LONDON (IT BOLTWISE) – Trotz eines Kursrückgangs von mehr als der Hälfte seit dem IPO kaufen Privatanleger SpaceX-Aktien weiter, wie Daten eines Research-Anbieters zeigen. In den ersten Stunden an einem Mittwoch flossen netto 22,7 Mio. USD an Retail-Käufen in die Aktie. Gleichzeitig läuft eine große Lockup-Frist aus: Am Donnerstag können fast 912 Mio. zuvor gesperrte Aktien erstmals handelbar werden. Genau diese zusätzliche Angebotsmenge könnte nun zum Stresstest für die Käufer werden.

SpaceX-Aktie: Retail bleibt trotz Kursrutsch dabei – Lockup endet bald
SpaceX-Aktie: Retail bleibt trotz Kursrutsch dabei – Lockup endet bald (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer die SpaceX-Aktie nur nach Schlagzeilen über einen „Kursrutsch“ einordnet, übersieht den handfesten Zahlungsstrom: Laut Vanda Research kaufen Privatanleger die Aktie seit dem IPO am 12. Juni an jedem Handelstag in Netto-Form. Die ersten großen Berichtstage haben daran offenbar wenig geändert. Zwar fielen die Ergebnisse als öffentliche Premiere zunächst durchwachsen aus, doch genau das brachte Retail dem Datensatz zufolge nicht zum Stoppen, sondern eher zum Nachkaufen zurück. Das ist nicht nur psychologisch interessant, sondern auch markttechnisch relevant, weil dadurch ein Teil der Kaufkraft sichtbar in den frühen Handelsphasen gebündelt bleibt.

Besonders auffällig ist die Dynamik in den ersten Stunden: Am Mittwoch kauften einzelne Anleger netto 22,7 Mio. USD an SpaceX-Anteilen. Das lag laut Vanda mehr als dreimal über dem durchschnittlichen Nettozufluss in den ersten Handelsstunden und war zudem die drittgrößte Summe in dieser frühen Zeitschiene über insgesamt 37 Sitzungen. Noch wichtiger: Vanda spricht davon, dass SpaceX seit dem Debüt keinen einzigen Tag verzeichnet habe, an dem Privatanleger netto verkauft hätten. Diese „Ununterbrochen“-Logik ändert sich zwar nach einem starken IPO-Interesse oft, sie blieb hier aber bestehen – bis zu dem Zeitpunkt, den der Bericht beschreibt. Für Trader und Portfolio-Manager ist genau diese Stabilität ein Signal, weil sie die kurzfristige Angebots- und Nachfragebilanz stützt, selbst wenn das Gesamtbild der Aktie volatiler wird.

Gleichzeitig liefert der Bericht einen Kontrast, der bei der Bewertung der Aktie entscheidend ist: Die Kursentwicklung hat Retail-Engagement teuer gemacht. SpaceX startete zum IPO-Preis von 135 USD und erreichte am 16. Juni intraday 225,64 USD, bevor die Aktie anschließend mehr als die Hälfte ihres Werts aus diesem Hoch wieder abgab und sogar unter den IPO-Ausgabepreis rutschte. Dass Privatanleger dennoch Käufer blieben, deutet laut Vanda auf eine andere Bewertungslogik hin als auf die reine Reaktion auf das nächste Quartal. In der Darstellung des Research-Anbieters geht es Retail nicht primär um die anstehende Quartalsberichterstattung, sondern um die Idee, dass SpaceX eine „transformational AI story“ sei – also eher eine KI-gestützte Wachstumsstory als eine klassische Wette auf Raumfahrtfahrpläne oder interplanetare Reisepläne. Für den Markt heißt das: Ein Teil der Käufer rechnet mental mit mehreren Bewertungszyklen statt mit einem einzelnen Ergebnis-Trigger.

Technisch lässt sich dieser „AI-Fokus“ im Kern über Investitionsmuster erklären, die in den öffentlichen Zahlen ihren Niederschlag finden. In den ersten Ergebnissen als börsennotiertes Unternehmen lagen Umsatz und bereinigtes Ergebnis über den Erwartungen, während im gleichen Atemzug nahezu 16 Mrd. USD an quartalsweisen Ausgaben für KI und Rechenzentrums-Infrastruktur genannt wurden. Genau diese Art von Budgetierung erzeugt bei Privatanlegern häufig zwei Effekte: Erstens verschiebt sie den Zeithorizont, weil große Rechenzentrums- und Trainingsaufwände typischerweise Vorlaufkosten sind. Zweitens kann die Wahrnehmung entstehen, dass die Organisation gleichzeitig an Kapazität und an Datenpipelines arbeitet, was im KI-Kontext oft als Hebel für spätere Skaleneffekte gilt. Dass dennoch ein Kursverkauf nach den ersten Resultaten folgte, zeigt allerdings auch: Auch wenn Retail die Ausgaben als „Anzahlung“ auf Zukunft interpretiert, bleibt der Markt in frühen Phasen oft preissensibel gegenüber jedem Signal, das Wachstumserwartungen nicht exakt in die Preislogik übersetzt.

