HERZOGENAURACH / LONDON (IT BOLTWISE) – Schaeffler kündigt ein weiteres Ergebnisverbesserungsprogramm an, das ab 2030 rund 300 Millionen Euro pro Jahr einsparen soll. Der Plan sieht netto 3.460 Stellen in Europa vor, mit dem Schwerpunkt auf Deutschland. Zusätzlich soll ein Solidarititätsbeitrag über alle Hierarchieebenen helfen, Personalkosten pro Kopf zu senken und Einmalaufwendungen zu reduzieren. Das Unternehmen will die Umsetzung im Dialog mit Arbeitnehmervertretungen gestalten.

Nach Abschluss bereits angekündigter Strukturmaßnahmen und der Nutzung von Altersteilzeitverträgen will Schaeffler erneut gegen den wirtschaftlichen Druck im Automobilgeschäft ansteuern. Der neue Schritt zielt nicht nur auf kurzfristige Ergebnisstützung, sondern auf eine grundlegende Verschlankung der Organisation: Überkapazitäten sollen abgebaut, Entwicklungskapazitäten angepasst, Personalkosten reduziert und die Komplexität der Unternehmensstruktur verringert werden. Damit reagiert der Konzern auf eine anhaltend herausfordernde Marktlage, in der die Nachfrage nach Fahrzeugen mit Verbrennerantrieben schwächer bleibt und der Hochlauf der Elektromobilität zeitlich verzögert verläuft.
Technisch betrachtet ist das Programm vor allem eine Kombination aus Kapazitätssteuerung und organisatorischem Umbau. Schaeffler nennt explizit mehrere Ursachen für den Handlungsbedarf: die überdurchschnittlich hohen Personalkosten pro Kopf in Deutschland sowie eine Organisationskomplexität, die laut Beschreibung durch zu viele Führungsebenen und zu geringe Führungsspannen entsteht. Aus Unternehmenssicht bedeutet das: Wenn Entwicklung und Produktion nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell auf die erwartete Nachfrage ausgerichtet werden, sinkt sowohl der laufende Aufwand als auch der Koordinations-Overhead. Genau dort setzt das Unternehmen an, indem es nicht ausschließlich Stellen reduziert, sondern auch die Arbeitsweise in der Breite verändert.
Auf der operativen Ebene wird das Programm in Europa mit einem netto Abbau von 3.460 Stellen umgesetzt, wovon rund 2.660 Stellen in Deutschland entfallen. Die Verteilung macht deutlich, dass Schaeffler den Schwerpunkt nicht auf reine Verwaltungsthemen legt: Etwa 50 Prozent betreffen die Produktion, 30 Prozent entfallen auf Forschung und Entwicklung und die restlichen 20 Prozent auf weitere Funktionsbereiche. In der Region sind zudem 16 Standorte betroffen; fünf davon, davon vier in Deutschland, sollen perspektivisch geschlossen werden. Genannt werden unter anderem das Werk in Dortmund (aktuell 430 Beschäftigte) und der Standort Morbach (160 Mitarbeitende), beide in der Sparte Powertrain & Chassis mit Produkten für Verbrennungsmotoren. Zusätzlich plant der Konzern, Aktivitäten in Berlin einzustellen und den Standort Schwalbach aufzugeben, wobei ein Großteil der rund 385 Beschäftigten nach Frankfurt wechseln soll.
Besonders auffällig ist die Verbindung aus Personalmaßnahmen und finanzieller Ergebnislogik. Die neu beschlossene Planung zielt auf jährliche Ergebnisverbesserungen von rund 300 Millionen Euro ab 2030; dem steht Einmalaufwand von rund 480 Millionen Euro gegenüber. Der überwiegende Teil soll bereits im Jahr 2026 als Restrukturierungsrückstellung verbucht werden. Damit wird der finanzielle Effekt in einen klaren Horizont gebracht: kurzfristige Rückstellungsbelastung jetzt, strukturelle Entlastung später. Für Deutschland beziffert Schaeffler die Größenordnung zusätzlich prozentual im Verhältnis zur Stammbelegschaft: Bei 31.957 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (Stichtag 30. September 2026) entspräche der Abbau zunächst rund acht Prozent bis 2028; bezieht man die aus Altprogrammen sowie den bereits unterzeichneten 1.800 Altersteilzeitverträgen resultierenden Effekte ein, steigt der Wert auf rund 18 Prozent.
Um die Sozialverträglichkeit abzufedern, setzt das Unternehmen neben dem Stellenabbau auf einen Solidarititätsbeitrag über alle Hierarchieebenen hinweg. Dieser soll unter anderem einen temporären, freiwilligen Gehaltsverzicht umfassen, beginnend beim Vorstand, und ist noch im Detail mit den relevanten Gremien abzustimmen. Aus Sicht des Konzerns dient er dazu, die Personalkosten pro Kopf zu senken und damit den notwendigen Stellenabbau sowie die Einmalaufwendungen zu reduzieren. Zudem wird erwartet, dass der Solidarititätsbeitrag in den Jahren 2027 und 2028 zu einer unmittelbaren Entlastung der Gewinn- und Verlustrechnung führt; ohne diesen Beitrag wäre der Stellenabbau nach Unternehmensangaben größer ausgefallen.
Strategisch verknüpft Schaeffler das Programm mit der konsequenten Weiterentwicklung zur sogenannten „Motion Technology Company“. In der Darstellung des Konzerns soll ein Teil der wegfallenden Kapazitäten perspektivisch über neue Wachstumsfelder kompensiert werden, statt ausschließlich rückwärtsgerichtete Effizienz zu realisieren. Als künftige Felder nennt das Unternehmen vor allem Humanoide Robotik und Verteidigung. Gerade diese Stoßrichtung ist auch ein Markt-Signal: In einer Phase, in der sich Automobilzulieferer zwischen Verbrenner-Realität und Elektrifizierungs-Ramp-up neu sortieren müssen, wird die Diversifikation zum Risiko-Puffer. Neben der Diversifikation geht es dabei auch um die Bündelung von Technologiekompetenzen in regionalen Clustern und um die Reduktion von Hierarchieebenen, also um eine Kombination aus Standort- und Organisationsstrategie.
Für die Branche und für Arbeitgeber in den betroffenen Regionen ist der Zeitpunkt zugleich ein Effekt der jüngeren Unternehmens- und Automobilzyklen. Schaeffler bettet die Maßnahmen in den Dialog mit Arbeitnehmervertretungen und Betriebsräten ein; als Grundlage verweist das Unternehmen auf eine Zukunftsvereinbarung aus dem Jahr 2018. Die strukturellen Maßnahmen sind überwiegend für 2027 und 2028 vorgesehen, während Details zu den Planungen an den jeweiligen Standorten in lokalen Mitarbeiterversammlungen vorgestellt werden sollen. Damit wird das Programm voraussichtlich nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch als Transformationsprojekt spürbar, weil es Produktion, Entwicklung und Funktionsbereiche gleichzeitig betrifft und so die praktische Umsetzung der Standortstrategie unmittelbar in den Alltag der Organisation verlagert.
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