LONDON (IT BOLTWISE) – Eine internationale Studie namens REACT zeigt, dass Atherosklerose bereits bei sehr jungen Erwachsenen messbar ist. In Phase 1 fanden die Forschenden bei 57,1 % von über 16.000 Teilnehmenden atherosklerotische Plaques, obwohl keine Symptome und keine bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung vorlagen. Besonders relevant ist, dass etwa 1 von 13 Personen im Alter von 18 bis 29 Jahren mindestens in einem Gefäß erkrankt ist. Die Ergebnisse stützen damit die Idee, das künftige Screening stärker auf Bildgebung und leicht einsetzbaren Ultraschall zu stützen.

Die häufige Annahme, Atherosklerose beginne erst kurz bevor Beschwerden auftreten, wirkt angesichts der REACT-Ergebnisse zunehmend zu kurz gegriffen. Die Studie verankert Atherosklerose als einen Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte aufbaut, während klinische Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall noch ausstehen. Besonders technisch spannend ist dabei die Methodik: REACT kombiniert ein breites Bildgebungs-Setup mit umfangreichen Zusatzdaten und macht die stille Phase der Gefäßerkrankung für ein großes Kollektiv sichtbar. Das ist nicht nur medizinisch relevant, sondern verändert auch die Logik, nach der Prävention bislang geplant wird.
Im Zentrum stehen Daten aus Phase 1 (REACT-DETECT): An dieser Erhebung nahmen 16.808 Teilnehmende im Alter von 18 bis 70 Jahren aus Dänemark und Spanien teil. Niemand hatte eine bekannte Vorgeschichte mit atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung, trotzdem wurden Plaques nachgewiesen. Insgesamt zeigten 57,1 % der Teilnehmenden atherosklerotische Plaques, obwohl keine Symptome und keine frühere Diagnose einer Herz-Kreislauf-Erkrankung vorlagen. Die Forschenden suchten dabei gezielt in drei großen Gefäßterritorien: in den Karotis- und Femoralgefäßen sowie in den Koronararterien. Ergänzend wurden kardiovaskuläre Risikofaktoren, Blut-Biomarker, Proben für Omics-Analysen und Retinabilder erhoben – ein Ansatz, der es ermöglicht, Bildbefunde später mit biochemischen und biologischen Signalen zu verknüpfen.
Konkrete Zahlen machen die Tragweite für das Screening besonders greifbar: Etwa 1 von 13 Personen im Alter von 18 bis 29 Jahren wies Atherosklerose in mindestens einem Gefäß auf. Mit dem Alter steigt der Anteil kontinuierlich; bei 60 bis 70 Jahren liegt die Prävalenz bei bis zu 9 von 10 Personen. Der große Hebel liegt jedoch nicht nur in der Gesamtquote, sondern in den Beziehungen zwischen den Gefäßregionen. Laut den Ergebnissen hatten Personen mit Plaques in den Koronararterien häufig ebenfalls Auffälligkeiten in den Gefäßen des Halses oder der Beine, konkret in der Karotis- bzw. der Femoralarterie. Für die praktische Umsetzung heißt das: Der Nachweis über Ultraschall an Karotis und Femoralgefäßen kann als einfachere, schnellere und nicht-invasive Annäherung dienen, weil CT-basierte Abklärungen weitaus aufwendiger sind.
Hier setzt die programmatische Ausrichtung der zweiten Präventionslogik an. In REACT soll das Risiko nicht nur anhand klassischer Parameter wie Blutdruck, Cholesterin und Rauchen geschätzt werden, sondern die Erkrankung selbst frühzeitig detektiert werden – bevor sie klinisch sichtbar wird. Dr. Borja Ibáñez formuliert den Kernansatz in den Worten: „The REACT study is based on a simple but revolutionary idea: moving from the current model, which estimates the probability of cardiovascular disease on the basis of traditional risk factors such as blood pressure, cholesterol and smoking, toward a new paradigm in which the disease is detected directly through imaging before it causes symptoms.“ Die technische Konsequenz ist klar: Bildgebungsmarker ersetzen bzw. ergänzen die indirekte Risikoschätzung und könnten damit verhindern, dass Personen mit „stiller“ Atherosklerose durch Score-basiertes Screening zu spät erfasst werden.
