BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – SAP wächst im Cloud-Geschäft, doch der Markt zweifelt am ERP-Kern in einer KI-getriebenen Prozesswelt. Im Interview erklärt Dr. Robert Sasse, warum autonome KI-Agenten nicht weniger ERP-Tiefe benötigen, sondern eher einen belastbaren Datenkern. Entscheidend sei dabei der Migrationsdruck aus dem ECC-Enddatum 2027 sowie die Monetarisierung der Joule-Runtime. Das Bewertungsbild erscheint weniger widersprüchlich, als es auf den ersten Blick wirkt.

SAP steht aktuell in einer für ERP-Anbieter typischen Spannungslage: Einerseits berichten Investoren und Analysten über einen stabilen Ausbau im Cloud-Geschäft, andererseits prallt die Bewertung am Narrativ der Künstlichen Intelligenz auf. Genau diese Reibung wird im Gespräch mit Dr. Robert Sasse greifbar, der die Kernfrage verschiebt. Nicht operative Kennzahlen seien der Streitpunkt, sondern ob KI-Agenten den traditionellen ERP-Stack langfristig entkernen oder ob sich der ERP-Datenkern gerade als strategisches Fundament erweist. Die Folge: Der Markt bewertet SAP offenbar so, als würde der „Burggraben“ schneller erodieren, als es die strukturellen Fakten nahelegen.
Technisch betrachtet geht es bei der Argumentation weniger um „KI als Feature“ und mehr um die Frage, aus welchen Datenquellen KI-Agenten Entscheidungen ableiten. Ein Agent, der Beschaffung, Finanz-Compliance und Teile der Supply Chain koordiniert, braucht konsistente, historisch nachvollziehbare Prozess- und Stammdaten. In modernen Unternehmensarchitekturen entspricht das einem Mix aus transaktionalen Datenebenen, Berechtigungs- und Audit-Mechanismen sowie klaren Schnittstellen zu Workflows. Je stärker ein Agent in echte operative Entscheidungen eingebunden ist, desto relevanter wird die Qualität des ERP-Datenkerns. Damit kippt die Perspektive: KI wirkt nicht wie ein Ersatz, sondern wie ein Verstärker der Integrations- und Governance-Tiefe.
Am Markt wird dieser Punkt dennoch kontrovers diskutiert, weil konkurrierende Ökosysteme bereits stark in Richtung KI-gestützter „Agenten“ drängen. Genannt werden häufig Copilot-Ansätze von Microsoft, Agent-Konzepte aus dem Salesforce-Umfeld sowie weitere Plattformen, die Konnektoren und Automatisierungen für Fachanwender bereitstellen. Doch genau hier setzt Sasse an: Solche Tools können häufig Prozesse orchestrieren, sind aber nur so gut wie die Datenbasis, die ihnen Zugriff gewährt. SAPs Argumentation, dass Kunden einen sehr großen Anteil am globalen Handelsvolumen abbilden, wird in der Debatte als Hinweis auf schwer replizierbare Daten- und Prozessnähe gelesen. Das ist weniger „Marketing“, sondern eine Implikation für Datenabdeckung, Latenz und Compliance-Abbildung.
Gleichzeitig verschiebt sich die Zeitachse in der ERP-Realität durch harte Migrationszwänge. Laut SAPs eigenen Angaben sind zum Jahresende 2024 noch ein relevanter Anteil der ECC-Kunden nicht auf S/4HANA umgestiegen. Der Markt kann solche Zahlen oberflächlich als „Widerstand“ interpretieren. Im Gespräch wird daraus jedoch ein anderer Befund: Wenn der ECC-Support bis Ende 2027 ausläuft und Projekte typischerweise 18 bis 42 Monate dauern, entsteht ein Zeitfenster, in dem Warteschleifen teuer werden. Wer nicht startet, muss entweder in Extended-Support-Modelle investieren oder erhöht das Risiko, bei dem nächsten Wettbewerbsangebot technologisch, organisatorisch und vertraglich unter Zeitdruck zu geraten. Damit ist „Nicht-migrieren“ keine Indifferenz, sondern häufig eine Kosten- und Risikokalibrierung.
