AIMARGUES / LONDON (IT BOLTWISE) – In einem Forschungszentrum in Südfrankreich messen Teams bei täglichen Fütterungen mit Skalen, welche Katzen welches Futter bevorzugen. Die Auswertung geht dabei über „frisst oder frisst nicht“ hinaus und betrachtet auch Verdauung und Akzeptanz über die Zeit. Gleichzeitig treiben Markt- und Kostendruck den Trend zu spezialisierten Premium-Produkten voran. Für die Produktentwicklung bedeutet das: mehr Sensorik, mehr Daten und präzisere Rezepturen für alternde Tiere.

Royal Canin und Mars setzen auf datenbasierte KI-Logik für Senior-Katzennahrung
Royal Canin und Mars setzen auf datenbasierte KI-Logik für Senior-Katzennahrung (Foto: IT BOLTWISE)
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In Südfrankreich, genauer in Aimargues, wirkt der Ablauf auf den ersten Blick wie eine klassische Betreuungssituation für Haustiere: Dutzende Katzen schlafen oder bewegen sich in einem Raum, der an eine kleine Kindertagesstätte für Haustiere erinnert. Doch der Tagesrhythmus ist streng getaktet, und mit jedem „Dinner“-Moment wird aus Futter eine Messaufgabe. Täglich um 16:00 Uhr steigen die Tiere in einzelne Fächer, in denen zwei Schalen mit identischer Struktur, aber unterschiedlicher Rezeptur stehen – jeweils auf Waagen. Die Katzen entscheiden, welche Variante sie bevorzugen, und die Skalen protokollieren, wie viel sie tatsächlich fressen. Damit wird aus Ernährungsforschung etwas, das man im Tech-Umfeld als experimentelles Daten-Setup bezeichnen würde: kontrollierte Bedingungen, wiederholbare Trials und Messgrößen, die sich später in Rezept-Entscheidungen übersetzen lassen.

Die technische Brücke vom Labor zum Produkt entsteht vor allem über die Kette aus Beobachtung, quantitativer Bewertung und anschließender Anpassung der Rezepturen. In dem beschriebenen Prozess werden nach Frühstück und Abendessen Verhaltensmuster erfasst: Wirken die Tiere lethargischer als üblich, spielen sie mehr oder weniger, zeigen sie typische Auffälligkeiten? Zusätzlich fließt ein standardisiertes Verdauungsraster ein: Mitarbeiter bewerten die Konsistenz des Stuhls auf einer Skala von eins bis zehn, wobei die Untergrenze für Durchfall steht. Anschließend wird das Fäkalmaterial getrocknet und analysiert, um Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie das Futter verdaut wird. In der Praxis ist das eine Art „Sensorik plus Analytics“ für Lebensmittel: statt nur Zutatenlisten zu optimieren, werden Wirkungen im Körper messbar gemacht – und zwar in einem Setup, das an einen kontinuierlichen Experimentierbetrieb erinnert.

Damit solche Daten nicht im Bauchgefühl enden, wird der Testrahmen in mehreren Stufen aufgebaut. Royal Canin nutzt dafür ein campusbasiertes Forschungsumfeld: Auf dem Gelände leben nur die „passendsten“ Teilnehmer, die wiederum für nachfolgende Vergleichsreihen ausgewählt werden. Für junge Tiere wird das Futter frühzeitig variiert: Kätzchen erhalten unterschiedliche Texturen und Geschmacksrichtungen, um ihre sensorische Wahrnehmung zu trainieren. Später werden sie auf definierte Futterstationen vorbereitet, damit die Messung nicht durch unkontrollierte Abläufe verfälscht wird. Gleichzeitig bleiben strenge Kriterien bestehen: Manche Hunde wie Labrador-Retriever, die fast alles fressen, würden die Aussagekraft solcher Akzeptanztests verwässern. Der Punkt dahinter ist methodisch: Wenn das Target-Verhalten zu wenig Varianz zeigt, sinkt die Aussagekraft für die Frage, welche Rezepturbestandteile überhaupt die Entscheidung „ziehen“.