Die Studie ordnet diesen Paradigmenwechsel zusätzlich nach Geschlecht und Lebensphase. Bei Männern beginnt die Zunahme der Prävalenz bereits in jüngeren Altersgruppen, während bei Frauen der stärkste Anstieg zwischen 40 und 60 Jahren sichtbar wird. Dieser Zeitraum fällt in weiten Teilen mit der Menopausen-Transition zusammen, was die Forderung nach präventiven Strategien unterstreicht, die nicht nur das Alter, sondern auch sex- und lebensphasenspezifische Risiken berücksichtigen. Zudem zeigt REACT, dass konventionelle Methoden zur kardiovaskulären Risikoschätzung wie SCORE2 nur einen kleinen Teil der Personen identifizieren, die bereits eine stille Atherosklerose tragen. Wenn Risikoscores einen großen Anteil der betroffenen Personen nicht erfassen, verschiebt sich die technische Frage der Prävention von „Welche Risikofaktoren liegen vor?“ zu „Wie sieht die Gefäßveränderung tatsächlich aus – und in welchem Stadium ist sie?“. Genau deshalb ist die Vision von REACT so stark auf eine präzisere, personalisierte Präventionsstrategie ausgerichtet.
Professor Henning Bundgaard bringt den strategischen Anspruch in der Studie auf den Punkt: „the vision of REACT is to transform primary cardiovascular prevention through a precision medicine approach based on the early identification of atherosclerosis.“ Für Unternehmen, Entwickler und Medizintechnik-Teams ist das besonders interessant, weil daraus eine neue Nachfrage nach robusten, klinisch einsetzbaren Bildgebungsverfahren entstehen kann. REACT denkt dabei explizit an die Alltagstauglichkeit: Ibáñez nennt tragbare Ultraschallgeräte als mögliche Standardwerkzeuge – und zwar „from the early stages of adult life“, also ab frühen Erwachsenenalters. In der Praxis würde das bedeuten, dass Workflows weniger wie einzelne diagnostische Ausnahmefälle wirken, sondern stärker wie wiederkehrende Präventionsuntersuchungen. Für die KI- und Softwareseite eröffnet sich damit ein klarer Use Case: Bilddaten aus Ultraschall- und anderen Quellen können künftig stärker automatisiert ausgewertet werden, etwa zur Quantifizierung von Plaques, zur Standardisierung der Messungen zwischen Einrichtungen und zur Übertragung von Befunden in präventionsrelevante Entscheidungslogik.
Der zeitliche Rahmen verdeutlicht, dass REACT nicht nur eine Atlas-Studie bleibt. Phase 2 (REACT-PROTECT) soll von 2027 bis 2032 laufen und geht einen Schritt weiter: Die Forschenden planen eine große randomisierte klinische Studie, die prüfen soll, ob eine bildgebungsgeleitete Prävention das Fortschreiten der Atherosklerose systemisch bremsen oder reduzieren kann. Ziel ist es, langfristig Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Ereignisse wirksamer zu senken als mit dem bisherigen Standardvorgehen. Parallel wird die Initiative international erweitert: Die Untersuchungen sollen auch in Populationen außerhalb Europas validiert werden, unter anderem über Kooperationen in Indien, Singapur, Tansania und Mexiko. Fachlich knüpft REACT zudem an die PESA-CNIC-Santander-Studie an und versucht, den Entstehungszeitpunkt stärker in Richtung jüngerer Lebensphasen zu verschieben. Die Veröffentlichung in New England Journal of Medicine (2026) mit DOI 10.1056/NEJMoa2609059 liefert dafür die erste breite Prävalenzkarte; ob daraus später tatsächlich ein „Precision-Prevention“-Standard wird, hängt nun von den Phase-2-Ergebnissen und der Übertragbarkeit in größere, heterogenere Versorgungskontexte ab.
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