MELBOURNE / LONDON (IT BOLTWISE) – In Melbourne zeigt eine Reihe kostenloser Vorträge, wie sich kleine Wohnungen funktional statt „offen“ denken lassen. Designer und ein populärer DIY-Content-Ersteller erklären, warum man zuerst einzieht, dann iteriert – und erst später auf teure Umbauten setzt. Statt große Flächen mit „open plan“ zu versprechen, setzen sie auf taktische Öffnungen, vertikale Stauraumlösungen und durchdachte Multifunktion. Das Ergebnis ist eine praxistaugliche Gestaltung für Wohnungsknappheit, Zeitdruck und Budgetgrenzen.

Wer in einer großen Wohnung aufwächst, nimmt Raum oft als Selbstverständlichkeit wahr. In kleineren Grundrissen dagegen wird jede Entscheidung zu einer Art „Lastenheft“: Lichtwege, Laufbreiten, Stauraum und Privatsphäre müssen gleichzeitig funktionieren. Genau deshalb wirkt der Slogan „Open plan ist die Lösung“ in engen Wohnformen schnell wie eine Vereinfachung. Beim Talk „Small Spaces, Big Living“ in Melbourne wird deutlich, dass es weniger um den einen richtigen Grundriss als um eine pragmatische Reihenfolge geht: erst wohnen, dann verstehen, anschließend verbessern. In Zeiten von Wohnungsdruck und steigenden Apartment-Anteilen suchen immer mehr Menschen nach Methoden, die ohne große Bauarbeiten auskommen.
Der Ausgangspunkt ist dabei bemerkenswert unromantisch: Colin Chee nahm 2010 Schlüssel für eine Off-the-plan-Wohnung mit rund 37 Quadratmetern entgegen und stellte nach dem Einzug fest, wie wenig er damit gewonnen hatte. Ohne Design-Vorwissen und mit begrenztem Budget entstand daraus später der Ansatz von „Never Too Small“, einem YouTube-Format, das intelligente Lösungen für kleine Räume weltweit sichtbar macht. Für die anstehende Diskussion bringt Chee eine Leitlinie mit, die auch für professionelle Teams anschlussfähig ist: nicht sofort „fertig ausstatten“, sondern mit dem einzuziehen, was passt, und die Realität erst im Alltag zu beobachten. Denn kleine Wohnungen funktionieren selten nach Plan, sondern nach Nutzung.
Technisch betrachtet ist dieser Ansatz eine Art Iterations-Loop: Man testet, misst (im Sinne von wahrgenommenen Engpässen) und justiert dann. Chee warnt ausdrücklich vor der Illusion, ein Zuhause müsse sofort „perfekt“ sein. Wer sich dagegen wie ein Mitbewohner durch den Raum arbeitet – mit Vorteilen und Nachteilen, guten und schlechten Tagen – kann Designentscheidungen belastbarer treffen. Sein Beispiel aus einer umgebauten Lagerhalle mit etwa 40 Quadratmetern zeigt das: Zusätzliche drei Quadratmeter empfand er eher als Luxus, was die Sensibilität für Flächenveränderungen unterstreicht. Budget zwingt dabei zu Mix-and-Match: gebrauchte Möbel, gezielte Eigenlösungen und nur dort investieren, wo es den Alltagsfluss verbessert.
Dass Kostendenken in kleinen Wohnungen nicht automatisch „billig“ heißt, macht Chee besonders an Details fest. In der Küche etwa entschied er sich bewusst gegen ein großes Gerät und setzte stattdessen auf einen Bar-Kühlschrank plus einen separaten kleinen Gefrierschrank, um Volumen zu vermeiden. Auch im Eingangsbereich wurde das Prinzip angewandt: eine Regal-Lösung, die erst Monate nach dem Einzug entstand, weil zuerst klar werden musste, welche Funktionen sie erfüllen soll. Bei der Möbelbeschaffung achtete er auf „schmale Beine“, also eine Konstruktion, die den sichtbaren Boden frei lässt und dadurch die Raumwirkung erweitert. Selbst beim Couchtisch plädiert er für pragmatische Ersatzideen wie einen Hocker, der als Getränkebühne und später sogar als Trittleiter dienen kann.
