MONACO / LONDON (IT BOLTWISE) – Rückversicherer warnen auf dem Branchentreffen in Monte Carlo erneut vor zunehmenden wetterbedingten Naturkatastrophen. Gleichzeitig rechnen viele Marktteilnehmer trotz der hohen Risiken mit weiter sinkenden Preisen für Rückversicherungsschutz. Laut einer Umfrage erwarten 86 Prozent der befragten Erstversicherer einen weiteren Rückgang. Am Aktienmarkt geraten besonders die Rückversicherer spürbar unter Druck.

In Monte Carlo wird zur Jahresmitte wieder hart verhandelt, aber die Argumente klingen dieses Jahr zugleich alarmierender und zugleich günstiger als noch in den Krisenjahren der jüngeren Vergangenheit. Rückversicherer sitzen mit Erstversicherern zusammen, um Konditionen für die Vertragserneuerung zum Jahreswechsel zu definieren. Im Mittelpunkt stehen Risikoanteile, Schadengrenzen und die Frage, wie stark sich die Wetterextreme der vergangenen Monate in den Tarifen widerspiegeln sollen. Genau hier prallt die technische Realität zunehmend höherer Naturgefahren auf die kaufmännische Lage, in der nach mehreren profitablen Quartalen teils weniger Preisschutz nachgefragt wird als erwartet.
Technisch betrachtet sind die genannten Gefahren kein Randthema, sondern sie greifen quer über Sparten hinweg: Überschwemmungen, Dürren, Hagel, schwere Gewitter und Waldbrände erhöhen die Schadenbandbreite und damit die Wahrscheinlichkeiten für größere Ereignisse. Münchener Rück, Swiss Re und Hannover Rück verwiesen darauf, dass der Klimawandel die Gefahren langfristig wahrscheinlicher und die Schadenbelastung potenziell höher macht. Auch die Hitzewellen ordnen die Unternehmen als „zunehmend zu ökonomischen Risiken“ ein; damit verschiebt sich das Risikomodell weg von reinen Meteorologie-Ausreißern hin zu Ereignissen, die indirekt über Produktionsausfälle, Infrastrukturbelastungen und Folgekosten wirken. Für die Rückversicherung bedeutet das in der Praxis: Modellierung und Underwriting müssen stärker auf Ereignisketten und regionale Clustering-Effekte ausgerichtet werden.
Aus Sicht des Risikomanagements sticht dabei das Thema Waldbrände besonders heraus. Swiss Re beschreibt sie als weltweit am stärksten wachsendes Wetterrisiko. Für Europa nennt die Rückversicherungsgruppe einen Anstieg der versicherten Waldbrandschäden um schätzungsweise acht bis elf Prozent pro Jahr in den vergangenen Jahrzehnten. Als Treiber nennt Swiss Re, dass immer mehr Menschen und Vermögenswerte in brandgefährdeten Gebieten angesiedelt sind. Neben der reinen Häufigkeit spielt damit auch die Exposure-Entwicklung eine zentrale Rolle: Selbst wenn sich die Intensität einzelner Feuersaisons nicht linear verstetigt, verschiebt die steigende Besiedlung die finanzielle Trefferwahrscheinlichkeit spürbar nach oben.
Trotz dieser Risiko-Gegenargumente ist das Pricing derzeit von einer anderen Dynamik geprägt. Im Schaden- und Unfallgeschäft seien die Preise für den Rückversicherungsschutz seit 2025 wieder rückläufig; nach einem kräftigen Anstieg in den Vorjahren liegen sie aber weiterhin auf hohem Niveau. Hintergrund ist auch, dass Katastrophenschäden in den vergangenen Jahren hinter den zuvor größten Befürchtungen zurückgeblieben sind. Das verbessert die Gewinnsituation der Rückversicherer und verschiebt damit die Verhandlungsposition, während Erstversicherer in die nächste Erneuerungsrunde mit dem Wunsch nach einer spürbaren Preisreduktion gehen. In Monte Carlo verwies Münchener Rück zudem auf ein Beispiel aus diesem Jahr: Die Versicherungsschäden durch große Waldbrände in Europa hätten sich im überschaubaren Rahmen gehalten, weil die Feuer vor allem ländliche Regionen getroffen hätten und keine größeren Wohn- oder Industriegebiete.
Diese Mischung aus hoher Gefahrendichte und zeitweilig moderaten Schadenverläufen wirkt direkt auf die Erwartungen der Marktteilnehmer. Laut einer Umfrage der Ratingagentur Moody’s erwarten 86 Prozent der befragten Erstversicherer einen weiteren Preisrückgang. In der Schadenversicherung rechnen in dem Szenario viele sogar mit Abschlägen von mehr als 7,5 Prozent – etwa für Wohngebäude, Industrieanlagen und Autos. Hannover-Rück-Chef Clemens Jungsthöfel rechnet zum 1. Januar mit leicht sinkenden Preisen, will die übrigen Konditionen jedoch „überwiegend stabil“ halten. Das Muster ist damit klar: Preisdruck kommt vor allem über die erwartete Schadenentwicklung, während Strukturen wie Limits, Sublimits und Beitragssätze für bestimmte Risikoklassen eher behutsam angepasst werden.
Dass die Börse diese Verschiebung aufgreift, zeigt auch die Kapitalmarktreaktion. Die sinkenden Rückversicherungspreise gelten als wesentlicher Grund dafür, dass Aktien von Erstversicherern wie Allianz oder Generali in den vergangenen Monaten besser abgeschnitten haben als die der Rückversicherer. Für das Verständnis lohnt ein kurzer Blick auf die Rollenverteilung: Erstversicherer geben Teile ihrer Risiken an Rückversicherer ab und zahlen dafür einen Teil der eingenommenen Prämien. So verteilt die Rückversicherung Großschäden auf mehrere Versicherer und stabilisiert deren Bilanzen. Wenn nun die Preissteigerungsphase abebbt, profitieren Erstversicherer häufig über die Kosten des Risikotransfers, während Rückversicherer mit geringeren Margen rechnen müssen.
Auch an der konkreten Kursentwicklung hängt die Stimmung: Am deutschen Aktienmarkt verlieren die Papiere von Münchener Rück und Hannover Rück überdurchschnittlich. Der DAX startet nach der jüngsten Stabilisierung wieder schwächer in die neue Woche; als Belastung werden weiterhin hohe Ölpreise genannt, außerdem fällt die Wall Street wegen des Feiertags Labor Day als Impulsgeber aus. Bis zum frühen Nachmittag liegt der Index bei 25.940 Punkten und damit bei -0,4 Prozent. Zusammengenommen deutet das weniger auf ein plötzliches Nachlassen der Naturgefahren hin, sondern vor allem auf eine Neubewertung der kurzfristigen Preis- und Ertragsaussichten im Rückversicherungszyklus.
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