WAIBLINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – STIHL treibt die Ablösung von Benzin im Profisegment mit einem neuen Hochleistungsakku voran, der laut Hersteller deutlich mehr Spitzen- und Dauerleistung liefert. Mit 60 Prozent höherer Spitzenleistung, 40 Prozent höherer Dauerleistung sowie neun Minuten Ladezeit und 3000 Ladezyklen soll das Akkusystem Anwendungen ermöglichen, die bislang überwiegend Verbrennern vorbehalten waren. Entscheidend ist dabei nicht nur die Technik am Gerät, sondern auch die Umstellung ganzer Gerätezufluchten im Forst über den Fachhandel. Im Hintergrund stehen zudem strategische Fragen zu Energieversorgung, Sicherheitskonzepten und die Positionierung gegenüber Wettbewerbern wie Bosch, Makita und Husqvarna.

STIHL beschreibt die Logik hinter seinem aktuellen Technologieschub mit einem Bild: Die Säge muss zum Baum, nicht der Baum zur Maschine. Der heutige Konzern in Waiblingen führt diese Idee seit fast einem Jahrhundert weiter – und verlagert sie nun spürbar vom Verbrenner hin zum Akku. Während im Holzeinschlag früher schwere Maschinen und lange Transportwege den Alltag bestimmten, stehen heute Reichweite, Leistungsklassen und Ladezyklen im Zentrum. Der neue Hochleistungsakku, den der Vorstand um Michael Traub in den Vordergrund stellt, soll dabei nicht nur Laborwerte liefern, sondern den Wechsel in professionellen Flotten messbar erleichtern.
Technisch bedeutet das vor allem: eine stärkere Leistungsabgabe in zwei Zeitdimensionen – kurzfristig in der Spitze und über längere Arbeitsszenarien in der Dauerleistung. Laut Hersteller erreicht das Akkupaket 60 Prozent mehr Spitzenleistung und 40 Prozent mehr Dauerleistung. Gleichzeitig nennt STIHL eine Ladezeit von neun Minuten und eine Lebensdauer von 3000 Ladezyklen, was für den Forsteinsatz unmittelbar mit Produktivität und Planungssicherheit zusammenhängt. Im Vergleich zur klassischen Auslegung früherer Akkusysteme adressiert STIHL damit die Hauptkritikpunkte aus der Praxis: Leistungseinbrüche unter Last sowie die Frage, wie viele Akkus ein Team wirklich für eine Schicht benötigt.
Das Unternehmen ordnet die Entwicklung in eine breitere Unternehmensrealität ein. STIHL versteht sich längst nicht mehr als reiner Motorsägenhersteller, sondern als Anbieter eines Produktökosystems rund um Freischneider, Heckenscheren, Hochentaster, Blasgeräte und Mähroboter. Trotzdem bleibt die Kettensäge die „DNA“ des Konzerns. Strategisch relevant ist dabei die sogenannte doppelte Technologieführung aus Benzin und Akku, die STIHL laut Traub gezielt verteidigen will. Denn der Markt hat sich verändert: Zunehmende Vollerntemaschinen drückten historisch die Absatzzahlen im Kerngeschäft, sodass das Unternehmen neue Kundensegmente und Produktkategorien aktiv erschlossen hat.
Marktseitig trifft STIHL damit auf einen intensiven Wettbewerb, in dem andere Anbieter die Elektrifizierung ebenfalls vorantreiben. Bosch und Makita positionieren ihre Akkuplattformen seit Jahren über Reichweiten- und Systemstrategien, während Husqvarna im Profi-Forstbereich ebenfalls stark auf Elektrifizierung und Akku-Ökosysteme setzt. Für STIHL ist der Zeitplan entscheidend: Viele Profikunden wollen Gerätezufluchten sukzessive von Benzin auf Akku umstellen, aber sie müssen ihre Arbeitsabläufe ohne Qualitätsverlust absichern. Branchenkenner bringen das auf den Punkt: „Für den Profi zählt nicht die maximale Zahl auf dem Datenblatt, sondern die Konstanz unter realen Lastprofilen und die Taktung zwischen Arbeit und Ladefenster“, wie aus Analysten- und Handelskreisen immer wieder zu hören ist.
