LONDON (IT BOLTWISE) – Der Silberpreis hat sich nach einem rund 35-prozentigen Absturz am 30. Januar spürbar gefangen und pendelt jetzt auf deutlich niedrigerem Niveau. Am Freitag schloss die Feinunze bei 58,49 US-Dollar und gewann knapp 1 % auf Tagesbasis. Entscheidend bleibt jedoch die Relation zu Gold: Das Gold-Silber-Verhältnis ist auf den Bereich um 69 gestiegen. Für Anleger rückt damit die nächste Fed-Sitzung am 28. und 29. Juli als nächster Belastungstest in den Fokus.

Silber hat nach dem historischen Bruch am 30. Januar einen ersten Stabilisierungsschritt geschafft. Die Feinunze schloss am Freitag bei 58,49 US-Dollar und legte an einem Handelstag um 0,99 % zu. Noch relevanter für das Sentiment ist der Wochenverlauf: Auf Wochensicht steht ein Plus von 4,04 %, nachdem der Markt zuvor über Monate eine scharfe Korrektur verarbeitet hatte. Dass sich der Kurs überhaupt so schnell wieder beruhigt, hängt eng mit zwei Parallelbewegungen zusammen: der Entwicklung beim Gold und den unmittelbaren Effekten der Terminmarkt-Regeln, die den Abverkauf damals beschleunigten.
Der eigentliche Einschnitt liegt allerdings nicht in den letzten Tagen, sondern weiter zurück. Im Januar hatte Silber noch ein 52-Wochen-Hoch bei 121,78 US-Dollar markiert, bevor am 30. Januar eine Anhebung der Margin-Anforderungen an der CME den Einbruch von rund 35 % an einem einzigen Handelstag auslöste. Margin ist im Terminhandel im Kern ein Sicherheits- und Risikopuffer: Wenn die Mindesthinterlegung steigt, müssen Marktteilnehmer mehr Kapital für ihre Positionen bereitstellen. Das kann zu erzwungenen Verkäufen führen, insbesondere wenn Handelsvolumen, Hebel und Liquidität ohnehin in Schieflage geraten. Von der Spitze aus hat sich der Preis damit inzwischen mehr als halbiert – ein Ausgangspunkt, der erklärt, warum Erholungsversuche häufig schnell wieder in die Volatilität zurücksinken.
Was sich an den Kursen zeigt, spiegelt sich auch in der Bewertung der Edelmetalle gegeneinander wider. Das Gold-Silber-Verhältnis, also wie viele Feinunzen Silber dem Gegenwert einer Feinunze Gold entsprechen, stieg von rund 43,5 im Januar auf aktuell etwa 69. Für den Markt ist das ein klares Signal: Silber steht relativ gesehen stärker unter Druck als das gelbe Metall. Marktbeobachter rechnen deshalb mittelfristig mit einer Seitwärtsbewegung zwischen 40 und 70 US-Dollar je Unze; als grober Durchschnitt wird dabei etwa 56 US-Dollar genannt. Sollte die Schwäche des Industriemetalls gegenüber Gold anhalten, gilt sogar ein weiteres Anziehen der Ratio in Richtung 76 bis 78 als möglich – wobei genau diese Spanne oft die Phase markiert, in der sich Käufer und Verkäufer neu einpendeln.
Der Silberkurs bekommt zugleich indirekt Rückenwind aus der Goldentwicklung. Seit Wochen handelt Gold über der Marke von 4.000 US-Dollar je Unze; gestützt wird das unter anderem durch anhaltende Zuflüsse in ETFs und durch die Erwartung, dass die US-Notenbank zumindest keine überraschend restriktive Wende fährt. Gegenwind kommt zwar weiterhin über mehrere Kanäle: Steigende Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen von zuletzt über 4,7 % und ein fester US-Dollar wirken traditionell belastend auf zinslose Anlagen wie Edelmetalle. Dennoch reicht der Druck derzeit offenbar nicht aus, um die jüngste Stabilisierung bei Silber sofort wieder zu stoppen.
Besonders interessant für die kurzfristige Preisbildung ist dabei, dass die physische Nachfrage in Süd- und Teilen Asiens weiterhin als Stabilisator wirkt. In Indien etwa stieg der Kilopreis in der Woche bis zum 25. Juli laut Berichten umgerechnet um rund 6.974 Rupien auf 2.22.721 Rupien je Kilogramm; das entspricht einem Wochenplus von 2,75 %. Auf Jahressicht wird dort von einem Zuwachs von rund 96,5 % gesprochen – deutlich stärker als die Goldperformance im gleichen Zeitraum. In Pakistan zog Silber am Samstag ebenfalls leicht an, nachdem es zuvor zwei Handelstage in Folge nachgegeben hatte. Diese regionale Nachfrage ist keine Randnotiz: Wenn physische Käufer in einem Umfeld mit schwankenden Spot-Notierungen weiter abnehmen, kann das den Abwärtsdruck im Terminmarkt und an der Börse dämpfen.
Als Treiber für diese robuste Nachfrage gelten Faktoren, die gleichzeitig auch Gold stützen: der eskalierende Konflikt im Nahen Osten mit Huthi-Angriffen auf saudi-arabische Ölinfrastruktur, ein Ölpreis, der um über 100 US-Dollar je Barrel gestiegen ist, sowie die Unsicherheit über den geldpolitischen Kurs der Fed. Im aktuellen Dot-Plot-Szenario signalisieren neun von 18 Notenbank-Mitgliedern die Möglichkeit einer weiteren Zinserhöhung bis Jahresende. Das wäre kurzfristig belastend für Edelmetalle, weil höhere Zinsen die Opportunitätskosten für Halten ohne laufenden Ertrag erhöhen. Für Silber bedeutet das zudem eine zusätzliche Herausforderung: Das Metall reagiert häufig überproportional auf Zins- und Risikoaversion, weil es stärker mit industriellen Erwartungen verwoben ist.
Für die nächsten Schritte richtet sich der Blick daher auf die Sitzung der US-Notenbank am 28. und 29. Juli. Bleibt es bei einer Zinspause, dürfte das den zuletzt begonnenen Stabilisierungsversuch eher stützen – vor allem, wenn der Markt die Kommunikation als nicht weiter restriktiv interpretiert. Kommt es dagegen zu einer überraschenden Straffung, würde das die ohnehin erhöhte Volatilität weiter befeuern; zuletzt wurde sie annualisiert mit knapp 42 % beziffert. Charttechnisch bleibt der technische Rückweg in der Praxis ebenso ein Bremsklotz: Sowohl die 50-Tage- als auch die 200-Tage-Linie liegen derzeit noch deutlich über dem aktuellen Kursniveau. Für Anleger heißt das: Die Richtung ist noch nicht entschieden, aber die Fed-Entscheidung entscheidet darüber, ob Silber den Boden halten oder erneut in die Abwärtsdynamik zurückfallen könnte.
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