LONDON (IT BOLTWISE) – David Spika rechnet bis Dezember mit einer möglichen Rally des S&P 500 um fünf bis zehn Prozent, wenn der Ölpreis weiter fällt. Sein Kernargument: sinkende Energiepreise sollen den Inflationsdruck reduzieren und damit langfristige Kreditkosten entlasten. Entscheidend ist dafür vor allem die Entwicklung der zehnjährigen US-Staatsanleihen. Bis zur Veröffentlichung der Fed-Protokolle und zum nächsten Zins-Termin bleibt die Rechnung jedoch ein eng getakteter Stresstest.

David Spika, Chief Market Strategist bei Turtle Creek Wealth Advisors, koppelt seine S&P-500-Prognose eng an zwei Variablen, die im Alltag von Anlegern oft getrennt betrachtet werden: den Ölpreis und die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen. Er hält dem Index bis Jahresende ein Plus von fünf bis zehn Prozent für möglich, allerdings nicht als freies Aufwärtsszenario. In seinem Modell entscheidet sich der Aktienausblick buchstäblich an der Frage, ob der Brent-Ölpreis weiter nachgibt und ob damit zugleich die langfristigen Finanzierungskosten sinken.
Die Logik dahinter ist relativ geradlinig, aber in den Details für die Bewertung von Wachstumswerten entscheidend. Fällt der Ölpreis weiter, sollte der Inflationsdruck nachlassen – zumindest in dem Teil der Preisfindung, der über Energie und Transportkosten in die Teuerung hineinwirkt. Wenn die Märkte niedrigere Inflation erwarten, reduzieren sie typischerweise auch den Risikoaufschlag und die Rendite langfristiger Anleihen. Spika nennt dabei eine mögliche Spanne: Die zehnjährige US-Rendite könnte aus seiner Sicht auf etwa 4,75 bis 4,78 Prozent zurückgehen. Für Aktien mit hoher Bewertung ist das ein spürbarer Effekt, weil ihre zukünftigen Gewinne stärker abdiskontiert werden, sobald der Zins steigt, und entsprechend profitieren, wenn die Zinsen wieder nachgeben.
Dass Öl und Zinsen zuletzt tatsächlich sichtbar ineinandergreifen konnten, zeigt der September als Musterfall. Am 15. September stieg die Zehnjahresrendite auf den höchsten Stand seit Juli 2007 und zeitweise über fünf Prozent – mit Treibern, die unter anderem mit den Ölpreisen im Umfeld geopolitischer Spannungen im Nahen Osten in Verbindung gebracht wurden. Am Tag danach setzte die US-Notenbank Fed ihren Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent herauf; es war damit die erste Erhöhung seit 2023. Für die kurzfristige Kurswirkung von Aktien ist genau diese Kette relevant: Wenn ein Energieimpuls die Inflationserwartungen stützt, kann die Rendite lange oben bleiben, selbst wenn die Konjunktur nicht besonders heiß läuft.
Aus Spikas Sicht wird die Titelauswahl dann besonders interessant, weil er nicht nur auf Wachstum setzt, sondern eine Art „Absicherung nach zwei Seiten“ verfolgt. Als Favoriten nennt er Microsoft und Berkshire Hathaway. Microsoft adressiert er als klassischen Wachstumswert: Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 (bis Ende Juni) wuchs der Umsatz mit Azure und weiteren Cloud-Diensten um 43 Prozent zum Vorjahr, im Gesamtjahr lag das Plus bei 41 Prozent und das Wachstum habe sich zum Ende des Geschäftsjahres beschleunigt. Die Kehrseite solcher Werte ist bekannt: Ihre Bewertung hängt überproportional am Zinsniveau, weil künftige Cashflows stärker auf Gegenwartskonditionen reagieren.
