SEVENUM / LONDON (IT BOLTWISE) – Redcare Pharmacy hat im zweiten Quartal 2026 die Markterwartungen beim operativen Ergebnis deutlich übertroffen. Besonders das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten in Deutschland wuchs um 58 Prozent auf 180 Millionen Euro. Das Unternehmen meldet zugleich eine beschleunigte Verbesserung der Profitabilität durch strikte Kostendisziplin und sinkende Marketingausgaben. Für den Jahresbeginn 2027 kündigt Redcare die vollständige Automatisierung am Standort Sevenum an.

Die jüngsten Quartalszahlen von Redcare Pharmacy wirken vor allem deshalb stark, weil sie Wachstum und Ergebnisentwicklung gleichzeitig in den Vordergrund rücken. Im zweiten Quartal 2026 hat das Unternehmen das operative Ergebnis deutlich über den Erwartungen des Marktes platziert, während das Umsatzwachstum im Konzern spürbar zulegte. Konkret nennt Redcare ein beschleunigtes Umsatzwachstum von 20 Prozent auf 853 Millionen Euro. Damit verschiebt sich der Fokus im Pharma- und Health-Tech-Umfeld von reiner Reichweiten- oder Nutzerwachstumslogik hin zu einer belastbaren Marge, die sich aus Effizienzgewinnen und stabiler Prozessleistung speist.
Technisch betrachtet sitzt der Hebel dabei im Rx-Segment: Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten stiegen die Erlöse konzernweit um 34 Prozent auf 339 Millionen Euro. Entscheidend ist jedoch die Ausprägung in Deutschland, wo der Rx-Umsatz um 58 Prozent auf 180 Millionen Euro zulegte. Die dazugehörige Kundenbasis wächst ebenfalls, denn die Zahl der aktiven Kunden stieg im Jahresvergleich um 1,2 Millionen auf 14,7 Millionen. Ein solches Zusammenspiel aus höherem Volumen und größerer Kundenzahl deutet meist auf skalierbare Liefer- und Abwicklungsprozesse hin, weil Wiederholungskäufe und planbare Rezeptströme die Auslastung in Logistik und Backoffice stabilisieren können.
Parallel zum Umsatzsignal macht das Management die operative Dynamik an Kostendisziplin fest. Redcare senkte im zweiten Quartal die Marketingausgaben auf 5,1 Prozent des Umsatzes, nachdem sie im Vorjahreszeitraum noch bei 7,2 Prozent gelegen hatten. Das ist nicht nur eine Zahl am Rande, sondern wirkt direkt auf die Gewinn- und Verlustrechnung, weil Marketing in solchen Geschäftsmodellen häufig die variablere Größe ist, die bei steigender Effizienz pro Bestellung entweder reduziert oder zumindest langsamer wächst als der Umsatz. Entsprechend kletterte das bereinigte EBITDA um 63 Prozent auf knapp 30 Millionen Euro, und die bereinigte EBITDA-Marge stieg auf 3,5 Prozent. Redcare markiert damit den höchsten Wert seit zehn Jahren, was für den Markt ein klares Signal ist: Die Margenkompression der letzten Jahre scheint überwunden, ohne dass dafür übermäßig hohe Werbebudgets nötig wären.
Auch der Blick außerhalb der Kernregion passt in dieses Bild. Erstmals gelang Redcare der Sprung in die Gewinnzone im internationalen Segment außerhalb der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz). Dort erreichte der Bereich ein bereinigtes EBITDA von 1,4 Millionen Euro bei einer Marge von 0,9 Prozent. Im DACH-Raum lag die operative Marge laut Bericht mit 4,0 Prozent sogar noch darüber. Diese Unterscheidung ist für Investoren relevant, weil sie zeigt, dass die Expansion nicht nur neue Märkte „aufbaut“, sondern die Wirtschaftlichkeit zumindest in einem ersten Schritt erreicht. In vielen Plattform- und E-Commerce-nahen Modellen ist die Entstehung positiver Deckungsbeiträge im Ausland häufig der schwierigste Part, weil Transport- und Betriebsprozesse zunächst teuer eingespielt werden müssen.