Die nächste Phase macht aus dieser Spannung nun ein konkretes Angebotsproblem: Am Donnerstag werden laut Bericht voraussichtlich bis zu 912 Mio. Aktien handelbar, die Mitarbeiter sowie andere Vor-IPO-Investoren halten und die bisher gesperrt waren. Die Lockup-Abläufe sind an der Börse ein Klassiker, weil sie den Zeitpunkt definieren, an dem „zuvor illiquide“ Bestände in den öffentlichen Handel übergehen können. Dabei zwingt die Ablauffrist niemanden automatisch zum Verkauf; sie entfernt lediglich die Verkaufsbeschränkung für berechtigte Inhaber. Trotzdem verändert sich die Marktstruktur häufig schon dadurch, dass Käufer und Verkäufer neu über die mögliche zusätzliche Liquidität nachdenken. In der Sprache des Berichts entspricht die potenzielle Erhöhung „mehr als einer Verdopplung“ der aktuellen Public Float, also dem Anteil, der tatsächlich handelbar ist.

Damit verschiebt sich der Testfokus von „Halten Retail-Anleger durch Kursrückgänge durch?“ hin zu „Schafft Retail die zusätzliche Angebotswelle ohne Umkippen?“. Der Bericht ordnet die Retail-Psychologie dabei ziemlich klar ein: Vanda beschreibt die Erwartung, dass Privatanleger Aktien mit 10-bagger-Potenzial suchen, und nennt SpaceX in diesem Zusammenhang als einen der Namen, die Retail „gerade“ so einordnet. Für Profis ist die entscheidende Frage jedoch nicht die Zielrendite auf dem Papier, sondern die kurzfristige Durchhaltefähigkeit, wenn potenziell knapp eine Milliarde neu berechtigte Aktien im Markt sichtbar werden. Selbst wenn ein großer Teil davon nicht verkauft wird, reicht die Möglichkeit eines Angebotsüberschusses oft, um Spreads zu verändern und Kauforder selektiver werden zu lassen.

Aus Unternehmens- und Anlegerperspektive lohnt außerdem der Blick auf den Kontext: Der Markt für „High-Conviction“-Wetten im Tech- und KI-Umfeld hat sich in den vergangenen Jahren stark professionalisiert, aber Lockup-Events bleiben für viele Aktionärsgruppen ein dominanter Liquiditätstreiber. Für Retail bedeutet das: Die bislang stabile Netto-Kaufhistorie muss sich nicht sofort in eine Verkaufsserie verwandeln, sie kann aber durch die Erwartungshaltung der nächsten Handelstage unter Druck geraten. Für institutionelle Akteure entsteht gleichzeitig ein Fenster, in dem die Bewertung neu ausbalanciert wird – insbesondere, wenn die vorhandene Nachfrage das potenzielle Angebot nicht dauerhaft kompensieren kann. Kurzfristig wird deshalb weniger die Frage „Hat SpaceX Zukunft?“ die Kurstimmung bestimmen, sondern eher „Wie schnell und in welcher Form kommt das zusätzliche Papier ins Orderbuch?“

Wenn am Donnerstag die erste große Lockup-Stufe fällt, wird sich zeigen, ob die Retail-Strategie vor allem eine Überzeugung über KI-Ausgaben und Skalierung ist oder ob sie bei Liquiditätsereignissen nachlässt. Der Bericht lässt dabei offen, ob tatsächlich nennenswerte Verkäufe eintreten, betont aber, dass die Angebotsmenge als Möglichkeit „seit dem Debüt“ bereits im Raum stand. Genau deshalb ist der Stresstest gleichzeitig psychologisch und mikrostrukturell: Retail kann zahlenmäßig weiterhin Käufer bleiben, aber der Kurs entscheidet sich am Ende an der Interaktion zwischen potenziell neuer Angebotsbereitschaft und den Orderflüssen in den ersten Handelsstunden. Bis dahin bleibt die Message aus dem Datensatz klar: Die Loyalität war bisher täglich sichtbar – jetzt kommt die Prüfung unter strukturell veränderten Marktbedingungen.

Für Anleger mit Fokus auf KI- und Infrastrukturthemen heißt das: Der Blick sollte nicht nur auf Quartalsberichte gerichtet sein, sondern auf die Mechanik von Lockups, die Volatilität um Ereignisse herum und darauf, wie nachhaltig Nachfrage in Phasen konvertiert, in denen Angebot „theoretisch“ größer wird. Die nächsten Sitzungen werden zeigen, ob die 16-Mrd.-USD-Investitionsstory für KI und Rechenzentren den Preisdruck abfedern kann oder ob die Aktie erst wieder eine neue Gleichgewichtslage im Zusammenspiel von Retail und potenziell wechselnden Haltern finden muss.


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