BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Drei SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Seeheimer Kreis halten die Startup- und Scaleup-Strategie der Bundesregierung noch nicht für ausreichend. Sie drängen auf ein gemeinsames europäisches Börsensegment für Technologieunternehmen nach dem Vorbild der US-Nasdaq. Dafür soll der europäische Kapitalmarkt privaten und institutionellen Investoren mehr Raum geben, um erfolgreiche Firmen dauerhaft in Europa zu halten. Gleichzeitig fordern sie schnellere Genehmigungen für Wachstumszonen und ein stärker mobilisiertes Wachstumskapital.

Die Bundesregierung will aus Deutschland und Europa eine „Startup- zur Scaleup-Nation“ machen. Doch aus Sicht von drei SPD-Bundestagsabgeordneten aus dem wirtschaftsnahen Seeheimer Kreis ist der bisherige Maßnahmenkatalog dafür noch zu kurz gesprungen. Im Zentrum steht die Kapitalmarktperspektive: Während in der frühen Phase viele Startups entstehen, fehlt laut der Position des Seeheimer Kreises ab der späteren Skalierungsstufe das große Wachstumskapital, das Unternehmen nachweisbar in den globalen Wettbewerb trägt. Der Befund ist dabei nicht nur politisch motiviert, sondern lässt sich auch in den Zahlen der Gründungs- und Finanzierungslandschaft wiederfinden: Für 2025 nennt das Papier 3.568 Startups, 29% mehr als im Vorjahr, und 7,2 Mrd. Euro an Venture-Capital-Investitionen.
Die Abgeordneten verknüpfen diese Entwicklung mit einer konkreten Lücke im Übergang zu „global wettbewerbsfähigen Unternehmen“. Besonders kritisch sei der Schritt ab der Series-B-Phase, weil in Deutschland oder Europa häufig nicht ausreichend voluminöses Wachstumskapital verfügbar sei. Ihre Argumentation lautet: Relevante Finanzierungsrunden würden oft fast ausschließlich von ausländischen Investoren getragen, und deutsche Scaleups lägen „zu rund 80% in ausländischer Hand“. Ebenso sei es wiederholt vorgekommen, dass Börsengänge im Ausland stattfanden. Aus diesem Mix ergibt sich für den Finanzplatz Deutschland ein betriebswirtschaftlich spürbarer Nachteil, den die Abgeordneten in der Größenordnung von schätzungsweise 400 Mrd. Euro an entgangener Marktkapitalisierung in den vergangenen Jahren quantifizieren.
Daraus leitet sich der Kernvorschlag ab: Ein gemeinsames europäisches Börsensegment für innovative Technologieunternehmen nach dem Vorbild der amerikanischen Nasdaq. Parsa Marvi begründet das mit Blick auf den Kapitalmarkt als Exit- und Skalierungsmechanismus: „Europa braucht endlich ein gemeinsames Börsensegment für innovative Wachstumsunternehmen – eine europäische Nasdaq“. In derselben Logik argumentieren Philipp Rottwilm und Daniel Bettermann dafür, dass ein starkes europäisches Kapitalmarktangebot Investoren und Unternehmen enger zusammenbringt: „Nur mit einem starken europäischen Kapitalmarkt können wir unsere erfolgreichsten Unternehmen dauerhaft in Europa halten.“ Politisch soll das zudem die Umsetzungsgeschwindigkeit erhöhen, weil die SPD-Abgeordneten zwar anerkennen, dass das Bundeskabinett die Startup- und Scaleup-Strategie im Juli gebilligt hat, die Maßnahmen aber noch zügig und konsequent in die Praxis gelangen müssten.
Der Seeheimer Kreis knüpft dabei an Formulierungen an, die bereits in der Regierungsstrategie wiederzufinden seien. Genannt werden ein stärkerer Fokus auf Scaleups, mehr Wachstumskapital sowie die Stärkung des Deutschlandfonds und der WIN-Initiative, die öffentliches und privates Kapital verbinden sollen. Auch Vergabeverfahren sollen innovationsfreundlicher werden, „nicht nur auf den Preis“ schauen und Bürokratie abgebaut werden. Parallel möchten die Abgeordneten die politische Agenda um zwei Bausteine erweitern: Zum einen soll ein nationaler KI-Rat die Folgen Künstlicher Intelligenz für Volkswirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft einschätzen und eine langfristige KI-Strategie für Deutschland entwickeln. Zum anderen fordern sie zusätzliche Wachstumskapazitäten durch eine Art „Wachstumszonen“ nach japanischem Vorbild, die Genehmigungen in ausgewählten Regionen beschleunigen und Energie- sowie Digitalanschlüsse priorisieren.
Technisch und organisatorisch zielt diese Wachstumszonen-Idee auf verkürzte Time-to-Decision ab: In Regionen mit regulatorischen Erprobungsräumen sollen Projekte schneller starten können, was im Technologieumfeld vor allem die Verfügbarkeit von Recheninfrastruktur, Netzanbindung und belastbaren Betriebsparametern betrifft. Bettermann verweist in diesem Zusammenhang auf Schlüsseltechnologien, darunter KI, Robotik und Automatisierung. Daneben nennt er auch Bereiche wie Social Entrepreneurship und Nachhaltigkeit. Der Gedanke dahinter ist, dass Skalierung nicht nur von Finanzierung abhängt, sondern auch von der Fähigkeit, Infrastruktur, Standortanforderungen und regulatorische Tests in akzeptablen Zeitfenstern umzusetzen. Für Unternehmen bedeutet das: Selbst ein gutes Produkt und eine starke Seed-/Series-A-Basis reichen nicht, wenn der Aufbau von Kapazitäten an Genehmigungs- und Anschlussprozessen hängt.
Als weitere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Gründer- und Scaleup-Nation nennen die Abgeordneten Rahmenbedingungen, die sich quer über Branchen wiederfinden: wettbewerbsfähige Energiepreise, leistungsfähige Netze und Recheninfrastrukturen sowie mehr Kita-Plätze und flexible Betreuungszeiten. Diese Mischung wirkt zunächst wie ein politisches „Bündel“, ist aber aus Sicht des Wachstumsmechanismus konsequent: Energie- und Netzkosten bestimmen gerade bei datenintensiven Anwendungen die wirtschaftliche Skalierung, während Betreuungsangebote die Verfügbarkeit von Fachkräften beeinflussen. Wenn die SPD-Politiker anschließend die europäische „Exit“-Logik über ein Nasdaq-nahe Börsensegment betonen, wird klar, worauf sie strategisch setzen: Eine bessere Kapitalmarkteinbindung soll die Finanzierungsspirale schließen, vom frühen Wachstum bis zur Börsenreife, ohne dass Unternehmen für große Runden konsequent ins Ausland ausweichen müssen. Damit verschiebt sich die Debatte von reinem Startup-Support hin zu einer durchgängigen Skalierungsarchitektur – mit Kapitalmarkt, Infrastruktur und Governance als zusammenspielenden Faktoren.
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