PERTH / LONDON (IT BOLTWISE) – Tame Impala hat mit „Currents“ 2015 seinen Sound spürbar neu ausgerichtet: weg von früherer Band-Ästhetik, hin zu einem klarer im Studio konstruierten Mix aus Synthesizern, programmierter Rhythmik und Pop-Hooks. Kevin Parker arbeitete dabei als alleiniger Produzent und Multiinstrumentalist stärker mit Basslinien, geschichteten Vocals und elektronisch geformten Übergängen. Das Album verbindet die psychedelische Wahrnehmungsverschiebung mit einer weicheren, tanzbareren Dynamik. Wer den Stil verstehen will, muss vor allem hören, wie Hooks, Hall und Filterfahrten die Songdramaturgie tragen.

So prägte „Currents“ den Psychedelic-Pop von Tame Impala
So prägte „Currents“ den Psychedelic-Pop von Tame Impala (Foto: IT BOLTWISE)
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„Currents“ steht bei Tame Impala nicht nur als weiteres Album in der Diskografie, sondern als deutliche Zäsur in der Klangsprache. Das Werk erschien 2015 und machte weltweit sichtbar, wie Kevin Parker Psychedelic-Rock, Pop und elektronische Texturen so zusammenzieht, dass das Ergebnis zugleich vertraut und neu wirkt. Statt den Eindruck einer klassischen Bandaufnahme zu vermitteln, entsteht beim Hören schnell das Gefühl, als wäre der Sound vollständig im Studio entworfen: mit Synth-Flächen, schimmernden Leads und präzise programmierten Drums, die das Fundament bilden.

Diese Verschiebung lässt sich besonders gut im Vergleich zu „Lonerism“ (2012) einordnen. Während „Lonerism“ stärker von verhallten Gitarren, Vintage-Orgeln und einer deutlich rockorientierteren Rhythmik geprägt war, entscheidet sich Parker bei „Currents“ für mehr Weichheit und eine tanzbarere Bewegung. Verrauschte Riffs und Gitarrenroutinen bleiben vorhanden, aber sie verlieren teilweise die Rolle des primären Trägers. Stattdessen übernehmen bassbetonte Grooves und geschichtete Gesangsspuren das musikalische Gewicht. Dadurch rückt das Album stärker in Richtung Pop, ohne die psychedelische Wahrnehmungsverschiebung aufzugeben.

Technisch betrachtet ist „Currents“ vor allem eine Platte über Dramaturgie im Mix. Viele Tracks arbeiten mit langen Spannungsbögen, die sich schrittweise verdichten, statt sich konsequent an klassische Strophe-Refrain-Schemata zu klammern. Hooklines entstehen häufig nicht allein aus einer einzelnen Melodie, sondern aus wiederkehrenden Motiven in Synthesizern oder aus der Art, wie Basslinien rhythmisch „ziehen“. Auch Parkers Stimme wird nicht als isolierte Hauptspur behandelt: Hall, Chorus und phasenverschobene Effekte wirken wie ein weiteres Instrument im Arrangement. Genau das macht die Wiederholung so wirkungsvoll, weil sie nicht nur „eingesetzt“ wird, sondern spürbar als Gestaltungsprinzip im gesamten Songverlauf funktioniert.

Ein weiterer Schlüssel ist, wie die Produktion die Grenzen zwischen den Momenten verwischt. „Currents“ betont weiche Übergänge zwischen Songs, sodass viele Hörer das Album eher als zusammenhängenden Fluss wahrnehmen, statt als reine Ansammlung einzelner Tracks. Innerhalb der Songs liefern Breaks, Filterfahrten und Rückwärts-Effekte zusätzliche Drehpunkte: Sie steuern, wann Energie entsteht und wann sie wieder abklingt. Damit verwischen sich beim Zuhören die Kategorien analog vs. elektronisch. Die Gitarren bleiben zwar als Klangquelle erkennbar, doch sie werden von der Studiologik überlagert: Synthesizerflächen setzen den Raum, programmierte Drums geben die Zeitstruktur, und Effekte formen die Wahrnehmung, als würde der Song selbst „atmen“.

Historisch betrachtet knüpft Tame Impala damit an mehrere Strömungen an, die sich in Parkers Studioansatz gegenseitig verstärken. Anklänge an späte Beatles-Produktionen, klassische Psychedelia der 70er und gleichzeitig Club-nahe elektronische Ästhetik treffen aufeinander. Das Resultat ist ein Sound, der retro wirkt, aber nicht in Nostalgie stecken bleibt. Charakteristisch bleibt auch die Balance zwischen dicht geschichteten Klangflächen und präziser, oft trockener Schlagzeugarbeit. Parker spielt viele Instrumente selbst und prägt so Arrangements mit einer eigenwilligen Handschrift, in der Wiederholungen gezielt tranceartig werden dürfen, ohne beliebig zu werden.

Für die Einordnung in den Musikmarkt ist diese Ausrichtung mehr als Stilkosmetik. „Currents“ gilt innerhalb der Tame-Impala-Entwicklung als Schlüsselwerk, weil es den Übergang vom stärker gitarrengetriebenen Psychedelic hin zu einem Sound markiert, der sich stärker an Synthesizern, Pop-Strukturen und elektronischen Einflüssen orientiert. Genau diese Mischung macht das Album anschlussfähig: Wer sich von Indie-Rock angezogen fühlt, findet weiterhin Gitarren und Songfokus; wer elektronische Produktionen sucht, bekommt nachvollziehbare Club-Mechanik über Bass und Drums. Dass das Projekt als Studioprojekt von Kevin Parker fortgesetzt aktiv bleibt, zeigt zudem, wie tragfähig dieser Produktionsansatz ist.

Zum aktuellen Karrierestatus liegen in der Quelle keine konkret offiziell angekündigten neuen Live-Termine vor; der Fokus dürfte damit vor allem auf der bestehenden Diskografie und möglichen Studioarbeiten liegen. „The Slow Rush“ ist als aktuelles Werk (2020) genannt, aber im Kontext der stilistischen Entwicklung bleibt „Currents“ das Referenzstück, wenn es darum geht, wie Tame Impala Psychedelic-Gefühl in eine klarer poppige, elektronisch durchstrukturierte Form bringt. Wer sich tiefer einhören möchte, sollte dabei weniger nach „Stilen“ suchen, sondern nach Mechaniken: nach dem Zusammenspiel aus Hookline-Motiven, dem Einsatz von Hall und Chorus in der Gesangsspur sowie den Studioeffekten, die Übergänge und Spannung im ganzen Album zusammenhalten.

Auch für Hörerinnen und Hörer, die den Prozess nicht musikaltheoretisch begleiten, lässt sich aus „Currents“ eine klare Lernerfahrung mitnehmen: Die Bandbreite entsteht nicht allein aus Instrumenten, sondern aus Entscheidungen über Raum, Wiederholung und Timing. Parker nutzt die Studioarbeit, um die Wahrnehmung zu verschieben, statt sich auf die reine Energie eines Live-Riffs zu verlassen. Das ist vermutlich der Grund, warum „Currents“ auch Jahre später als Klangbild funktioniert und warum sein Einfluss auf den Psychedelic-Pop eher wie ein Modell wirkt als wie ein einmaliger Trend.


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