KIEW / LONDON (IT BOLTWISE) – Bei einem russischen Raketenangriff auf Kiew ist laut Unternehmensangaben auch ein Lager des Ulmer Schmierstoffherstellers Liqui Moly getroffen worden. Ein anschließender Brand blieb ohne Verletzte, dennoch sei ein niedriger Millionenbetrag an Schaden entstanden. Das Team arbeitet mit Hochdruck daran, Lieferketten wiederherzustellen und dem betroffenen langjährigen Kunden möglichst schnell wieder Lagerkapazitäten bereitzustellen. Gleichzeitig betont der Sprecher, dass an einen Wiederaufbau vorerst noch nicht gedacht wird.

Der Angriff auf Kiew macht deutlich, wie schnell sich außenpolitische Gewalt auf ganz konkrete Betriebsabläufe auswirkt: Laut Unternehmenssprecher Sina Ataei wurde bei dem russischen Raketenangriff auf die ukrainische Hauptstadt auch ein Lager von Liqui Moly getroffen. Das Ereignis ist damit nicht nur als „Begleitmusik“ des Kriegs zu verstehen, sondern als Störung in einer realen Logistikkette, die Ersatzteile, Additive und Schmierstoffe zuverlässig vom Hersteller zum Handel bringen muss. Auch wenn im konkreten Fall laut Sprecher niemand verletzt wurde und die unmittelbare Schadenshöhe als „niedriger Millionenbetrag“ beziffert wird, bleibt die Kernfrage für alle Zulieferer und Abnehmer: Wie schnell lässt sich Versorgung trotz beschädigter Infrastruktur wieder stabilisieren?
Technisch betrachtet liegt die Herausforderung weniger im Reinigen oder Reparieren eines einzelnen Gebäudes als vielmehr in der Wiederherstellung des Umschlagpunkts. Ein Lager erfüllt im Wertschöpfungsprozess mehrere Funktionen gleichzeitig: Es bündelt Bestände, glättet Liefer- und Nachfrage-Spitzen und ermöglicht eine planbare Distribution an Kunden, die ihre eigenen Produktions- oder Servicezyklen darauf ausrichten. Ataei ordnet die Bedeutung des betroffenen Objekts explizit ein: Bei dem „völlig zerstörten Objekt“ handelte es sich um ein Lager, in dem ein langjähriger Kunde Waren lagerte. Damit wirkt die Zerstörung unmittelbar auf einen Partnerstandort, weil nicht nur ein Gebäude, sondern auch die kurzfristige Verfügbarkeit von Produkten verloren geht.
Hinzu kommt die organisatorische Komponente, denn die Wiederbeschaffung und Re-Allokation von Ware kann nicht einfach „von heute auf morgen“ erfolgen. Ataei sagt, man wolle dem Partner so schnell wie möglich wieder Lager zur Verfügung stellen, jedoch sei das „nicht so leicht“. Das klingt banal, ist aber in der Praxis anspruchsvoll: Alternativflächen müssen erst verfügbar sein, Transporte durch unsichere oder eingeschränkte Routen organisiert werden und es braucht eine Abstimmung, wie Bestände umgeschichtet werden, ohne dass es zu Produktmischungen oder Qualitätsproblemen kommt. In solchen Situationen zeigt sich, wie stark Unternehmen ihre Lieferketten entlang von mehreren Containern für Risiko planen müssen: Lagerkapazitäten, Transportwege und operative Übergabepunkte sind im Zweifel schneller weg als einzelne Produktionschargen.
Auch auf Branchenebene zeigt die Meldung, dass Logistik- und Verteilzentren in Kriegsphasen zu strategischen Zielen werden. Das Verteidigungsministerium in Moskau hatte am Mittwoch von einem Massenangriff gesprochen, der sich gegen Logistik- und Verteilzentren militärischer Güter gerichtet habe. Getroffen wurden dabei demnach Lagerhäuser in Kiew und am Stadtrand. Für Unternehmen wie Liqui Moly bedeutet das: Selbst wenn die eigene Anlage nicht im Zentrum steht, kann die Betroffenheit indirekt entstehen, etwa über Kundenspeicher oder regionale Distributionspunkte. Genau deshalb sind Aussagen zur Schadenhöhe und zur Verletzungsfreiheit zwar wichtig, aber für die nächste Planungsrunde zählt vor allem die Frage, wie lange die betroffene Prozesskette unterbrochen bleibt.
