BAGHDAD / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Space-Biologin Jess Atkin verbindet Bodenbiologie mit echter Feldarbeit: Sie untersucht, wie sich mikrobiell angereicherte Substrate aus Mondstaub für Pflanzen nutzbar machen lassen. Der Antrieb kommt aus ihrer Biografie als Veteranin und Rancherfamilie, in der Landwirtschaft und Heilung seit jeher zusammengehören. Nach einer Rückkehr aus einem Auslandseinsatz baute sie sich über Jahre ein Netzwerk aus Therapie, Stall-Erfahrung und Pflanzenforschung auf. Heute arbeitet sie an ihrer Dissertation – mit dem Fokus auf Chickpeas in simuliertem Mondregolith.

Wie aus Mondstaub wieder Ackerboden werden kann, klingt in der Praxis erst einmal nach Science-Fiction. Jess Atkin nimmt das Thema jedoch genau dort ernst, wo in der Raumfahrt lange Zeit vor allem andere Hürden dominierten: bei den Grundlagen für pflanzliche Produktion unter extremen Bedingungen. Ihr Ansatz läuft darauf hinaus, dass „totes“ Gesteinsmehl nicht einfach durch einen besseren Dünger zu Erde wird, sondern durch ein biologisches System, das Nährstoffkreisläufe, Verträglichkeit und Bodenstruktur gemeinsam stabilisiert. In den Mittelpunkt rückt damit die Frage, welche Mikrobiologie im Substrat wirkt, wenn das Material nicht wie auf der Erde aus Humus und organischer Substanz besteht, sondern aus regolithischem Gestein.
Der persönliche Hintergrund erklärt, warum Atkin das Labor nicht als geschlossene Blase denkt. In Utah wuchs sie in einer Rancherfamilie auf: Alfalfa für Milchkühe, Obstgärten und Pferderennen prägten den Alltag, und im Gewächshaus lernte sie früh, Pflanzen als lebende Systeme zu lesen. Dass sie sich später als Space-Biologin mit dem Mond beschäftigt, wirkt deshalb weniger wie ein Zufall als wie eine Weiterentwicklung ihrer Beobachtungsgabe: Schon als Kind richtete sie den Blick regelmäßig zum Himmel und sprach mit dem Mond, eine Art Neugier, die später in die wissenschaftliche Herangehensweise übersetzt. Auch wenn sie ihre Pflanzen heute nicht in der „gleichen“ Logik wie in einem Ranchboden nährt, bleibt die Kernidee gleich: Wachstum entsteht nicht isoliert, sondern über Wechselwirkungen.
Nach dem Abschluss der Schulzeit schlug sie zunächst einen anderen Weg ein, um ihr Studium zu finanzieren. Sie trat der Air Force bei und wurde während der Einsatzphase 2006 im Rahmen der Truppenverstärkungen nach Bagdad entsandt, wo sie in einer Kampffunktion arbeitete. Die Rückkehr beschrieb sie als Erfahrung, die viele Menschen spürbar verändert; für sie wurde die Heilung eng mit ihrem alten Umfeld verknüpft. Zurück auf dem Ranch-Leben nahm sie sich Zeit, Vertrauen zu einem besonders widerspenstigen Pferd aufzubauen, und entwickelte daraus später eine Qualifikation in der equinen Therapie. Genau diese Verbindung aus Geduld, Interaktion und messbaren Veränderungsprozessen spiegelt sich heute auch in ihrer Forschung: Nicht nur das Ergebnis zählt, sondern der Weg dahin.