Die Gegenseite – „Nicht alles offen lassen“ – ist in der Diskussion ebenso zentral. Tahj Rosmarin erinnert daran, dass Gebäude aus den 1960er-Jahren oft außen attraktiv wirken, innen aber traditionell klare Zonen bilden. Der Trend, alles zu „boxen“ oder im anderen Extrem „zu öffnen“, scheitert häufig an der Realität: Ein großer Raum kann nicht beliebig mehrere Rollen gleichzeitig erfüllen. Statt die Wand zwischen Küche und Wohnen komplett zu entfernen, setzten Rosmarin und sein Partner auf eine taktische Öffnung im Stil eines Cafeteria-Fensters. So entsteht visuelle Verbindung, während Unordnung in der Küche weniger „durchschlägt“. Außerdem wird das Entkernen tragender Wände teuer; kleinere Öffnungen können die Budgetobergrenze schonen.
Auch im Bad zeigt sich das Muster: Zonen schaffen, Licht führen, Privatsphäre erhalten. Scorpo und ihr Partner bewohnten zunächst ein schlecht saniertes Studiowohnverhältnis und lösten das Problem in einem winzigen Bad über eine Fluted-Glass-Partition. Der Ansatz teilt den Raum in zwei Funktionsbereiche, lässt aber Licht diffundieren, sodass die Wohnung nicht „abbrennt“ in dunklen Ecken. Scorpo formuliert das als sanity-saving Regel: Die belastbarste Designentscheidung ist häufig nicht die spektakulärste, sondern diejenige, die Räume so nutzbar macht, dass zwei Menschen gleichzeitig ohne ständige Konflikte durch den Alltag kommen. Genau an dieser Stelle wird „Open-plan“ oft zur Falle.
Der Blick auf die Vertikale ist das nächste große Thema, weil kleine Wohnungen vor allem in der Fläche verlieren, aber in der Höhe gewinnen können. Scorpus Startpunkt war eine Wohnung mit nur etwa 23 Quadratmetern Grundfläche: Statt ein einzelnes Bett zu opfern, reduzierte sie auf ein Doppelbett, versteckte es jedoch in einer „Nische“, die den Raum optisch ordnet. Entscheidend ist dabei weniger die Mode als die Logik der Verschwendung: Wenn keine Mobilitätseinschränkungen vorliegen, kann man Nebenflächen eliminieren, indem man das Bett für Stauraum erhöht und die Bewegung im Alltag mitplant. In ihrem Fall sitzt darunter sogar eine Waschmaschine. Für andere Apartments nennt sie das „Höhenprinzip“: Stell Regale und Vorhänge möglichst nah an die Decke, um Höhe wahrnehmbar zu machen – und unterstütze das mit einer glänzenden Deckenfarbe, um Lichtwirkung zu verstärken.
Um solche Lösungen skalierbar zu machen, bringt Chee zusätzlich den DIY-Realismus: Eine maßgefertigte Innenausstattung wirkt hochwertig, ist aber nicht immer finanzierbar. Er verweist auf Online-„Hacks“, mit denen sich die Erhöhung von Betten und modularer Stauraum erschwinglicher nachbauen lassen. Selbst wenn professionelles Interior-Design eine gewisse Fertigungstiefe benötigt, gibt es hier einen klaren Vergleichsrahmen zu Möbelplattformen und Baumärkten: Chee und sein Partner nutzten ein moduläres Regalsystem, ergänzten zugeschnittenes Holz und orientierten sich an erschwinglichen Standards, die sich an individuelle Maße anpassen lassen. Für den Markt ist das wichtig, weil Content-Formate wie „Never Too Small“ nicht nur Inspiration liefern, sondern auch Erwartungsmanagement betreiben: Kleine Räume sind kein Mangel, sondern ein anderes Systemdesign. In der Zukunft werden solche Ansätze wahrscheinlich stärker mit digitalen Planungshilfen, begehbaren 3D-Konzepten und optimierten Materiallisten verbunden, sodass Entscheidungen schneller, sicherer und kostentransparenter getroffen werden können.
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