Inhaltlich konzentriert sich das Forschungsdesign stark auf Geschmackssinne, und hier wird es besonders für die Entwicklung von Senior-Produkten relevant. Ein zentrales Thema ist die Frage, warum Katzen nicht einfach auf Süßes anspringen, obwohl viele Pet-Food-Varianten traditionell auf diese Richtung ausgerichtet sind. Laut Forschung im Umfeld der Mars-Tochter Waltham Petcare Science Institute geht es dabei unter anderem um Rezeptorbiologie: Katzen besitzen demnach auch einen Umami-Taste-Rezeptor, der ihnen ermöglicht, Umami-Verbindungen wahrzunehmen. Tuna (Thunfisch) wird in diesem Kontext als Kombination beschrieben, die für Katzen besonders stark wirkt – eine Art „Super-Umami“-Profil, das die Akzeptanz erhöhen kann. Zusätzlich spielt Alterung eine Rolle: Mit zunehmendem Alter können Geschmacksknospen nachlassen, während die Wahrnehmung von Bitterkeit bestehen bleibt. Genau deshalb arbeiten Teams daran, Bitterstoffe weniger dominant zu machen und gleichzeitig appetitliche Aromen stärker hervorzuheben, damit Senior-Katzen weiterhin zuverlässig fressen.

Der Markt liefert dabei den Druck, solche Erkenntnisse nicht nur wissenschaftlich, sondern kommerziell schnell in Produktlinien zu übersetzen. Der Text nennt für die USA einen Volumenwert: Mehr als 17 Milliarden US-Dollar wurden im vergangenen Jahr für Katzenfutter ausgegeben, das entspricht einem Plus von 14 Prozent gegenüber dem Zeitraum zwei Jahre zuvor; bei Hundefutter war der Absatz dagegen grob stabil. Gleichzeitig verschiebt sich die Kundenseite: Viele Haushalte holen Haustiere heute häufig, bevor Kinder einziehen, und mit „Pandemic Pets“ entstehen neue Kohorten, die inzwischen ins mittlere und höhere Alter rutschen. Für Hersteller heißt das: Es reicht nicht, nur „mehr Geschmack“ anzubieten. Gefragt sind differenzierte Produkte, die Ziele wie gelenkschonendere Unterstützung, Muskelkraft und Gedächtnis-/Kognitionsschutz adressieren. In der K-shaped Economy, also in einer zunehmenden Spreizung der Einkommen, investieren Anbieter besonders in Premium-Varianten – teils ergänzt um frische, „human-grade“ Positionierungen, während klassische Kroketten durch Inflation teurer geworden sind.

Technologisch betrachtet ist der eigentliche Mehrwert dieser Fütterungs- und Auswertungslogik weniger „Magie“, sondern der Übergang von subjektiven Eindrücken zu reproduzierbaren Messparametern. Die Plattform ist dabei nicht zwingend KI im Sinne eines einzelnen Modells, sondern eher KI-nahe Methodik: Daten werden strukturiert, Vergleichsvarianten werden kontrolliert, und aus den Ergebnissen entstehen Hypothesen für Rezepturänderungen. Genau so lässt sich auch der beschriebenen Inkonsistenz begegnen, die bei einem nachgestellten Test auffällt: Ein offizieller Hinweis ordnet das A/B-Setup als nicht echtes A/B-Verfahren ein, weil die Schalen identische Speisen trugen. Dass die Katze trotzdem beide Durchgänge beendet und unverändert reagiert, zeigt: Akzeptanz kann durch Gewohnheit und Erwartungsmanagement beeinflusst sein. Für Teams bedeutet das, dass die Validität der „Trial“-Rahmenbedingungen zentral bleibt, wenn aus Experimentdaten verlässliche Produktentscheidungen werden sollen.

Für die Branche ergibt sich daraus ein klares Bild, wie sich die nächste Produktgeneration formt: Unternehmen wie Royal Canin bauen umfangreiche Forschungsprogramme auf, die Verhaltensbeobachtung und sensorische Mechanismen zusammenführen. Wettbewerber mit ähnlichem Fokus – etwa Nestlé mit eigenen Zentren zur Erforschung von Katzen- und Hundeverhalten sowie Fachwissen über entsprechende Ernährungsfragen – verfolgen im Kern denselben Ansatz, den Unterschied machen die konkreten Schwerpunkte in Rezeptchemie und Testdesign. Insgesamt verschiebt sich Pet-Nutrition damit von „Regalplatz und Marketingversprechen“ hin zu messbasierten Produktzyklen. Und für Käufer, die ihr Tier als Familienmitglied begreifen, zählt am Ende eine einfache Frage: Frisst es zuverlässig über die Zeit – besonders im Alter? Die Antwort wird zunehmend in Labor-Setups vorbereitet, in denen Waagen, Verdauungsdaten und Geschmacksrezeptoren gemeinsam die Produktentwicklung steuern.


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