DEUTSCHLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Unternehmen steuern SAP-Modernisierungen 2026 zunehmend als Phasenprojekte. Der Wechsel weg vom „Big Bang“ wird durch strenge Kontrollen, Clean-Core-Architekturen und KI-gestützte Tooling-Ansätze praktisch abgesichert. Zusätzlich erhöhen neue Pflichten wie EU AI Act und E-Rechnung die Anforderungen an rechtssichere Prozess- und Systemketten. Das Ergebnis: ERP-Transformationen werden planbar, aber auch deutlich governancelastiger.

Deutsche Firmen verabschieden sich 2026 spürbar von der Idee, SAP-Altlandschaften mit einem einzigen Groß-Release „durchzutauschen“. Stattdessen setzen viele auf schrittweise Modernisierung mit klaren Gate-Kriterien, zentraler Steuerung und einer Architektur, die den Standardkern schützt. Genau diese Verschiebung prägt Berichten zufolge den Blick auf das SAP-Ökosystem, wenn Integrations- und Migrationsprogramme nicht als einmaliges Projekt, sondern als mehrjährige Plattformtransformation verstanden werden. Für IT-Entscheider ist das vor allem eine Frage von Risiko: Wer die Umstellung phasenweise fährt, reduziert Stillstandsfenster und schafft parallele Lernkurven für Fachbereiche und Operations.
Technisch knüpft der neue Ansatz häufig an das Prinzip „Clean Core“ an. Dabei bleibt der SAP-Standardkern möglichst unverändert, während kundenspezifische Logik als Erweiterungsschicht umgesetzt wird. In der Praxis bedeutet das oft die Nutzung der SAP Business Technology Platform (BTP) als Integrations- und Erweiterungsebene: bestehende Eigenentwicklungen werden nicht einfach „weitergeschleppt“, sondern neu kategorisiert, entkoppelt und in klar definierte Erweiterungen überführt. Der Zeitdruck steigt gleichzeitig: Der Support für SAP ECC läuft 2030 aus, was Modernisierungsprogramme in vielen Unternehmen von „Planung“ in die „Umsetzung“ bewegt und die Migrationsarchitektur zu einem Sicherheits- und Wartungsthema macht.
Parallel gewinnt „Sovereign-by-Design“ als Leitmotiv an Gewicht. Unternehmen legen dabei besonderen Wert auf Datenhoheit, differenzierte Zugriffskontrollen und durchgängige Prüfpfade, die von der Anforderung bis zur produktiven Verarbeitung reichen. Das ist mehr als ein Compliance-Slogan: Je stärker KI- und Automatisierungsbausteine in ERP-Prozesse eingreifen, desto wichtiger werden Nachvollziehbarkeit und Kontrolle. Gerade bei kundenspezifischen Erweiterungen stellt sich die Frage, wie sich Berechtigungen, Datenflüsse und Audit-Trails technisch durchsetzen lassen. In dieser Logik entstehen Migrationsleitplanken, die Big-Bang-Risiken minimieren, aber dafür Governance-Strukturen und technische Review-Prozesse konsequent verlangen.
Ein konkreter Hebel sind KI-gestützte Tools zur Bereinigung von Altlandschaften. Berichten zufolge setzen einige Organisationen auf automatisierte Analysen, um alte Eigenentwicklungen zu identifizieren, Prioritäten für die Ablösung zu erstellen und Migrationskandidaten besser zu bewerten. Ein Beispiel: Bosch Manufacturing Solutions deaktivierte vor der Umstellung rund 700 Altlasten, um die Zielarchitektur zu entlasten und die Komplexität zu reduzieren. Genau hier wird der Unterschied zwischen „KI als Showeffekt“ und KI als Engineering-Werkzeug sichtbar. KI kann dabei helfen, technische Schulden sichtbar zu machen und Überschneidungen zwischen Erweiterungen und Standardprozessen aufzudecken. Die Kontrolle bleibt aber beim Menschen, insbesondere wenn Sicherheitsmodelle, Datenklassifizierungen und fachliche Freigaben betroffen sind.
Der Markt reagiert zugleich auf neue Rechen- und Kostenmodelle. SAP liefert seit Juni 2026 unter anderem Joule Studio sowie mehr als 200 KI-Agenten an erste Kunden aus, was die Automatisierung im ERP-Umfeld neu ausrichtet. Für viele Unternehmen verschiebt das die Kalkulation: Anstelle von ausschließlich festen Lizenzbestandteilen treten stärker nutzungs- oder verbrauchsbasierte Komponenten. In der Praxis bedeutet das, dass Finanzen und IT gemeinsam investieren müssen, um KI-Workloads messbar zu steuern – etwa über Quoten, Einsatzgrenzen, Monitoring und kontrollierte Rollouts. Gleichzeitig steigt die Erwartung, dass KI-gestützte Automatisierung nicht nur „funktioniert“, sondern in betriebliche Sicherheits- und Betriebskonzepte eingebettet ist.