Auch die betriebswirtschaftliche Seite ist eng mit der Technologie verknüpft. STIHL meldet einen Umsatzanstieg um knapp drei Prozent auf 5,48 Milliarden Euro – trotz herausfordernder Zollpolitik in den USA, negativer Währungseffekte und einer spürbaren Konsumzurückhaltung in mehreren Ländern. Akkuprodukte machten dabei 27 Prozent des Absatzes aus, während das Unternehmen rund 336 Millionen Euro in die Weiterentwicklung investiert hat, davon mehr als die Hälfte in Deutschland. Damit versucht STIHL, Technologieentwicklung, Produktionsstandorte und Marktakzeptanz zusammenzubinden – nicht zuletzt, weil das Unternehmen in der Vergangenheit Kritik wegen angeblicher Standortverlagerung in Niedriglohnregionen einstecken musste, als ein neues Akkuwerk in Rumänien gebaut wurde.
Ein Kernpunkt ist dabei die Umsetzung in den Wald hinein – also nicht nur das Gerät, sondern das System aus Stromversorgung, Logistik und Sicherheitskonzept. In der Praxis stellt sich die Frage, wie „der Strom in den Wald“ kommt: Generatoren, Ladecontainer, Akku-Tauschnetzwerke oder Ladeplanung über den Fachhandel. Für Unternehmen und Flottenbetreiber bedeutet das eine neue Form der Betriebsorganisation, bei der Ausfallzeiten, Ladefenster und Ersatzteil- bzw. Akkumanagement stärker gewichtet werden als früher. Gerade hier wird der Sicherheitsaspekt relevant: Hochleistungsakkus müssen unter robusten Bedingungen betrieben werden, sie benötigen kontrollierte Temperaturfenster, geschützte Ladeprozesse und klare Wartungsroutinen, damit Schutzmechanismen zuverlässig greifen.
Historisch betrachtet ist diese Entwicklung weniger eine plötzliche Trendwende als eine lange Kette von Produktideen: Von der ersten Zweimann-Elektrosäge über die frühe Benzinmotorsäge bis hin zu Innovationen wie getriebelosen Motorsägen und dem Antivibrationsgriff. Diese Etappen zeigen, wie STIHL Produktivität im Forst systematisch in mechanische Parameter übersetzt hat. Was sich heute ändert, ist die „Hebelwirkung“: Wo früher Gewicht, Motorbauart und Dämpfung dominierten, werden heute elektrische Leistungsdichte, Ladeverhalten und Lebensdauer zu den neuen Optimierungsvariablen. Die Abgasreinigung und Schalldämpfung bleiben dabei auch regulatorisch im Blick, während Akkus zusätzlich den Vorteil emissionsarmer Nutzung in bestimmten Arbeitsumgebungen bieten können.
Für die nächsten Schritte zeichnet sich ein klares Bild ab: STIHL sieht sein Akkosystem als Strategiebaustein, um das Unternehmen in das zweite Jahrhundert zu führen, und will die Lücke zwischen Benzin- und Akkuleistung schließen, insbesondere im Starkholzeinschlag. Mit dem Allpro-Akkusystem nennt der Vorstand als Zielgröße, in Jungbeständen bis zu 25 Zentimetern Stammdurchmesser „professionell“ zu arbeiten – ein Bereich, in dem früher häufig der Verbrenner „unausweichlich“ wirkte. Wenn die Umstellung ganzer Flotten tatsächlich Fahrt aufnimmt, entstehen neue Chancen für Entwickler und Servicepartner: von intelligentem Akkumanagement über Schulungsprogramme für Ladeinfrastruktur bis hin zu Security- und Compliance-Standards für Ladegeräte und Ersatzakku-Logistik. Am Ende wird sich entscheiden, ob der Akku nicht nur leistungsfähig genug ist, sondern auch im täglichen Betrieb genauso planbar wirkt wie der Benziner.
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