LONDON (IT BOLTWISE) – Beim Rudern liefert der Unterkörper einen überraschend großen Teil der Antriebsleistung: Laut dem Deutschen Ruderverband leisten die Beine bis zu 70 Prozent der Kraft. Für die richtige Technik zählt vor allem die Reihenfolge der Bewegungsphasen, damit Beine, Körper und Arme nacheinander arbeiten. Ein Hersteller wie Concept2 empfiehlt zudem längere Erholungszeiten zwischen den Zügen, um die Bewegung sauber zu halten. Parallel rückt auch Coastal Rowing stärker in den Fokus und steht nach den vorliegenden Plänen vor einem olympischen Schritt.

Rudertechnik auf dem Ergometer: Warum Beine bis zu 70% der Kraft liefern
Rudertechnik auf dem Ergometer: Warum Beine bis zu 70% der Kraft liefern (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Rudern nur als Training für Arme und Rücken einordnet, verkennt den Kern der Rudertechnik auf dem Ergometer: Der Unterkörper treibt den Zug entscheidend an. Im Sportalltag sorgt diese Vereinfachung häufig für eine typische Fehlsteuerung, etwa wenn Einsteiger zu früh mit Armen und Schultern „ziehen“, obwohl die Kraftübertragung noch gar nicht optimal aufgebaut ist. Die Verteilung ist dabei nicht bloß eine gefühlte Daumenregel, sondern wird sportmedizinisch und verbandseitig konkret beschrieben: Ulrich Kau, leitender Verbandsarzt des Deutschen Ruderverbands, nennt beim Rudern einen Kraftanteil der Beine von bis zu 70 Prozent. Der britische Verband British Rowing beziffert diesen Anteil auf rund 60 Prozent – eine Spannweite, die zeigt, wie stark Technik, Körperproportionen und Trainingszustand zusammenwirken.

Technisch entscheidet sich der Erfolg am Ergometer weniger an „mehr Intensität“, sondern an der sauberen Abfolge der Bewegungsphasen. Beim Antrieb arbeiten Beine, Körper und Arme nacheinander. Zuerst entsteht die Vortriebskraft aus dem Beinzug, der Oberkörper folgt koordiniert, und erst anschließend übernimmt die Armarbeit die Fortsetzung und Stabilisierung des Zuges. In der Erholungsphase wird dieser Ablauf exakt umgekehrt: Zunächst werden die Arme nach vorne geführt, dann folgt der Oberkörper, und am Schluss beugen sich die Beine wieder – also der Körper „entlädt“ die Bewegung in einer Reihenfolge, die dem nächsten Antrieb den Weg bereitet. Concept2 empfiehlt darüber hinaus, für die Erholungsphase mehr Zeit einzuplanen als für den eigentlichen Zug. Das ist auch praktisch nachvollziehbar: Wenn das „Zurückrollen“ zu schnell passiert, kippt der Rhythmus, die Hüftbewegung wird hektisch und die Kraft landet eher im Muskeltonus als in einer gleichmäßigen Beschleunigung der Riemenscheibe oder des Widerstands.

Für Einsteiger lohnt sich diese Logik besonders, weil ein zu hoher Widerstand nicht automatisch bessere Trainingseffekte liefert. Ein größerer Widerstand kann zwar zunächst „mehr Leistung“ sichtbar machen, gleichzeitig aber die Bewegungsausführung verschlechtern – und genau diese Qualität ist im Rudern der Flaschenhals. Sportmediziner raten Anfängern zu Einheiten von etwa 20 Minuten bei einer Frequenz um 20 Schläge pro Minute. Die Herzfrequenz soll sich dabei zwischen 60 und 70 Prozent des Maximalpulses bewegen. Dazu passt auch der Takt der Trainingsplanung: Mit ein bis zwei Einheiten pro Woche lässt sich das Bewegungsmuster aufbauen, ohne den Körper ständig in einer Phase zu überfordern, in der Technik noch nicht stabil automatisiert ist. Im Ergebnis entsteht weniger „Zerfahrenheit“ im Bewegungsablauf, und die Belastung verteilt sich gleichmäßiger über die beanspruchten Muskelgruppen – ein wichtiger Punkt, gerade weil Rudern als ganzheitliches Training beschrieben wird, das fast alle Muskelgruppen aktiviert und zugleich die Gelenke schont.