Für Liqui Moly ist der Vorfall zudem in einen größeren Kontext eingebettet, weil das Unternehmen global aufgestellt ist. Der Schmierstoff- und Additive-Hersteller beschäftigt weltweit rund 1.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Hauptsitz liegt in Ulm, und laut Angaben ist das Unternehmen in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen; 2024 habe es erstmals die Marke von einer Milliarde Euro Umsatz geknackt. Ein Angriff mit „niedrigem Millionenbetrag“ Schaden kann bei solchen Größenordnungen zwar verkraftbar wirken, die relevante Kennzahl für das operative Risiko ist jedoch nicht allein die Buchhaltung, sondern die Geschwindigkeit, mit der Kundenanforderungen wieder bedient werden können. Der Sprecher beschreibt daher eine klare Priorität: Lieferung und Lagerfähigkeit sollen so bald wie möglich zurückkehren, während ein Wiederaufbau kurzfristig nicht vorgesehen ist.
Der Punkt, dass „an Wiederaufbau im Moment nicht gedacht“ werde, ist in diesem Zusammenhang ein starkes Signal für die Strategie im Krisenmodus. Es deutet darauf hin, dass die kurzfristige Resilienz über Ausweichflächen und organisatorische Umplanung erreicht werden soll, statt Ressourcen in eine Wiederherstellung des konkreten zerstörten Standorts zu binden. Für die Lieferkette bedeutet das meist: Man sucht alternative Lager in erreichbarer Umgebung, verhandelt Nutzungsmöglichkeiten, und integriert die neuen Standorte in die bestehenden Prozesse aus Wareneingang, Qualitätsprüfung, Kommissionierung und Versand. Damit verschiebt sich der Fokus von Bau- und Instandhaltungsprojekten hin zu Supply-Chain-Engineering: Wie lassen sich Warenströme so umleiten, dass die Produktqualität erhalten bleibt und die Kunden zeitnah wieder Belieferung erhalten?
Für andere Unternehmen in der Automotive- und Industrie-Lieferkette lässt sich daraus eine praktische Lehre ableiten, die weit über den konkreten Angriff hinausgeht. Lieferketten sind nicht nur „Routen“ und „Lager“, sondern ein ganzes System aus physischen Knotenpunkten, Verträgen, Umschlagprozessen und Abnahmezyklen. Wenn ein Knoten ausfällt, müssen die verbleibenden Knoten genügend Kapazität und ausreichende Betriebsstabilität mitbringen. Außerdem gewinnt die Transparenz über Abhängigkeiten an Bedeutung: Welche Produkte hängen an welchen regionalen Lagerkapazitäten, und wie schnell kann ein Kunde von einem zerstörten oder ausfallenden Standort auf einen Ersatz umstellen? Genau diese Fragen entscheiden in der Praxis darüber, ob ein kurzfristiger Ausfall zu dauerhaften Marktverlusten führt oder „nur“ zu Verzögerungen.
Für die unmittelbare Zukunft bleibt die Lage in Kiew und damit die Verfügbarkeit logistischer Infrastrukturen der entscheidende Faktor. Liqui Moly arbeitet nach eigenen Angaben mit Hochdruck daran, die Lieferketten wiederherzustellen und dem betroffenen langjährigen Kunden möglichst schnell wieder Lager zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig steht offenbar keine schnelle Rückkehr zum Normalbetrieb über den Wiederaufbau des zerstörten Objekts im Vordergrund. Damit rückt das Thema operative Ausweichfähigkeit in den Fokus: Welche Alternativen funktionieren in der Region tatsächlich, wie schnell lassen sich Transporte und Umschlag koordinieren, und wie robust bleibt die Versorgung über mehrere Wochen hinweg? Für Industrie- und Schmierstoffanbieter ist das ein Stresstest, der zeigt, wie eng Resilienz, Logistikplanung und Kundenservice in Krisenzeiten miteinander verknüpft sind.
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