Berkshire Hathaway soll im Gegenzug eine andere Risikodimension abfedern. Das Unternehmen hielt Ende Juni im Versicherungsgeschäft und in den übrigen Sparten knapp 360 Milliarden US-Dollar an Barmitteln und kurzfristigen US-Staatsanleihen, nach 373,5 Milliarden US-Dollar Ende März. Diese Struktur wirkt wie ein Puffer: In einem Zinsumfeld profitieren solche Geldmarktbestände grundsätzlich von höheren Renditen. Gleichzeitig bedeutet ein möglicher Marktrückschlag nicht automatisch einen Engpass an Liquidität, sodass Zukäufe weiterhin möglich wären. Entscheidend ist dabei weniger die „Emotion“ als die finanzielle Mechanik: Ein Portfolio, das sowohl Cashflow-Wachstum als auch Zinshebel enthält, reagiert bei Zinsbewegungen häufig weniger einseitig als ein reines Wachstums-Tilt.
Gerade dort setzt jedoch die Kritik an Spikas Rechnung an. Seit dem Interview hat der Anleihemarkt seine Sicht zunächst nicht bestätigt: Am 29. September kletterte die Zehnjahresrendite im Handelsverlauf erneut auf den höchsten Stand seit 2007. Erst das unerwartet schwache Bild am Arbeitsmarkt Anfang Oktober dämpfte die Erwartung, dass die Fed in den kommenden Schritten schnell weiter anziehen könnte. Dazu kommt, dass Öl nur ein Faktor unter mehreren ist. Für den Renditeanstieg im September wurden in der Berichterstattung unter anderem hartnäckige Inflation und ein hohes Emissionsvolumen im Anleihemarkt genannt. Wenn große Investitionszyklen etwa bei Cloud-Konzernen parallel zu höheren Neuemissionen laufen, kann das die Zinsthese zusätzlich verwischen – selbst wenn Energie kurzfristig günstiger wird. In diesem Umfeld wirkt der Zusammenhang „Öl fällt, Zinsen fallen“ weniger als Einbahnstraße.
Auch auf der Rohstoffseite ist die Entspannung nicht geräuschlos. Anfang Oktober wurden von den Huthis im Jemen Angriffe auf saudische Ölanlagen in Riad und Khurais für sich reklamiert, während die OPEC+ ihr Förderziel für November unverändert ließ. Solche Nachrichten reichen an den Märkten oft schon, um Risikoaufschläge im Öl einzupreisen, selbst wenn die reale Angebotslage nicht unmittelbar kippt. Zusätzlich bringt die historische Betrachtung eine weitere Mahnung: In einer Untersuchung, die über einen Zeitraum seit 1970 berichtet wurde, wurden mehrere Phasen identifiziert, in denen die Zehnjahresrendite rasch anstieg und jeweils in eine Form finanzieller Verwerfungen überging. Das bedeutet nicht, dass jeder Zinsanstieg zwangsläufig endet wie früher, aber es rückt die Mechanik in den Fokus: Schnelle Renditesprünge erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Bewertungsmodelle und Portfoliorisiken nicht mehr sauber zusammenpassen.
Was in den kommenden Wochen zählt, ist deshalb vor allem die Bestätigung oder Korrektur der Zins- und Öltrendlinie. Die Fed veröffentlicht am Mittwoch das Protokoll ihrer Septembersitzung, und am 27. und 28. Oktober tagt sie erneut. Bis dahin bleibt offen, ob der Ölpreis seinen Rückgang stabil hält und ob die Zehnjahresrendite wieder unter die Marke von fünf Prozent fällt. Gelingt beides, bekommt Spikas Grundannahme ein belastbares Fundament. Bleibt jedoch die Rendite hoch oder zeigt der Ölmarkt wieder mehr Aufwärtsrisiko, rückt die Rally in den Bereich eines deutlich fragileren Szenarios – nicht, weil Aktien grundsätzlich „nicht steigen können“, sondern weil die Bewertungsrechnung dann nicht mehr dieselbe ist. Für Anleger heißt das: Die entscheidende Frage ist weniger „ob“, sondern „wie“ die Märkte die nächste Zinsentscheidung und ihre Treiber vorwegnehmen.
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