Trotz der operativen Erfolge bleibt auf Ebene des ersten Halbjahrs 2026 ein negativer Nettoausweis bestehen: Unter dem Strich meldet das Unternehmen einen Nettoverlust von 5,8 Millionen Euro. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, in dem noch ein Minus von 1,5 Millionen Euro verbucht wurde, hat sich der Fehlbetrag damit ausgeweitet. Der unverwässerte Verlust je Aktie belief sich auf 0,29 Euro, während das Unternehmen im ersten Halbjahr erstmals ein positives Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) von 9 Millionen Euro erzielte. Für die Einordnung ist das wichtig: EBITDA-Verbesserungen und Cashflow- bzw. Ergebnisbestandteile können zeitlich auseinanderlaufen, zum Beispiel durch Abschreibungen, Sondereffekte oder Finanzierungsthemen, die nicht vollständig im bereinigten operativen Kennzahlenbild sichtbar werden.
Die Kapitalmarktreaktion fällt dennoch positiv aus. Die Analysten der Baader Bank bestätigen ihre Einstufung auf „Buy“ und nennen ein Kursziel von 85 Euro. Dabei wird hervorgehoben, dass sich sowohl das Umsatzwachstum als auch das bereinigte EBITDA beschleunigt hätten. Im Handel notiert die Aktie bei 69,30 Euro, was einem leichten Rückgang von 1,00 Prozent entspricht; zugleich liegt das Papier weiterhin komfortabel über dem 50-Tage-Durchschnitt von 59,93 Euro. Diese technische Konstellation aus Kurs oberhalb des kurzfristigen Trends ist für kurzfristig orientierte Marktteilnehmer häufig ein Argument, um Rücksetzer eher als Konsolidierung denn als Trendbruch zu interpretieren.
Für das Gesamtjahr 2026 bestätigt der Vorstand die im Juni angehobene Prognose. Erwartet wird ein Umsatzwachstum zwischen 15 und 17 Prozent sowie eine bereinigte EBITDA-Marge im Korridor von 2,5 bis 3,0 Prozent. Damit bleibt zwar ein Zielkorridor sichtbar, aber die Richtung ist eindeutig: Ergebnisqualität soll weiter steigen, ohne dass das Unternehmen den Weg über zusätzliche Kostenblöcke sucht. Als nächster operativer Schritt wird die vollständige Automatisierung am Standort Sevenum für den Jahresbeginn 2027 geplant. Gerade in der Versand- und Apothekenlogistik ist Automatisierung selten „nur“ Technik, sondern wirkt auf mehrere Engpässe zugleich: Sie reduziert Durchlaufzeiten, stabilisiert Fehlerquoten und verbessert die Planbarkeit von Kapazitäten. Für Redcare bedeutet das im Kern, dass das bislang erreichte Margenniveau nicht nur Zufall oder Quartalsausreißer sein soll, sondern aus einer Prozessarchitektur heraus konsistent werden kann.
Was Unternehmen und Entwickler aus dieser Entwicklung mitnehmen können, ist die Kombination aus Geschäftsdynamik und operativer Steuerbarkeit. Der Markt belohnt nicht nur höhere Bestellvolumina, sondern insbesondere die Fähigkeit, Marketingeffizienz und Prozesskosten zusammen so zu drehen, dass bereinigtes EBITDA und Margen nachhaltiger werden. Wenn die Automatisierung in Sevenum zum Jahresbeginn 2027 wie angekündigt vollständig durchläuft, dürfte vor allem die Skalierung relevant sein: Wie stark steigt dann der Output pro Schicht und wie stabil bleiben Qualitäts- und Prozesskennzahlen bei weiter wachsenden aktiven Kunden. Für den weiteren Verlauf ändert sich damit die Frage: Nicht ob Redcare wächst, sondern wie stark der operative Hebel pro zusätzlicher Bestellung künftig wirkt.
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