Auf Beratungs- und Umsetzungsebene zeigen sich klare Bezüge zu etablierten Systemintegratoren. In einem aktuellen ISG Provider Lens-Bericht werden unter anderem Atos und NTT DATA als Spitzenreiter in allen vier untersuchten Kategorien im deutschen SAP-Ökosystem genannt. Weitere Namen wie Accenture, Capgemini, HCLTech, Infosys, TCS, T-Systems und Wipro tauchen in mehreren Kategorien als führend auf. Einzelne Schwerpunkte wirken dabei wie Spezialisierungsversprechen: Infosys wurde als globaler CX Star Performer 2026 ausgezeichnet, MHP gilt im Umfeld von S/4HANA-Systemtransformationen im Mittelstand als besonders stark und erreicht dabei 94,28 Punkte für die Kundenzufriedenheit. Außerdem erweitert NTT DATA Business Solutions sein Sicherheitsportfolio und startete am 16. Juni 2026 in Partnerschaft mit Pathlock einen Managed-Cybersecurity-Service zur 24/7-Überwachung auf Anwendungsebene.
Regulatorisch wird die Migration dabei nicht nur durch technische Anforderungen „beschleunigt“, sondern auch durch rechtliche Nebenbedingungen, die direkt in ERP-Prozesse greifen. Neben KI-spezifischen Pflichten rückt die elektronische Rechnungsstellung in den Fokus. E-Rechnungspflichten zwingen Unternehmen, Prozesse so zu digitalisieren, dass Formate, Archivierungsregeln und revisionssichere Nachweise stimmen. Besonders relevant wird dabei Document and Reporting Compliance (DRC), das sich als zentrale Schaltstelle für Dokumentation und Reporting positioniert und über die BTP eingebunden wird. Für Deutschland entsteht dadurch ein konsistenter Pfad: Unternehmen können technische Migrationen mit rechtssicherer Prozessgestaltung koppeln, statt Compliance erst am Ende als „Projekt zweiter Ordnung“ nachzuziehen.
Auch die EU-Initiative „Mehrwertsteuer im digitalen Zeitalter“ (ViDA) wirkt als Taktgeber. Sie treibt die Harmonisierung von Echtzeitberichterstattung über mehrere Länder hinweg voran; inzwischen schreiben in Europa bereits mehr als 50 Länder E-Rechnungen vor. SAP ersetzt deshalb ältere Dienste bis Ende 2025 durch die DRC Cloud Edition, was für internationale Konzerne mit mehreren ERP-Landschaften besonders relevant ist. Gleichzeitig erhöht der EU AI Act den Druck, KI-Entscheidungen und Automatisierungen besser zu klassifizieren und kontrollierbar zu machen. Damit wird die Clean-Core-Strategie indirekt auch zu einer Regulierungsstrategie: Je weniger „versteckte“ Sonderlogik im Standard steckt, desto leichter lässt sich Governance über Datenflüsse und Modellentscheidungen aufsetzen.
Für die nächsten Monate zeichnet sich zudem ein Betriebs- und Rollout-Thema ab: Der Wert der schrittweisen Modernisierung hängt stark davon ab, wie gut Teams technische Messbarkeit in die Transformation integrieren. Berichten zufolge können Anwender bestimmte Bearbeitungszeiten bei KI-gestützten Lösungen von mehreren Tagen auf unter 20 Minuten verkürzen, wenn Prozesse sauber vorbereitet und KI-Funktionalitäten passend dimensioniert werden. SAP bietet für die Nutzung bis Ende 2026 einen kostenfreien Zugang an, danach wird nach Verbrauch abgerechnet. Das begünstigt Pilotierung und schnelles Lernen – gleichzeitig brauchen Unternehmen klare Kriterien, wann ein Pilot in den Produktionsbetrieb überführt wird und wie sich Kosten, Qualitätsmetriken und Sicherheitsanforderungen fortlaufend auswerten lassen.
Aus Unternehmenssicht lautet die wahrscheinlichste Folge dieser Entwicklung: ERP-Transformationen werden stärker zu Plattformprogrammen mit wiederkehrender Governance statt zu einmaligen Wechselprojekten. Entwickler bekommen dadurch mehr Rollen, in denen sie nicht nur Features bauen, sondern auch Erweiterungsgrenzen, Datenklassifizierungen und Prüfketten definieren. Sicherheits- und Compliance-Teams müssen früh an die Architektur, weil KI- und DRC-Integrationen neue Angriffspunkte schaffen können, etwa in Form von Berechtigungsfehlern oder nicht erwarteten Datenflüssen. Wer jetzt in Clean-Core- und Sovereign-by-Design-Prinzipien investiert, kann den Umstieg bis zum ECC-Ende 2030 strukturierter bewältigen. In den kommenden Jahren dürfte zudem der Wettbewerb um „kontrollierte“ Automatisierung an Fahrt gewinnen: Anbieter, die KI, Sicherheit und Compliance in einer konsistenten Zielarchitektur zusammenbringen, werden stärker gefragt.
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