WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – STRABAG baut sein Portfolio für nachhaltige Baustoffe aus und steigt mehrheitlich bei der Ökologischen Klärschlammtrocknung Offenhausen GmbH (ÖKT) ein. Im Mittelpunkt steht eine integrierte Anlage, die Biomasse und biogene Reststoffe per Pyrolyse zu zertifizierter EBC-Biokohle verarbeitet. Die Lösung soll technischem Kohlenstoff dienen, der CO? langfristig in Baustoffen wie Beton und Asphalt binden kann. Gleichzeitig nutzt ÖKT die Prozesswärme für die Trocknung von Klärschlamm und will Emissionen entlang der Wertschöpfungskette reduzieren.

STRABAG treibt die Dekarbonisierung in der Bauwirtschaft mit einem Schritt voran, der weniger nach „neuer Produktlinie“, sondern eher nach der Schaffung einer belastbaren Rohstoff- und Prozessbasis klingt: Der mehrheitliche Einstieg in die Ökologischen Klärschlammtrocknung Offenhausen GmbH (ÖKT) bündelt Know-how rund um technischen Kohlenstoff, also Biokohle, und soll die Entwicklung und Skalierung nachwachsender sowie mineralischer Rohstoffe beschleunigen. Für den Konzern ist das strategisch, weil CO?-Reduktion im Bausektor selten an einer einzelnen Stellschraube gelingt, sondern robuste Inputs, reproduzierbare Materialeigenschaften und integrierte Prozessketten erfordert. In diesem Sinne wird Biokohle zu einem Baustein, der Material- und Emissionsthemen zusammenzieht.
Technisch setzt ÖKT auf eine integrierte Anlage in Offenhausen, Bayern, die Pyrolyse und Klärschlammtrocknung zusammenführt. Kernidee ist die Umwandlung von Biomasse und biogenen Reststoffen aus Forst- und Agrarwirtschaft – etwa Waldhackgut oder Maisspindeln – in zertifizierte EBC-Biokohle (European Biochar Certificate). Dabei entsteht über den Pyrolyseprozess nicht nur der kohlenstoffreiche Feststoff, sondern auch Abwärme, die direkt zur Trocknung des eingesetzten Materials genutzt wird. Diese Kopplung reduziert den Bedarf an externer Energie und erhöht die Prozessenergieeffizienz, was in der Praxis oft entscheidend für die Wirtschaftlichkeit von Carbon-Removal-nahem Inputmaterial ist.
Ein zweiter, besonders praxisnaher Aspekt ist die Verknüpfung mit dem Abfallstrom Klärschlamm. Durch die Nutzung der im Pyrolyseprozess entstehenden Abwärme kann Klärschlamm getrocknet werden; anschließend lässt sich der getrocknete Schlamm als emissionsarmer Brennstoff verwenden. Das wirkt auf den ersten Blick wie klassische Verwertungstechnik, erhält aber in diesem Kontext eine zusätzliche Funktion: Die Energie- und Stoffströme werden so gestaltet, dass sowohl die Aufbereitung von Biokohle als auch die Behandlung des Nebenstroms in einem Gesamtsystem zusammenlaufen. So wird technischem Kohlenstoff nicht nur ein „Endziel“ gegeben, sondern auch ein Prozessumfeld, das die CO?-Bilanz insgesamt stabilisieren kann.
Für die Bauanwendung steht die langfristige Bindung von CO? in Baustoffen wie Beton und Asphalt im Fokus. Biokohle wird dabei als dauerhafter CO2-Speicher eingeordnet – eine Einordnung, die sich in der EU-Verordnung 2026/285 zu Carbon Removals und Carbon Farming widerspiegelt. Historisch betrachtet ist das Thema nicht neu: Schon in den 2010er-Jahren wurde Biokohle für landwirtschaftliche Zwecke (Stichwort Bodenverbesserung) diskutiert, während die Übertragung in Baustoffe mit Fragen zu Dosierung, Einbindung in die Zementmatrix und Qualitätskorridoren verbunden war. Neu ist hier vor allem die konsequentere Kopplung an zertifizierte Standards wie EBC sowie der Anspruch, Biokohle entlang der Wertschöpfungskette operativ zu skalieren.
