DUISBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Rhein in Nordrhein-Westfalen steuert nach Prognose an mehreren Messpunkten auf historische Tiefststände zu. Am Niederrhein rutscht der Pegel bereits seit Tagen in den negativen Bereich, mit einem ausgewiesenen Tief von minus 2 Zentimeter am Samstag. Für die Messstelle Duisburg-Ruhrort werden unter anderem minus 6 bis minus 9 Zentimeter bis zum Wochenende erwartet, während andere Pegelwerte wie Köln und Düsseldorf deutlich weniger stark fallen. Ein Sprecher der zuständigen Wasserbehörde formuliert dabei klar: Von einer Trendwende könne nicht die Rede sein.

Der Niedrigwasserfall am Rhein in Nordrhein-Westfalen entwickelt sich derzeit nicht nur zu einer lokalen Meldung, sondern zu einem Logistikrisiko mit klar ablesbarer Physik: An mehreren Pegeln nähern sich die Werte historischen Extremen. Die Aufzeichnungen der Messstellen reichen in Teilen über mehr als 100 Jahre zurück, konkret nennt das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein eine Zeitspanne von jeweils deutlich mehr als 100 Jahren. Besonders am Niederrhein ist dabei zu sehen, wie schnell ein Flusspegel in den negativen Bereich kippen kann, wenn Zufuhr, Niederschläge und Abflüsse über längere Zeit nicht zusammenpassen.
Für die Messstelle Pegel Emmerich beschreibt die Prognose eine weitere Abwärtsbewegung: Der Pegelstand bewegt sich bereits seit Tagen im negativen Bereich, und der Schwimmer liegt trocken. Als Messmethode liefert eine Sonde die aktuellen Daten, nachdem der klassische Pegelmechanismus am Standort nicht mehr zuverlässig Wasser anzeigt. Am Samstag wurde ein historischer Tiefstand von minus 2 Zentimeter festgestellt; am Mittwoch lag der Pegelstand bereits bei minus 4. Bis zur Mitte der kommenden Woche wird erwartet, dass der Wasserstand weiter absinkt: Donnerstag minus 6, Freitag minus 8 und Samstag minus 9 Zentimeter, wobei die Prognose für die Messstelle unverändert geblieben sein soll. Dass die Vergleichsdaten bis ins Jahr 1900 zurückgehen, macht die Tragweite zusätzlich deutlich.
Auch an weiteren Knotenpunkten der Schifffahrtsroute zeichnet sich ein dramatisches Bild ab, allerdings mit standortspezifischen Unterschieden. Für Duisburg-Ruhrort werden für Freitag erneut ein historischer Tiefstand von 147 Zentimeter vorhergesagt; damit würde der Negativ-Rekord von 148 Zentimeter am Sonntag unterschritten. Für Samstag sind 145 Zentimeter erwartet, ursprünglich waren zwar 144 Zentimeter für Donnerstag und Freitag befürchtet worden, die finale Kurve fällt nun aber anders aus. Der Abgleich mit der historischen Messreihe reicht auch hier bis 1900 zurück. Wer diese Zahlen in der Praxis einordnen will, muss vor allem beachten, dass ein Pegelwert am Ufer nur indirekt zeigt, welche Tiefe tatsächlich für die Fahrrinne verfügbar ist.
Genau an dieser Stelle wird der Bezug zur operativen Schifffahrt greifbar: Die Fahrrinne im Rhein liegt deutlich tiefer als der jeweilige Pegelstand am Ufer. In Köln etwa beträgt die Differenz laut Angaben 1,11 Meter mehr, und dieser Abstand variiert je nach Standort. Das bedeutet: Schiffe können zwar auch im Niedrigwasser fahren, aber eben nur mit deutlich weniger Fracht als sonst. Für Verlader und Reedereien folgt daraus ein praktischer Umsteuerungsbedarf, weil das Transportgut auf mehr Schiffe verteilt werden muss, sobald die nutzbare Tiefgangreserve sinkt. In der Summe verschiebt sich damit die Wirtschaftlichkeit von Fahrten, während gleichzeitig Zeitfenster und Fahrpläne stärker von kurzfristigen Wasserstandsänderungen abhängig werden.
Die Prognose wirkt zudem nicht wie ein isoliertes Tief bei einem einzelnen Ort, sondern als Muster über verschiedene Pegel hinweg. Für Köln wird der aktualisierten Prognose zufolge am Freitag wieder ein Pegelstand von 67 Zentimeter erreicht, womit der hier erst am Samstag gemessene Negativ-Rekord eingestellt würde. Der Pegelstand wird seit 1816 aufgezeichnet; Anfang der Woche waren für Freitag noch 63 Zentimeter prognostiziert worden. In Düsseldorf fällt die neue Vorhersage etwas weniger extrem aus: Statt 17 Zentimetern werden jetzt 22 Zentimeter für Freitag erwartet. Am Sonntag wurden dort 20 Zentimeter als historischer Tiefstand registriert, der zunächst noch weiter Bestand haben sollte. Auch hier liefern die Aufzeichnungen bis 1872 eine historische Einordnung.
Entscheidend für die Bewertung bleibt jedoch die zeitliche Perspektive, denn ein einzelnes Absacken oder eine leichte Korrektur der Prognose ändert am Grundtrend oft wenig. Laut Einschätzung des Amtes ist für den Rhein in NRW keine grundlegende Besserung in Sicht. Der zuständige Sprecher Moritz Axt sagt dazu: „Von einer Trendwende kann nicht die Rede sein“.
Für Unternehmen entlang der Rheinachse – vom produzierenden Mittelstand über Spediteure bis zu Logistikdienstleistern – heißt das vor allem, Szenarien zu planen, nicht auf den nächsten Zentimeter zu setzen. Wenn die Fahrrinne an Kapazitätsgrenzen stößt, werden Zuladung und Umlaufplanung zu Engpässen, während gleichzeitig alternative Transportketten (z. B. Straße oder Schiene) in die Betrachtung rücken. Auch die kurzfristige Steuerung wird anspruchsvoller, weil der Flusspegel je nach Messpunkt unterschiedlich stark reagiert und die Prognose zwar fortgeschrieben wird, aber sich das operative Ergebnis erst im Zusammenspiel aus Pegel, Fahrrinnentiefe und Schiffsparametern abzeichnet. In der aktuellen Phase rückt damit weniger die Frage „Ob“ in den Fokus, sondern „Wie schnell“ Unternehmen ihre Abläufe auf anhaltend knappe Wasserstände umstellen können.
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