LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass viele Single-Erwachsene zwischen 30 und 50 im frühen bis mittleren Alter Wohngemeinschaften attraktiver finden als eine Heirat. Die Autorinnen und Autoren koppeln diese Präferenz an bisherige Lebensereignisse wie frühere Partnerschaften und Trennungen. Außerdem bleibt ein relevanter Teil unentschlossen oder wünscht sich künftig gar keine gemeinsame Haushaltsgründung. Für die Familienplanung zeigt sich zudem: Nur ein Fünftel der Frauen und ein Siebtel der Männer möchte Kinder bekommen oder weitere Kinder haben.

In Debatten über Familie und Partnerschaft wird häufig ein gerader Pfad unterstellt: erst Heirat, dann Zusammenziehen, schließlich Kinder. Die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung widersprechen diesem linearen Modell zumindest für einen großen Teil der Menschen, die Mitte dreißig bis Mitte fünfzig keine Ehe führen und nicht mit einem romantischen Partner im selben Haushalt leben. Stattdessen berichten viele der Befragten, dass eine Wohngemeinschaft für sie die plausibelere oder sogar bevorzugte Form einer künftigen Beziehung ist. Besonders wichtig ist dabei der methodische Ansatz: Die Forschenden arbeiten mit einer Lebenslauf-Perspektive, also der Annahme, dass frühere Erfahrungen konkrete Erwartungen und Entscheidungsbahnen für spätere Lebensphasen formen.
In den USA lebt laut Studie ungefähr ein Drittel der Erwachsenen zwischen 30 und 49 ohne Ehepartner oder festen romantischen Partner. Dieser Anteil erklärt sich auch aus dem Trend, zentrale Lebensereignisse wie die erste Heirat oder die erste Geburt hinauszuschieben. Unverheiratet bleiben damit mehr Menschen länger im „Übergangsbereich“ des frühen bis mittleren Erwachsenenalters, in dem bereits frühere Stationen wie eine Scheidung, eine frühere Wohnpartnerschaft oder Elternschaft erlebt worden sein können. Die Autorinnen Susan L. Brown und Wendy D. Manning sowie Karen Benjamin Guzzo verorten genau dort die entscheidende Beobachtung: Wer in diesem Abschnitt steht, bringt oft biografische „Vorerfahrungen“ mit, die im Unterschied zu jungen Erwachsenen oder zu Personen im höheren Alter die Vorstellungen von einer künftigen Beziehung stärker variieren lassen.
Um diese Spannweite sichtbar zu machen, analysierte das Forschungsteam Daten aus der „Singlehood in America“-Erhebung 2023. Der Datensatz umfasst 799 Single-Erwachsene im Alter von 30 bis 50. Dabei wurde „single“ funktional definiert: Die Teilnehmenden waren weder verheiratet noch lebten sie aktuell mit einem romantischen Partner zusammen. Die Befragung zog Personen aus einem großen, landesweiten Online-Panel heran und bildet damit nach Angaben der Studie eine breite Mischung ab – mit ungefähr gleichen Anteilen von Männern und Frauen sowie unterschiedlichen Bildungs- und Einkommensgruppen und verschiedenen rassischen Identitäten. Inhaltlich ging es um die Zukunftsplanung der Teilnehmenden: Ob sie heiraten möchten, lieber in einer Partnerschaft ohne Trauschein leben wollen, dauerhaft ohne Partner bleiben möchten oder sich noch unsicher sind. Zusätzlich erfasste die Erhebung den Wunsch, künftig Kinder zu haben oder weitere Kinder zu bekommen.
Für die Auswertung nutzten die Forschenden statistische Modelle, um den Zusammenhang zwischen früherer Beziehungshistorie und Elternstatus auf der einen Seite und den zukünftigen Präferenzen auf der anderen Seite zu untersuchen. Die Modelle berücksichtigten dabei demografische Variablen wie Alter, Bildungsstand, Einkommen, Wohneigentum und die sexuelle Identität. Das Ergebnis ist für die Frage nach „biografischen Pfaden“ besonders anschaulich: Eine Wohngemeinschaft sticht als gewünschte Beziehungsform hervor – sie wird von etwa 38 Prozent der Männer und 29 Prozent der Frauen genannt. Heirat fällt in der Rangfolge deutlich zurück: Nur rund 18 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen wünschen sich eine Ehe. Gleichzeitig sagen etwa ein Viertel der Befragten in beiden Geschlechtern, dass sie künftig weder zusammenleben noch heiraten wollen; viele weitere berichten von Unentschlossenheit. Allein diese Verteilung zeigt, dass „Single“ kein einheitliches Beziehungsprofil ist, sondern eine Sammelklasse mit divergierenden Zukunftsbildern.
