deutlich stärker. Besonders interessant ist dabei seine Einordnung der OpenAI-Thematik: Die Verschiebung des Börsengangs sieht er im Kontext der Korrekturen eher als gesund an, also als einen Vorgang, der den Gesamtmarkt weniger unter Druck setzt, als es bei einer reinen Bewertungsstory der Fall wäre. Für die nächsten Monate bleibt damit das zentrale Narrativ: Wenn Gewinne weiter über dem Erwartungsniveau liegen, kann der Markt kurzfristig höhere Volatilität „verdauen“. Deuber deutet aber gleichzeitig an, dass das Gewinndynamik-Tempo mittelfristig schwerer zu halten ist, und genau diese Lücke zwischen Erwartungsniveau und Gewinnpfad wird die zweite Jahreshälfte prägen.

Für den österreichischen Leitindex ATX lautet die Kernbotschaft: Die Rally läuft langsam aus, das Risiko wirkt jedoch begrenzt. Deuber stellt dabei eine historische Logik in den Raum: Phasen von 18 bis 24 Monaten beziehungsweise zwei bis drei Jahren, in denen der ATX eine deutliche Outperformance („Run“) hinlegen konnte, seien in der Vergangenheit üblich gewesen; anschließend werde die Luft dünner. Dass die Risikowahrnehmung trotzdem gedämpft ist, begründet er mit dem Bankensektor: Dessen Gewinnlage schätzt Raiffeisen Research weiterhin als sehr solide ein, was das Gesamtrisiko im Index im Vergleich zu früheren Hochphasen begrenzt. Gleichzeitig sieht er aber einen Widerspruch in der Marktbreite: Über zwölf Monate liegen 15 ATX-Titel im Plus und nur 5 im Minus – das ist ein deutlich günstigeres Verhältnis als etwa im EuroStoxx oder im DAX. Auf Monatssicht dreht sich das Bild: Nur noch 9 Titel notieren im Plus, 11 im Minus. Damit wird klar, warum die Stimmung nicht bricht, aber auch nicht mehr „breit“ trägt: Die Outperformance verlagert sich stärker auf einzelne Gewinntreiber, während andere Segmente bereits unter Druck stehen.

Die nächste Frage lautet folglich, wie stark die Indexmechanik die Wahrnehmung verzerrt. Rund um die bevorstehende Index-Neuzusammensetzung zum September-Verfall ist die RBI-Aktie ein zentrales Thema: Nach der Darstellung von Christian Drastil hätte die Aktie eine „mathematisch große“ Chance, in den ATX 5 aufgenommen zu werden – was bedeuten würde, dass drei von fünf Titeln in diesem Kernindex aus dem Bankensektor stammen. Deuber betrachtet die damit verbundene Indexkonzentration zwar als verstärkt, hält sie aber für international betrachtet nicht für ungewöhnlich; auch andere Indizes würden stark durch einzelne Titel und Sektoren geprägt. Aus Sicht der Ergebnisperspektive ist dabei die Absicherung europäischer Banken besonders relevant, insbesondere jener Institute mit Fokus auf Osteuropa. Trotzdem bleibt der ATX auf Bottom-up-Ebene „eher etwas ausgereizt“, weil die Marktbreite nachlässt und neben Banken auch aus dem Versorgerbereich sowie teilweise aus dem Industriesektor negative Überraschungen vorkamen. Als Gegenpol nennt Raiffeisen Research die noch ausstehenden Ergebnisse der Bauunternehmen, die dem Index wieder zusätzlichen Schub geben könnten.

Unterdessen verschiebt sich das Gespräch um RBI und Strabag in Richtung Kapitalmarkt-Infrastruktur jenseits der reinen Charttechnik: Deuber ordnet ein mögliches Asset-„Tausch“-Szenario als eine Option ein, die mittelfristig naheliegend sei. Der Hintergrund ist dabei die Verteilung von westeuropäischen Vermögenswerten in Russland und russischen Vermögenswerten im Westen, die seiner Darstellung nach weiterhin relevant bleibt. Damit wird aus einem Einzeltitel-Thema ein strukturelles Bewertungsproblem, weil solche Transaktionen – selbst wenn sie nicht sofort passieren – Erwartungen in die Bewertung einpreisen können: einmal über Liquidität und einmal über Bewertungsrisiken, die sich erst später konkretisieren. Deuber bezeichnet das, was RBI in diesem Kontext plane, als potenziellen Präzedenzfall für weitere ähnliche Themen. Gleichzeitig bleibt die Gesprächseinstellung klar: In der Sprache des Talks soll genau diese Themenballung „vom Tisch“ kommen, also nicht zum Dauerbrenner im Risiko-Setup werden.