Wie stark Rudern den Stoffwechsel und die Fitnesswerte beeinflussen kann, zeigt auch die Perspektive auf Energie- und Sauerstoffumsatz. Beispielhaft wird für eine 30-jährige Frau mit 65 Kilogramm Körpergewicht genannt, dass ein 30-minütiges Rudertraining bei 100 Watt etwa 211 Kalorien verbrennt. Noch relevanter für die Trainingssteuerung ist jedoch der Bezug zur maximalen Sauerstoffaufnahme (VO₂max): Eine Meta-Analyse, die 28 Studien und 40 Trainingsgruppen auswertete, kommt zu dem Ergebnis, dass schon ein moderates Training ab 60 Prozent der VO₂max diesen Fitnesswert messbar steigert. Belastungen über 100 Prozent der VO₂max brachten der Untersuchung zufolge zwar höhere Trainingsreize, aber keine besseren Resultate als das moderate Spektrum. Für die Praxis bedeutet das: Die beste „Fitnesssteigerung pro Risiko“ entsteht häufig nicht durch das härteste Protokoll, sondern durch ein Programm, das sich technisch sauber fahren lässt und regelmäßig wiederholbar bleibt.

Wer Heimtraining plant, muss diese technischen und physiologischen Aspekte zudem mit praktischen Rahmenbedingungen verbinden. Beim Kauf eines Rudergeräts zählt neben dem Preis auch der Platzbedarf. Modelle mit Wasserwiderstand kosten häufig über 1000 Euro und beanspruchen laut den vorliegenden Angaben ungefähr drei Meter Länge und einen Meter Breite – Werte, die in vielen Wohnsituationen zwar machbar sind, aber eine bewusste Planung erfordern. Gleichzeitig lässt sich ein effektives Ganzkörpertraining auch ohne „große“ Geräte realisieren, wenn man den Fokus auf korrekte Bewegungsabläufe und dosierte Belastung legt. Gerade hier spielt die Ergometer-Logik ihre Stärke aus: Wiederholbare Maße, klare Einstellmöglichkeiten und ein direkter Trainingsrhythmus helfen dabei, Technikfehler zu erkennen und schrittweise zu korrigieren.

Während das Ergometer immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, verändert sich auch der Blick Richtung Freiwasser. Coastal Rowing wird dabei als spürbarer Trend beschrieben: Anders als bei traditionellen Regatten auf geraden, windgeschützten Strecken findet das Rudern auf offenem Wasser statt, wo Athleten Wellen und Brandung einordnen müssen. Diese Form gewinnt international an Bedeutung und soll bei den Olympischen Spielen 2028 erstmals Teil des offiziellen olympischen Programms sein. Für Technikinteressierte ist das auch ein spannender Kontrast zum Ergometer: Das Gerät stabilisiert das Setup, während das Wasser ständig die Belastungsbedingungen variiert. Wer also am Heimergometer bewusst an Timing, Reihenfolge und Erholungsphasen arbeitet, schafft eine Trainingsbasis, die später im Freiwasser schneller in stabile Ruderstile übertragen werden kann – ohne dass man dabei die Dynamik aus Wellen und Wind „wegtrainieren“ könnte.

Für den Trainingsalltag bleibt damit vor allem eine Botschaft: Kraft entsteht nicht dadurch, dass man „mehr zieht“, sondern dadurch, dass Beine, Körper und Arme in der richtigen Reihenfolge arbeiten und die Erholungsphase bewusst Zeit bekommt. Genau diese Mischung aus Technikdisziplin und sinnvoller Belastungssteuerung entscheidet darüber, ob Rudern nachhaltig wirkt – auf dem Ergometer ebenso wie später im Freiwasser.


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