LONDON (IT BOLTWISE) – Michael Saylor und Phong Le fordern MSCI auf, einen geplanten Filter zur Einstufung als „non-operating company“ zurückzuziehen. Das Modell würde eine Nichtzulassung für Unternehmen aus den Global Investable Market Indexes auslösen, wenn mehrere Kennzahlen ausfallen. Besonders im Fokus steht Strategy, deren Bitcoin-Treasury nach Darstellung der Gründer nicht in die Ausschlusskriterien fallen soll. MSCI läuft derweil eine Konsultation bis Ende September, bevor mögliche Änderungen im November-Index-Review greifen.

MSCI steht vor einer offenen Legitimationsfrage: Eine vorgeschlagene Methodik zur Einstufung „non-operating companies“ könnte künftig mehrere Firmen aus den globalen, investierbaren Benchmarks entfernen. Im Kern geht es um einen Screen, der Emittenten über fünf finanzielle Kennzahlen beobachtet, wobei das Überschreiten bzw. Verfehlen von vier dieser Faktoren zur Unzulässigkeit für die Indexaufnahme führen kann. Die Konsultation wurde bereits im August eröffnet und läuft laut Zeitplan bis zum 30. September, bevor Ergebnisse am 16. Oktober veröffentlicht werden und Änderungen im November-Index-Review wirksam werden könnten.
Die Kritik der Bitcoin-Treasury-Firma Strategy setzt dabei an der Ausgestaltung des Tests an. Michael Saylor und CEO Phong Le argumentieren in einem öffentlich gemachten Schreiben, der Ansatz sei „discriminatory, arbitrary, and misguided“ und diene als Vorwand, digitale Asset-Treasurys gezielt auszuschließen. Sie verweisen außerdem darauf, dass MSCI im Januar einen Vorschlag mit 50% Krypto-Holdings nicht umgesetzt hatte, und sehen den aktuellen Filter als Re-Paketierung dieses Themas. Dass die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen wurde, passt zur breiteren Branchenlogik von Indexanbietern: Methodik-Änderungen sollen zwar systematisch und überprüfbar sein, zugleich aber in der Praxis verständlich und konsistent wirken, damit Anleger- und Handelsmodelle keine Überraschungen erleben.
Technisch betrachtet nutzt der geplante Screen eine Art Proxy dafür, wie stark operative Vermögenswerte im Verhältnis zur Gesamtbilanz dominieren. MSCI stellt dabei auf Unternehmen ab, bei denen die operating assets weniger als die Hälfte der gesamten Vermögenswerte ausmachen. Der Test misst dann operatives Asset-Intensitätsniveau, Ausgaben, Cashflow, Schwankungen zum beizulegenden Zeitwert sowie Abhängigkeit von externer Finanzierung. Für die Praxis entscheidend ist nicht nur die Auswahl der Kennzahlen, sondern auch die Logik: Wer vier Flags auslöst, scheidet aus, und bestehende Indexmitglieder müssen zudem in zwei aufeinanderfolgenden jährlichen Reviews negativ auffallen, bevor eine Streichung tatsächlich erfolgt.
Wie groß der Effekt sein könnte, macht MSCI im Konsultationsdokument anhand des ACWI IMI deutlich: Zum Stand Mai 2026 nennt die Methodik drei potenzielle Löschungen. Strategy selbst wäre demnach mit einer float-adjusted Marktkapitalisierung von 23,93 Mrd. USD betroffen, Yellow Cake aus dem Vereinigten Königreich mit 1,81 Mrd. USD und Metaplanet aus Japan mit 654 Mio. USD. Zusätzlich existiert eine Watchlist mit weiteren potenziell betroffenen Unternehmen wie dem Ethereum-Treasury-Umfeld um SharpLink sowie Center Laboratories und Lydia Holding. Die Strategy-Seite ordnet die Größenordnung anders ein und betont, dass das Unternehmen etwa 87% der float-adjusted Marktkapitalisierung ausmache, die über alle sechs betrachteten Fälle dem Screen potenziell zum Opfer fallen würde.
Strategy untermauert seine Einwände mit der eigenen Rechnungslegung und damit mit der Frage, wie sich Bitcoin-Treasury-Positionen im Abschluss abbilden lassen. Das zweite Quartal 2026-10-Q, das am 3. August eingereicht wurde, definiert die Bitcoin-Treasury als separaten berichtspflichtigen operativen Segmentbestandteil. Außerdem bucht die Firma Fair-Value-Änderungen auf Bitcoin in den operativen Aufwendungen. Genau an dieser Zuordnung setzt das Argument an: Nach Lesart der Gründer würde Strategy damit weder die „expenses“-Flag noch die „fair-value“-Flag auslösen, die im Screen entscheidend sind. Damit verschiebt sich der Streit vom politischen Framing hin zu einer methodischen Schnittstelle zwischen Indexregeln, Bilanzierungslogik und der Frage, ob ein Screen die wirtschaftliche Substanz im Sinne der Indexziele wirklich trifft.
In der Einordnung spielen neben Methodik und Rechnungslegung auch die Markt- und Reputationseffekte eine Rolle. Saylor und Le versuchen, die unmittelbare Geschäftsrelevanz kleinzureden und verweisen stattdessen auf einen Reputationsschaden für MSCI als neutralen Indexanbieter. Gleichzeitig verweist die Strategie-Kommunikation auf eine mögliche Kapitalmarktwirkung über Index-Fonds und -Mandate: Analystenschätzungen aus dem Jahr 2025 lagen demnach bei 2,8 Mrd. USD potenziellen Abflüssen durch Ausschlüsse, die auf 11,6 Mrd. USD ansteigen könnten, falls weitere Indexanbieter folgen würden. Im Dezember hatten die beiden Führungskräfte zudem bereits ähnlich adressiert, dass ein Ausschluss von Krypto-Treasurys dem Sicherheitsinteresse der USA schaden könnte; diesmal steht jedoch stärker die faire und rechtssichere Ausgestaltung des Tests im Mittelpunkt.
Für den weiteren Verlauf ist vor allem die prozessuale Komponente interessant: Am Ende des Schreibens bittet Strategy MSCI, einen „legal hold“ für alle Unterlagen zu dem Test einzulegen, also Dokumente zur Entwicklung der Methodik zu sichern. Das ist weniger eine inhaltliche Streitfrage als eine Verfahrensmaßnahme, die späteres Framing in juristischen Auseinandersetzungen erleichtern kann. Unabhängig davon bleibt die eigentliche Entscheidungsphase offen: Die Konsultation läuft, Rückmeldungen sind bis Ende September möglich, und erst das Ergebnis im Oktober entscheidet darüber, ob MSCI den Screen anpasst, ihn unverändert fortführt oder zurückzieht. Für Anleger und Indexanwender bedeutet das vor allem eins: Das Risiko von Tracking-Abweichungen und Rebalancing-Effekten steigt bereits, solange die Methodik nicht final feststeht.
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