Die Brücke zur KI-Frage schlägt Raiffeisen Research über die Aussage „keine Blase, aber schwer haltbare Gewinndynamik“. Deuber verweist auf eine aktuelle Gewinndynamik im Zusammenhang mit KI-Investitionen, die „außergewöhnlich“ sei und sich mittelfristig kaum halten lasse – vor allem, wenn hohe Investitionen verarbeitet und abgeschrieben werden müssen. Kurzfristig hält er dagegen eine Fortsetzung für möglich: Seiner Einschätzung nach könne die Dynamik noch sechs bis zwölf Monate anhalten. Um das Risiko einzuordnen, nimmt Raiffeisen Research laut Deuber ein Set von 10 bis 12 Indikatoren zur Blasenerkennung heran. Aktuell befänden sich davon nur ein bis zwei im roten Bereich, verglichen mit dem Ende der 1990er-Jahre, als acht bis neun Indikatoren rot gewesen seien. Die Unterschiede macht Deuber vor allem an „realen Profiten“ fest: Heute würden Profite erzielt, Investitionen ließen sich teilweise monetarisieren, und die Finanzierung erfolge bislang vergleichsweise wenig über Schulden. Wichtig ist auch die Zinskomponente: Zinsen seien bei der aktuellen Gewinnentwicklung noch keine relevante Größe; selbst ein leichter Anstieg der US-Zinsen durch die Fed sei derzeit nicht stark genug, um die Dynamik zu kippen.

Damit rückt zum Abschluss die Makroebene in den Vordergrund. Bei den Zinsmärkten nennt Deuber eine deutliche Bewegung seit Jahresbeginn: US-Renditen von 4,0 Prozent auf fast 4,7 Prozent sowie deutsche Renditen von 2,6 Prozent auf über 3,2 Prozent. Diese Entwicklung sei laut seiner Darstellung bereits mit mittelfristigen Folgeeffekten eingepreist worden, unter anderem im Umfeld des Iran-Konflikts und der Reaktionen der Notenbanken. Interessant wirkt das aktuelle Niveau vor allem aus Anlage-Sicht, weil sich langfristig wieder Kaufkrafterhalt beziehungsweise Realverzinsung in vergleichsweise sicheren Titeln absichern lasse – mit höherer Risikobereitschaft dann auch mehr. Kurzfristig sieht er allerdings die Zinsrisiken eher nach oben gerichtet und schließt aus, dass die US-Renditen kurzfristig sogar Richtung 5 Prozent gehen könnten. Für 2027 hält er Zinssenkungen für denkbar, falls sich das KI-Thema dann stärker auf Wachstum und die US-Wirtschaft auswirken sollte.

Für österreichische Staatsanleihen ergibt sich daraus ein zweigeteilter Blick: Einerseits bleibt die Nachfrage hoch, andererseits steht ein mögliches Rating-Signal im Raum. Deuber führt aus, dass die österreichische Bundesfinanzierungsagentur zuletzt höhere Handelsvolumina am Sekundärmarkt verzeichnet habe; die Spreads zu deutschen Anleihen lägen im Bereich längerer Laufzeiten bei 20 bis 30 Basispunkten. Den „Safe-Haven-Status“ erklärt er jedoch vor allem relativ: Andere Emittenten – als Beispiel nennt er Frankreich – würden derzeit kritischer gesehen, sodass Anleger verstärkt nach vergleichsweise besseren Alternativen suchen. Mit Blick auf die anstehende Rating-Einschätzung von Moody’s zu Österreich rechnet Deuber tendenziell mit einem Downgrade beziehungsweise einem weiteren Warnsignal; zudem erinnert er daran, dass Österreich sein Triple-A-Rating bereits 2012 verloren habe. Zugleich betont er, dass die Chancenseite in vielen Portfolios in der Asset-Allocation bisher zu kurz komme und dass bei dem aktuellen Zinsniveau ein genauerer Blick auf diese Anlageklasse lohnen kann.


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