Am Markt konkurriert STRABAG damit nicht nur gegen einzelne Produkte, sondern gegen etablierte Dekarbonisierungsstrategien der großen Baustoffhersteller. In Deutschland und Europa arbeiten beispielsweise Heidelberg Materials und Holcim an emissionsarmen Betonen, alternativen Zementbestandteilen und systematischen Lieferketten für energie- und emissionskritische Inputs. Der Unterschied liegt im Ansatz: Während viele Wettbewerber auf Rezeptur- und Prozessoptimierung im Zement- und Betonwerk fokussieren, versucht STRABAG, die Qualität und Verfügbarkeit des carbonreichen Additivs bzw. Inputs über eine eigene Prozessroute abzusichern. Branchenbeobachter erwarten laut wiederkehrenden Aussagen aus dem Umfeld der Bauindustrie, dass sich „skalierbare Kohlenstoffentfernung“ nur dort durchsetzt, wo Materialqualität und regulatorische Nachweisführung zusammenspielen.
Für die technische Bewertung ist außerdem wichtig, wie sich die Eigenschaften von Beton und anderen Baustoffen durch Biokohle tatsächlich beeinflussen lassen. Biokohle ist kein „universeller Ersatzstoff“, sondern ein Material mit spezifischer Porenstruktur, Oberflächenchemie und Wasser-/Nährstoffspeicherung. Für Bauanwendungen bedeutet das: Entscheidend sind die Partikelgrößenverteilung, die Homogenität der Mischung, die Wechselwirkung mit Zementleim sowie der Einfluss auf Frischbeton-Eigenschaften wie Verarbeitbarkeit und Festigkeitsentwicklung. Im Vergleich zu reinem Zement-Substitutionseinsatz kann die Integration von Biokohle daher stärker über das Qualitätsmanagement laufen, während reine Mengenstrategie allein zu wenig greift. Genau hier wird die EBC-Zertifizierung als Qualitätsanker besonders relevant.
Regulatorisch und sicherheitstechnisch verschiebt die Kombination aus Klärschlamm-Input und Pyrolyse die Anforderungen an Monitoring und Dokumentation. Klärschlamm ist als Ausgangsmaterial in vielen Zusammenhängen stark reguliert und unterliegt typischerweise Qualitäts- und Emissionsauflagen; entsprechend braucht ein skalierbares Verfahren klare Mess- und Freigabestrategien für Schadstoffparameter, Prozessstabilität und Abgasbehandlung. Gleichzeitig verlangt der Carbon-Removal-Nachweis eine robuste Bilanzierung: Es reicht nicht, dass CO? „in der Idee“ gebunden ist; erforderlich sind belastbare Nachweise über Herstellung, Verbleib und Dauerhaftigkeit. Unter dem Strich erhöht STRABAG mit ÖKT zwar die Kontrolle über den Input, aber der Konzern wird die Compliance-Fähigkeit entlang der gesamten Liefer- und Produktionskette nachweisen müssen.
Mit der Beteiligung an der ÖKT GmbH in Höhe von 50,65 % und der Vereinbarung von Stillschweigen über den Kaufpreis setzt STRABAG auf eine strategische Tiefe, die über ein reines Pilotprojekt hinausgehen soll. Für die nächsten Schritte dürfte der Fokus darauf liegen, die Produktion von EBC-Biokohle an die Bedarfe der Baustoffwerke zu koppeln, Qualitätskorridore über mehrere Chargen hinweg sicherzustellen und Rezepturpfade so weiterzuentwickeln, dass Leistung und Nachhaltigkeitsnutzen gemeinsam steigen. Ein realistischer Ausblick: Wenn sich der regulatorische Rahmen für Carbon Removals weiter stabilisiert und Marktpartner standardisierte Nachweisführung akzeptieren, könnten Biokohle-gestützte Beton- und Asphaltansätze mittelfristig von der Nische in breitere Ausschreibungen rutschen. Für Entwickler und Zulieferer bedeutet das mittelfristig neue Projektbudgets entlang von Materialdaten, Labor- und Feldvalidierung sowie Prozessintegration in bestehende Werke.
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