LONDON (IT BOLTWISE) – Die Salesforce-Aktie bleibt seit Jahresbeginn unter Druck, während der Rivale SAP parallel den Margenausblick reduziert. Im Zentrum steht ein Streit in der Softwarebranche: Können KI-Agenten das klassische Pro-Kopf-Abo-Modell austauschen oder schaffen sie neuen Wachstumsspielraum? Salesforce-CEO Marc Benioff weist die „SaaSpocalypse“-These zurück und verweist auf Agentforce als Wachstumstreiber. Entscheidend wird nun, ob sich der KI-Einsatz in den kommenden Quartalszahlen nachweisen lässt und wie SAPs eigene „Autonomous Enterprise“-Strategie die Investitionsbudgets beeinflusst.

Die Börse setzt im Wettbewerb zwischen Salesforce und SAP aktuell vor allem auf eines: Messbarkeit. Während die Salesforce-Aktie seit ihrem Hoch im Jahr 2025 über 300 US-Dollar deutlich nachgibt und seit Jahresbeginn 22,45 Prozent im Minus liegt, kämpft auch SAP in der Wahrnehmung des Marktes mit erhöhtem Erwartungsdruck. Das Muster dahinter ist weniger ein plötzlicher Technik-Fehler als vielmehr die gleiche Frage, die sich Investoren durch den Software-Sektor ziehen: Wie stark verändert Künstliche Intelligenz die Art, wie Software Umsätze in Produktivität übersetzt?
Genau hier bekommt das Schlagwort „SaaSpocalypse“ eine neue Rendite-Realität. Die Sorge lautet: KI-Agenten könnten professionelle Aufgaben schneller und kostengünstiger erledigen, wodurch das klassische Pro-Kopf-Abo-Modell von Softwareanbietern unter Druck gerät. Marc Benioff, CEO von Salesforce, kontert diese These klar. Er bezeichnet die Befürchtung als „falsch“ und verknüpft das direkt mit seinem eigenen KI-Stack: Agentforce soll als Wachstumstreiber wirken. Benioff argumentiert außerdem, dass Wettbewerber mit einfachem KI-Coding nicht ohne Weiteres Vertriebssysteme bauen könnten, die zugleich sicher und „compliance-tauglich“ sind – also Anforderungen erfüllen, die im Unternehmensvertrieb typischerweise nicht nur Datenqualität, sondern auch Prozess- und Rollenlogik betreffen.
Operativ untermauert Salesforce seinen KI-Fokus bereits mit konkreten Produktivitätskennzahlen. Laut Benioff ermöglicht der eigene KI-Einsatz, doppelt so viele Kundenanfragen zu bearbeiten wie mit menschlichen Mitarbeitenden allein. Damit rückt weniger die große Vision in den Vordergrund, sondern die Frage, ob sich agentische KI in belastbaren Leistungsindikatoren und später in Umsatzkennzahlen übersetzen lässt. Zuletzt hat Salesforce sein Prognosebild nach oben angepasst: Der Konzern hob die Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 45,9 bis 46,2 Milliarden US-Dollar an. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erzielte Salesforce dabei einen Rekordumsatz von 11,1 Milliarden US-Dollar, plus 13 Prozent zum Vorjahr, während das Ergebnis je Aktie auf 2,42 US-Dollar stieg (plus 52 Prozent). Ergänzt wird das Bild durch 27 Milliarden US-Dollar für Aktienrückkäufe im ersten Quartal – ein Signal, dass das Management den eigenen Cashflow aktiv für die Kapitalstruktur nutzt.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf SAP, dass der Markt KI nicht als reine Wachstumsstory, sondern auch als Kosten- und M&A-Thema bewertet. SAP ist breiter aufgestellt, besonders stark im ERP-Geschäft, und konkurriert mit Salesforce um ähnliche IT-Budgets – vor allem dort, wo Cloud- und KI-Funktionen gekauft werden. Für das zweite Quartal 2026 nennt der Text einen Gewinn je Aktie von 1,89 Euro nach 1,45 Euro im Vorjahr sowie einen Umsatz von 9,878 Milliarden Euro. Der Cloud-Umsatz legte um 22 Prozent zu, der kurzfristige Cloud-Auftragsbestand stieg um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro. Allerdings senkte SAP parallel den Ausblick für das bereinigte operative Ergebnis aufgrund von Übernahmen von Dremio und Prior Labs auf 13 bis 17 Prozent währungsbereinigt Wachstum, zuvor waren 14 bis 18 Prozent avisiert. Das ist für Investoren relevant, weil es zeigt, dass „Autonomous Enterprise“ nicht nur Software-Features umfasst, sondern auch Integrations- und Steuerungsaufwand entlang der Konzernarchitektur.