Der Einfluss auf das Implementierungsgeschäft wirkt dabei indirekt, aber spürbar. Accenture wird in diesem Kontext genannt, weil das Unternehmen als großer SAP-Integrationspartner seine Umsatzprognose gesenkt und bei Auftragseingängen Zurückhaltung signalisiert hat. Das kann den Migrationstakt dämpfen, denn weniger Implementierungsprojekte bedeuten weniger Tempo in der Rollout-Pipeline. Entscheidend ist jedoch die Asymmetrie zwischen diskretionärem IT-Budget und regulatorisch oder termingetriebenen Migrationsmustern: Compliance- und Support-getriebene Umstellungen werden weniger leicht verschoben, sondern werden häufig teurer, je länger man wartet. Für SAP ergibt sich daraus eine strukturelle Stütze, selbst wenn die allgemeine Transformationsneigung sinkt.
Auf der Bewertungsseite liefert die Diskussion um das Kursziel einen besonders lehrreichen Kontrast zwischen Modell und Intuition. Der Analystenkonsens wird mit einem Ziel nahe 220 Euro beschrieben, das in der Größenordnung auch in der eigenen Einschätzung liegt. Sasse argumentiert jedoch, dass die Überzeugung dahinter unterschiedlich sei: Konsensmodelle leiten das Ergebnis aus Multiples ab und hoffen auf eine Normalisierung von Bewertungsabschlägen. Seine Alternative lautet, dass der Burggraben in fünf Jahren nicht trotz KI trägt, sondern weil KI den Datenkern wertvoller macht. Die entscheidende Bedingung für eine „Neubewertung“ wäre laut ihm eher ein Monetarisierungsproblem bei Joule oder ein Stocken beim Cloud-Backlog ab 2027 durch Wettbewerbsgewinne—also eine Qualitätsverschlechterung, nicht bloß ein Sentimentwechsel.
Dass der Wettbewerb das Tempo beeinflusst, sieht man auch an der Investitionsstrategie anderer Cloud-Anbieter. Oracle wird als Beispiel herangezogen: Für das kommende Geschäftsjahr werden Investitionen von bis zu 95 Milliarden US-Dollar genannt. In der Logik von Sasse bedeutet das vor allem, dass der Cloud-Markt insgesamt wächst und Infrastrukturarbeit leistet—für SAP zunächst weniger ein Gegenwind als ein kontextueller Rückenwind. Denn SAP baut stärker an Prozesslogik und ERP-Tiefe, während Oracle eher den Cloud-Unterbau verstärkt. Trotzdem bleibt die Frage, wie schnell Agenten wirklich in den Kernprozessen „entscheidungsfähig“ werden. Der Blick auf Joule, etwa dass die Joule-Agent-Runtime bis Ende 2026 kostenfrei gewährt wird, deutet zwar auf Adoptionsdruck hin, aber die Zahlungsbereitschaft muss sich in den nächsten Quartalen praktisch und wirtschaftlich bestätigen.
Für die nächsten Monate ist die Halbjahresberichterstattung am 23. Juli ein klares operatives Signalereignis, weil sich dort zeigen soll, ob der Backlog-Aufbau die Guidance trägt. Aus Investorensicht ist die Risiko-Asymmetrie zentral: Solange die Migration in Wellen wegen ECC-Enddatum 2027 tatsächlich in Nachfragepulsen mündet, kann das Bewertungsniveau durch „bekannte Termine“ gestützt werden, selbst wenn der Markt parallel über KI-Disruption diskutiert. Aus Unternehmenssicht entsteht daraus eine doppelte Handlungsableitung: ERP-Modernisierung bleibt nicht nur IT-Projekt, sondern Governance- und Datenprojekt, das den Erfolg KI-gestützter Automatisierung bestimmt. Gleichzeitig sollten CIOs und CTOs genau prüfen, wie sich Kostenstrukturen der Migration auf Margen auswirken—und wie schnell KI-Agenten auditierbare Entscheidungsprozesse in Echtzeit abbilden können.
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