KIEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Mehr als 90 Prozent der Patientinnen und Patienten wünschen sich stärkere Mitsprache bei medizinischen Entscheidungen. Mit der Kampagne „MiT MiR“ startet am 13. Juli 2026 ein Aktionsbündnis, das Shared Decision Making flächendeckend verankern will. Gleichzeitig steigt die Nutzung von KI-Tools in Gesundheitsfragen: Laut Stada-Umfrage greifen 45 Prozent der Deutschen bereits darauf zu. Der Artikel ordnet ein, wie sich klinische Praxis, digitale Beratung und neue Rechtsrahmen gegenseitig beeinflussen.

SDM und KI in der Patientenversorgung: Kampagne „MiT MiR“ startet 2026
SDM und KI in der Patientenversorgung: Kampagne „MiT MiR“ startet 2026 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die neue Kampagne „MiT MiR“ setzt nicht bei der Medizin als solcher an, sondern bei der Entscheidungsarchitektur: Wer Therapie auswählt, soll verstehen, mitentscheiden und Optionen gegeneinander abwägen können. Am 13. Juli 2026 startete ein breites Aktionsbündnis, das Shared Decision Making (SDM) zwischen Arzt und Patient flächendeckend verankern will. Der Impuls ist messbar: Über 90 Prozent der Patientinnen und Patienten wünschen sich mehr Einbindung in medizinische Entscheidungen. In einer Programmumsetzung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel sanken zudem Notfalleinweisungen um 13 Prozent, was nicht nur klinisch, sondern auch finanziell relevant ist.

Damit SDM im Alltag funktioniert, braucht es mehr als Gesprächskultur. Technisch betrachtet wird die gemeinsame Entscheidungsfindung zunehmend durch digitale Unterstützungssysteme „übersetzt“: Modelle liefern Informationen strukturiert, Care-Teams dokumentieren Präferenzen nachvollziehbar und Prozesse werden standardisiert. Genau an dieser Stelle wird KI in der Gesundheitsberatung zum Skalierungsfaktor. Laut einer Stada-Umfrage aus 2026 nutzen bereits 45 Prozent der Deutschen KI-Tools für Gesundheitsfragen; bei der grundsätzlichen Offenheit für KI-gestützte Versorgung liegt der Wert sogar bei 81 Prozent. Aus IT-Sicht heißt das: Die Systeme müssen zuverlässig, auditierbar und datensparsam sein, sonst verschiebt sich der Nutzen in Richtung Misstrauen.

Der Handlungsdruck steigt auch, weil die Bevölkerung mit dem Gesundheitssystem unzufriedener wird: Die Zufriedenheit fällt von 80 Prozent (2020) auf 63 Prozent (2026). Erwartet werden vor allem schnellere Termine und hybride Versorgungsmodelle. Solche Muster sind historisch plausibel: Seit der frühen Telemedizin-Welle wurden digitale Angebote zunächst oft als „Ersatz“ für stationäre Abläufe gedacht; inzwischen geht es eher um Orchestrierung – also um Wege, Beratung, Nachsorge und Entscheidungsfindung über Schnittstellen hinweg konsistent zu machen. In diesem Wettbewerb spielen auch Telemedizin-Plattformen wie Doctolib und andere Anbieter eine Rolle, weil sie Arztpraxen mit Termin- und Kommunikationsworkflows eng verknüpfen und damit den digitalen Standard für „hybrid“ mitprägen.

Dass Technik in der Versorgung nicht nur „nice to have“, sondern regulatorisch eingebettet ist, zeigen die aktuellen Gesetzesänderungen. Laut Meldung zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vom 10. Juli 2026 wird der Einsatz von Cannabis in der vertragsärztlichen Versorgung neu geordnet: Cannabisblüten und -extrakte gelten künftig als nachrangig gegenüber Fertigarzneimitteln. Vor einer Erstattung von Blüten ist in der Regel ein sechsmonatiger Therapieversuch mit zugelassenen Fertigpräparaten nötig. Für IT-Teams bedeutet das: Abrechnungslogik, Evidenz- und Dokumentationspflichten müssen in digitalen Workflows so abgebildet werden, dass Entscheidungen im Sinne von SDM auch regelkonform nachvollzogen werden können – etwa durch versionierte Therapiepfade und klar definierte Evidenzquellen.

Im gleichen Zeitraum verschiebt sich die Therapielandschaft technologisch weiter in Richtung gezielter Alternativen zu Antibiotika. Das Verbundprojekt „MEDphage“ unter Leitung der Universität Halle-Wittenberg erforscht seit dem Start die Phagen-Therapie als möglichen Gegenentwurf zur klassischen Antibiotikatherapie. Laut Angaben wird das Projekt über drei Jahre mit rund 970.000 Euro gefördert, mit dem Ziel, technische und rechtliche Hürden abzubauen. Bisher sind individualisierte Phagen-Arzneimittel nicht im regulären Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enthalten. Hier wird deutlich, wie wichtig moderne Sicherheits- und Compliance-Mechanismen für KI-gestützte Beratung sind: Sobald individualisierte Entscheidungen anstehen, müssen Datenflüsse, Freigaben und Modellannahmen sauber dokumentiert werden, damit Kliniken bei Patientinnen und Patienten nicht nur Transparenz, sondern auch Verlässlichkeit ausspielen.

Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus ein klarer Produkt-Impuls: SDM braucht „Enterprise-Software“, die Prozesse, Datenmodelle und Governance zusammenbringt. Konkret sollten Lösungen für Entscheidungsvorlagen (Choice-Architecture), Präferenzsammlung und evidenzbasierte Zusammenfassungen so designt sein, dass sie mit Datenschutzanforderungen kompatibel bleiben und gleichzeitig in bestehende Praxis- und Klinikinfrastruktur integrierbar sind. Der Markt wird außerdem von der Nachfrage nach KI-gestützter Beratung angetrieben, aber auch von der sinkenden Zufriedenheit im System: Wenn Termine knapp sind, steigt der Wert von intelligentem Vor- und Nachbereitungs-Workflow. So können digitale Angebote nicht nur Information bereitstellen, sondern die Beteiligung stärken – vorausgesetzt, sie sind überprüfbar, sicher und fachlich abgestimmt.

Der Ausblick für 2027 und darüber hinaus ist damit zweigeteilt. Einerseits werden Programme wie „MiT MiR“ SDM stärker in die Fläche bringen, was die Anforderungen an Datenqualität, Dokumentationsstandards und Schulung von Behandlungsteams erhöht. Andererseits nehmen regulatorische Anpassungen und technologische Forschungsrichtungen wie Phagen-Therapie den Druck, Entscheidungen nicht nur kommunikativ, sondern auch systemisch zu unterstützen. Wenn Unternehmen diese Entwicklung früh in KI- und Workflow-Produkte übersetzen, entstehen Chancen für Entwicklerteams entlang der gesamten Kette: von Modellvalidierung über Audit-Trails bis hin zu hybriden Versorgungspfaden. Für Patientinnen und Patienten entscheidet am Ende weniger die Technik als die Qualität der gemeinsamen Abwägung – und die muss im Alltag messbar besser werden.


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