Damit verschiebt sich die Bewertung beider Unternehmen auf den gleichen Prüfstand: Wie schnell werden KI-gestützte Workflows zu wiederkehrender Nachfrage, und wie gut lassen sich Preis- und Paketlogiken gegen einen möglichen Margendruck verteidigen? Während Salesforce im Markt vor allem mit Agentforce punktet, treibt SAP seine KI-Strategie unter dem Namen „Autonomous Enterprise“ voran. Für die nächsten Schritte ist daher weniger die Rhetorik entscheidend als die Übersetzung in Zahlen: Ob der Wachstumsbeitrag von Agentforce in den Ergebnissen sichtbar wird und wie sich die KI-betriebene Bearbeitung von Kundenanfragen in Umsatzeffekte übersetzen lässt, dürfte sich beim anstehenden Bericht zu den Ergebnissen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 zeigen. Auch die Rolle der Analysten ist in der kurzfristigen Kursentwicklung spürbar: Im Text werden mehrere Kauf- und Haltebewertungen genannt, darunter unterschiedliche Kurszielbereiche, die das Bild einer vorsichtigen Zustimmung zeichnen.
Für Unternehmen, die Salesforce- oder SAP-nahe Ökosysteme evaluieren, bedeutet das vor allem: KI-Roadmaps werden zunehmend an operativen KPIs gespiegelt. Wenn agentische KI tatsächlich die Bearbeitungsmenge pro Team erhöhen kann, verschiebt sich die Budgetlogik von „mehr Seats“ hin zu „mehr Output pro Prozessschritt“. Gleichzeitig bleibt das Risiko bestehen, dass Mitbewerber ähnliche Funktionen schneller einführen als historisch vergleichbare Produktzyklen – genau deshalb betont Benioff den Sicherheits- und Compliance-Aspekt als Differenzierungsmerkmal. In der Praxis wird das Thema dadurch operativer: Welche Daten fließen in die KI, wie werden Zugriffsrechte modelliert, wie werden Ergebnisse in bestehenden Vertriebs- und Serviceprozessen verarbeitet? Genau diese Details entscheiden darüber, ob KI am Ende nur als Add-on wahrgenommen wird oder ob sie die Wertschöpfungskette spürbar neu ausrichtet.
Unterm Strich treffen hier zwei Dynamiken aufeinander. Einerseits liefert Salesforce mit Rekordumsatz, angehobener Gesamtjahresprognose und den genannten Produktivitätsargumenten eine klare Wachstumsnarrativ-Klammer um Agentforce. Andererseits zeigt SAP mit Cloud-Wachstum und steigenden Auftragsposten zwar ebenfalls Momentum, senkt aber den operativen Ausblick wegen Integrationseffekten aus Übernahmen. Die nächste Ergebnisrunde wirkt deshalb wie ein Stresstest für das große KI-Versprechen: Nicht „ob“ Künstliche Intelligenz Prozesse unterstützt, sondern ob sich dieser Effekt so in Planung, Margen und wiederkehrende Nachfrage übersetzen lässt, dass Investoren die Bewertung stabilisieren können.
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