Biografisch wird der Zusammenhang außerdem dort sichtbar, wo die Studie konkrete Erfahrungen abfragt: Personen, die bereits einmal in einer Wohnpartnerschaft mit einem romantischen Partner gelebt hatten, äußern eine höhere Neigung, auch künftig wieder in einer Wohngemeinschaft zu leben. Interessant ist dabei, dass frühere Heiratserfahrungen keine negative Wirkung auf den Wunsch nach einer neuen Ehe hatten. Die Studie berichtet zwar, dass Männer, die früher verheiratet waren, häufiger unsicher sind, aber sie verknüpft das nicht mit einer pauschalen Abkehr von der Institution Ehe. Ebenso spielt die zeitliche Nähe einer Trennung eine Rolle: Frauen und Männer, die eine frühere Wohnbeziehung innerhalb der letzten fünf Jahre beendet hatten, zeigen eine größere Bereitschaft, künftig wieder zusammenzuleben, während Personen mit einer längeren Single-Phase von sechs Jahren oder mehr zurückhaltender wirken. Auch Bildung und Ressourcen beeinflussen Nuancen: Frauen mit Hochschulabschluss äußern häufiger die Bereitschaft zu heiraten oder zusammenzuleben, während Frauen mit Wohneigentum eher eine feste Ablehnung gegenüber einer neuen Haushaltsgemeinschaft signalisieren.
Bei der Familienplanung ist das Muster wiederum deutlich vorsichtiger. Der Großteil der Single-Erwachsenen im frühen bis mittleren Alter möchte demnach keine Kinder oder keine zusätzlichen Kinder. Nur etwa 20 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer geben an, dass sie ihren Familienwunsch erweitern möchten. Die Autorinnen und Autoren führen das plausibel darauf zurück, dass rund 80 Prozent der Teilnehmenden bereits Eltern sind – wer also bereits Elternschaft erlebt hat, plant seltener eine weitere Erweiterung. Für Frauen zeigt die Analyse, dass frühere Erfahrungen mit Ehe, Wohngemeinschaften oder Elternschaft nicht erkennbar mit dem künftigen Fertilitätswunsch zusammenhängen. Bei Männern liegen die Details dagegen etwas anders: Väter sind deutlich weniger häufig an zusätzlichen Kindern interessiert als Männer ohne Kinder. Zudem berichten Männer, die zuvor bereits in einer Wohnpartnerschaft lebten, häufiger über den Wunsch nach weiteren Kindern.
Ergänzend wirkt auch das Alter innerhalb der Stichprobe auf Männerpräferenzen: Männer in den frühen dreißiger Jahren sind demnach deutlich eher bereit, Kinder zu wollen, als Männer, die sich dem Alter von etwa 50 nähern. Bildungsgrad zeigt ebenfalls Unterschiede, während Wohneigentum auf Seiten der Männer mit einer geringeren Bereitschaft zur Familienerweiterung zusammenhängt. Für die Bewertung der Ergebnisse ist jedoch wichtig, welche Grenzen die Studie selbst beschreibt. Die Daten wurden zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben, daher kann die Untersuchung nicht zeigen, ob Präferenzen tatsächlich in Heiratsabschlüsse, neue Wohnbeziehungen oder Geburten münden. Sie bildet vielmehr einen statistischen Zusammenhang zwischen vergangenen Erfahrungen und gegenwärtigen Wünschen ab. Zudem fokussiert die Erhebung die Beziehungsperspektiven primär auf das Zusammenleben und auf die Ehe; andere Modelle langfristiger Bindung, bei denen Partner getrennte Haushalte behalten, bleiben außerhalb des Messrahmens. Auch die Studie erfasst nicht ausreichend die Dauer, Qualität oder genaue zeitliche Abfolge früherer Partnerschaften und Ehen. Genau hier könnten spätere Untersuchungen ansetzen, etwa durch longitudinale Designs, die zeigen, wie sich Ziele verschieben, wenn Menschen altern oder neue Partner kennenlernen.
Damit ist die Studie nicht nur für die Soziologie relevant, sondern auch für alle, die gesellschaftliche Entscheidungen als datenbasierte Prozesse verstehen: Sie macht deutlich, wie stark „Zukunftsannahmen“ an vergangene Ereignisse gekoppelt sein können und warum einfache Automatismen wie „ein Schritt führt automatisch zum nächsten“ die Realität verfehlen. Das hat praktische Folgen für Beratung, politische Debatten und auch für Produkt- oder Serviceangebote rund um Partnerschaft und Familienplanung, weil Zielgruppensegmentierung hier besser nach biografischen Stationen als nach einem einzigen Lebensphasenlabel funktionieren sollte. In der Veröffentlichung mit dem Titel „The Future Family Desires of Single Early Midlife Adults“ (Journalartikel in Family Transitions) fassen die Autorinnen und Autoren diese Befunde zusammen und liefern damit eine präzise Momentaufnahme: Single sein heißt im frühen bis mittleren Alter oft nicht „Beziehungsabbruch“, sondern häufig „eine andere Form von Nähe als zuvor“.
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