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ERLANGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens will in Erlangen Künstliche Intelligenz in der Fabrik automatisiert einsetzen, und zwar mit einem digitalen Zwilling als Kern. Bislang musste das System bei wechselnden Leiterplatten-Konfigurationen per Hand angelernt werden; das kostete jeweils mehrere Stunden und stoppte die Produktion. Mit Simulations- und Datenmodellen sollen künftig fotorealistische Beispiele „für gute und fehlerhafte“ Leiterplatten entstehen, bevor eine neue Produktion startet. Das Ziel ist eine deutlich höhere Automatisierung – von 30 bis 40 Prozent auf 70 bis 80 Prozent.

Siemens und NVIDIA zeigen KI-Fabrik: digitaler Zwilling statt Handarbeit
Siemens und NVIDIA zeigen KI-Fabrik: digitaler Zwilling statt Handarbeit (Foto: IT BOLTWISE)
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Siemens und NVIDIA verknüpfen in Erlangen digitale Zwillinge, Simulation und KI-gestützte Steuerung zu einem Fabrikansatz, der vor allem eins adressieren soll: wechselnde Produktvarianten ohne jedes Mal lange manuelles Nachjustieren. Im Elektronikwerk dient der digitale Zwilling nicht als Ziermodell, sondern als reproduzierbare Grundlage, um bereits im Vorfeld der Produktion zu zeigen, wie Leiterplatten je nach Konfiguration aussehen sollten. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von „System per Hand erklären“ hin zu „Modell vorab simulieren und als Referenz nutzen“. Genau an dieser Stelle wird der praktische Nutzen sichtbar, weil die Lerneffekte aus der Modellierung nicht nur auf eine einzige Variante begrenzt sind.

Technisch betrachtet ist der entscheidende Hebel die Kombination aus Daten für Produkt und Fertigungsprozess sowie einer Simulationstechnologie, die Ergebnisse in ein Bild übersetzt. Statt die optische Kontrolle erst während des Ramp-ups mit menschlicher Anleitung in Gang zu bringen, sollen die Teams „noch vor dem Start der Produktion“ ein fotorealistisches Bild erzeugen – sowohl für eine gute Leiterplatte als auch für fehlerhafte Varianten. Das reduziert nicht nur den Zeitraum bis zur Produktionsbereitschaft, sondern vermeidet auch unnötige Stillstände. Im Werk ändern sich die Anforderungen laut Darstellung fortlaufend je nach Konfiguration, und genau diese Dynamik war bisher schwer automatisiert: Das Anlernen des Systems hat jeweils mehrere Stunden gedauert, während die Produktion dafür angehalten werden musste.

Auch die generelle Zielsetzung ist dabei klar auf Effizienz und Flexibilität ausgerichtet. Vorstandsmitglied Cedrik Neike ordnet den Einsatz als „historische Chance für Deutschland und Europa“ ein und betont, dass man Künstliche Intelligenz in Fabriken bringen und im industriellen Maßstab einsetzen möchte. Er argumentiert dabei mit zwei Effekten: Prozesse sollen schneller und flexibler werden, und Produktionsfähigkeit soll sich auch in Hochlohnländern sichern lassen. Im selben Kontext nennt Neike eine zuvor gelebte Automatisierungsgrenze von 30 oder 40 Prozent, die mit KI auf 70 oder 80 Prozent steigen könne. Wichtig ist jedoch nicht nur die Kennzahl, sondern der Anspruch, „dies auch bei vielfältigen und sich verändernden Prozessen“ abbilden zu können.

Dieser Punkt greift auf eine zentrale technische Herausforderung in der Industrie zurück: Modellieren und Optimieren für stabile Abläufe ist relativ gut lösbar, aber Fabriken erleben permanent Änderungen in Produktdesign, Parametern und Qualitätskriterien. NVIDIA-Vertreter Rev Lebaredian bringt das auf den Punkt, wenn er sagt: „Fabriken müssen mit Veränderungen ebenso gut umgehen können wie mit Wiederholungen“. Damit wird ein Kernprinzip deutlich: Automatisierung darf nicht an starren Annahmen hängen, sondern muss den Wechsel von Prozessbedingungen als normal integrieren. Genau deshalb spielt der digitale Zwilling als „Zeitmaschine“ eine Rolle: Lebaredian beschreibt ihn sinngemäß als Simulation verschiedener Zukünfte, aus denen sich Handlungsoptionen ableiten lassen.

Über die optische Kontrolle der Leiterplatten hinaus zeigt sich der Ansatz auch in der Produktionsplanung. Hier kommt ein Dialogkonzept ins Spiel: Ein Mensch legt im Zusammenspiel mit KI-Agenten fest, wie die Planung umgesetzt wird. Der digitale Zwilling und die Simulation sind auch dafür die Grundlage, weil sie den Datenraum schaffen, in dem Planungsschritte plausibel bewertet und Varianten schneller durchgerechnet werden können. In der Praxis bedeutet das weniger „Agenten handeln autonom“ als vielmehr „Agenten reduzieren die Suchzeit“, während die betriebliche Verantwortung beim Menschen bleibt. Für viele Produktionslinien ist das entscheidend, denn Planungsentscheidungen müssen nachvollziehbar sein – und sie hängen häufig an Randbedingungen, die im Alltag eher operativ als rein rechnerisch definiert werden.

Der Marktkontext macht die Richtung zusätzlich verständlich: Industrielles KI-Engineering bewegt sich seit Jahren weg vom reinen Modelltraining hin zu Integrations- und Betriebsfragen, etwa wenn Datenflüsse, Qualitätsmessungen und Produktions-IT zusammenkommen. Siemens setzt hier auf einen Weg, bei dem Simulationstechnologie nicht nur für Entwicklungsabteilungen relevant ist, sondern unmittelbar in Fertigungsabläufe überspringt. Unternehmen, die bereits digitale Modelle im Engineering nutzen, haben dadurch eine Art Brücke zur Shopfloor-Ebene, während Hersteller ohne durchgängige Modellierung den Aufwand stärker am Anfang spüren würden. Für Entscheider heißt das: Der ROI hängt nicht allein von der Modellgüte ab, sondern davon, wie schnell sich die digitalen Zwillinge in echte Arbeitsabläufe übersetzen lassen – von der Vorabvalidierung bis zur täglichen Produktionsplanung.

Unterm Strich liefert die Erlanger Demonstration eine konkrete Blaupause dafür, wie sich Fabrik-Automatisierung mit KI neu skalieren könnte. Die Kombination aus Simulation, fotorealistischer Referenzbildung und agentengestütztem Planungsvorgehen zielt darauf ab, Stillstandszeiten zu verringern und die Zeit bis zur Serienfähigkeit zu verkürzen. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung anspruchsvoll: Die erzeugten Simulationen müssen zu den realen Prozessbedingungen passen, und die KI-gestützten Workflows müssen in der Qualitätssicherung und in der Betriebsorganisation zuverlässig eingebettet werden. Wenn Siemens und NVIDIA die Automatisierungsquote in der Praxis über viele Varianten hinweg erhöhen können, wird aus dem digitalen Zwilling mehr als ein Engineering-Tool – dann wird er zur betrieblichen Entscheidungsgrundlage, die Änderungen beherrschbar macht.


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