Im Studium an der Texas A&M University fokussierte Atkin auf Horticulture. Parallel blieb sie in der Betreuung von Veteranen und Menschen mit Behinderungen aktiv – und zugleich reifte eine wissenschaftliche Hypothese heran, die aus dem Alltag ins Labor wandert: Pflanzen wachsen auf der Erde nicht allein durch „Boden“ im mechanischen Sinn, sondern durch Mikrobengemeinschaften, die Verfügbarkeit von Stoffen verbessern, Stress abfedern und Wachstum indirekt unterstützen. Der entscheidende Gedanke für ihre Mondarbeit war, dass Mikrobiologie möglicherweise auch beim Aufbereiten von toxischem, nicht-erdähnlichem lunarem Regolith nötig ist. Als es keinen passenden Graduate-Program-Start gab, der zu ihren praktischen Rahmenbedingungen passte, machte sie die Lücke zum Projekt und richtete einen Grow-Tent in der Wohnung ein – inkl. simuliertem Mondregolith, Pflanzenversuchen und Antragsschreiben. Dass kurz darauf erste wissenschaftliche Arbeiten zeigten, dass Pflanzen in lunar relevantem Material grundsätzlich überleben können, gab ihrem Vorgehen zusätzliche Plausibilität.
Mit einem Mentor und einer wissenschaftlichen Begleitung an der Texas A&M University gelang es ihr schließlich, ihre Vorhaben in ein strukturiertes Forschungsprogramm zu überführen. Ein entscheidender Schritt war die Förderung über den FINESST-Award (Future Investigators in NASA Earth and Space Science and Technology), über den sie ihre Kernfrage systematisch bearbeiten konnte: Wie verhalten sich Kulturpflanzen wie Chickpeas (Kichererbsen) in simuliertem Mondregolith, wenn dem Substrat gezielt Pilze oder Bakterien beigemischt werden? Inhaltlich betrachtet verschiebt das die Versuchsanordnung von einem reinen „Substrat-Management“ hin zu einer biologischen Kopplung aus Pflanzenwurzel und Mikroorganismen. Technisch ist dafür entscheidend, dass die Mikroben nicht nur als exotische Zusatzkomponente auftauchen, sondern als funktionales Element gedacht werden: Sie sollen Wechselwirkungen herstellen, die die physiologischen Hürden der Pflanzen im simulierten Material reduzieren.
Heute bewegt sich Atkin auf das Ende der Dissertation zu. Ihr aktueller Stand ist dabei weniger eine einzelne spektakuläre Messung als ein konsequenter Aufbau von Datenreihen, in denen sich unterscheidet, ob und wie schnell Pflanzen unter den Bedingungen des simulierten Mondregoliths wachsen. Genau hier liegt auch die industrie- und organisationsrelevante Perspektive: In der Raumfahrtplanung wird Bodenproduktion oft als Folgeproblem betrachtet, obwohl sie für langfristige Missionen mit Nahrungsmittel- und Ressourcenkreisläufen direkt zusammenhängt. Wenn Mikrobiologie tatsächlich einen praktikablen Weg bietet, könnten sich Entwicklungszyklen für Pflanzensysteme verkürzen, weil die Abhängigkeit von chemisch aufwendigen Aufbereitungsschritten sinkt. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung offen, wie robust diese Ansätze über mehrere Wachstumszyklen hinweg funktionieren und wie stark die Ergebnisse von der konkreten Zusammensetzung des verwendeten simulierten Regoliths abhängen.
Spannend ist dabei auch der „Transfer“ ihrer Laufbahn: Atkin versteht ihre Arbeit nicht nur als akademische Übung, sondern als Fortsetzung eines Lebenskonzepts, in dem Tiere, Landwirtschaft und wissenschaftliche Neugier zusammenwirken. Die Pferde bleiben ein Teil dieser Identität, und die Art, wie sie Menschen durch Therapieprozesse begleitet, liefert ihr zugleich ein pragmatisches Verständnis für Wiederholbarkeit und Vertrauen. Für Unternehmen und Organisationen, die sich mit Habitaten, nachhaltigen Missionen und biologischen Produktionsketten beschäftigen, bedeutet das: Humus-Logik und Mikroben-Ökologie sind keine Randthemen, sondern könnten zur Grundlage einer belastbaren „Soil-from-Space“-Strategie werden. Während die Dissertation in Kürze abgeschlossen sein soll, liegt der nächste Schritt für sie weniger in einem abrupten Schnitt als in einer Weiterführung dessen, was ihr bisher geholfen hat: Schritt für Schritt Systeme zu bauen, die in realen Lebensräumen funktionieren.
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