HEIDELBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktuelle Umfrage zeigt eine deutliche Lücke in der Notfallplanung: Viele Menschen erwarten zwar, dass Behörden nicht ausreichend vorbereitet sind, haben selbst aber nur selten konkrete Vorsorgemaßnahmen getroffen. Während die Bevölkerung die eigene Stromversorgung in Deutschland mehrheitlich als sicher einschätzt, bleibt die Eigenvorsorge überraschend gering. Besonders häufig werden einfache Hilfsmittel wie Taschenlampen, Kerzen und Powerbanks sowie Vorräte als erste Reaktion genannt. Gleichzeitig sehen die Befragten Terror, Sabotage und Cyberangriffe als zentrale Risiken für die Stromnetze.

Die Diskussion um Resilienz bei kritischer Infrastruktur bekommt in Deutschland gerade einen neuen, deutlich ernüchternden Impuls: Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Innofact im Auftrag eines Energie- und Tarifvergleichsportals gehen viele Menschen davon aus, dass Behörden auf einen größeren Stromausfall nur unzureichend vorbereitet sind. Gleichzeitig zeigt die Erhebung, dass die Vorsorge im privaten Umfeld noch schwächer ausfällt. Genau hier liegt der Kern der Meldung: Die Wahrnehmung der öffentlichen Hand und die eigene Haushaltsplanung laufen auseinander, obwohl beides im Ernstfall eng miteinander verzahnt ist. Für Unternehmen, Kommunen und Netzbetreiber ist das ein Signal, dass Kommunikation und Umsetzung stärker ineinandergreifen müssen.
Im Detail ergibt die Befragung ein klares Bild der Erwartungslücke. Insgesamt bewerten 54,6 Prozent „alle Behörden und Verantwortlichen“ entweder als „eher nicht gut“ oder als „unzureichend“ vorbereitet. Nur 12,8 Prozent sehen die öffentliche Vorbereitung als „sehr gut“ oder „eher gut“. Noch deutlicher fällt jedoch die Eigeninitiative aus: Lediglich 30,3 Prozent gaben an, selbst konkrete Vorbereitungen getroffen zu haben. Damit wird sichtbar, dass Risikowissen allein nicht automatisch in Handeln übergeht. Diese Dynamik lässt sich auch aus früheren Studien zu Notfallmanagement ableiten, bei denen Informationskampagnen oft schneller rezipiert werden als die organisatorische Umsetzung im Haushalt.
Wer sich dennoch vorbereitet hat, orientiert sich überwiegend an sofort nutzbaren, niedrigschwelligen Maßnahmen. Besonders häufig werden Leuchtmittel wie Kerzen, Petroleumlampen oder Taschenlampen genannt, dazu Nahrungs- und Wasservorräte. Ebenso spielt das Bereithalten einer Powerbank eine Rolle, um Mobilität und Kommunikation zumindest für einen gewissen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Technisch betrachtet sind solche Vorsorgeelemente allerdings nur der erste Layer: Entscheidend ist, ob sie zu einem belastbaren Plan zusammengefügt werden, der Zeiträume überbrücken kann, in denen auch Mobilfunknetze oder Tankstellen nicht verlässlich verfügbar sind. In diesem Kontext wird auch verständlich, warum klassische „Checklisten“ in der Praxis stärker wirken als abstrakte Risikokommunikation.
Spannend ist die Gleichzeitigkeit aus Unsicherheitswahrnehmung und Einschätzung der Netzsicherheit. Bei der Frage nach der Wahrscheinlichkeit eines flächendeckenden Stromausfalls antworten knapp ein Drittel mit „ja“, ein weiteres knappes Drittel mit „nein“, und der Rest wählt „teils-teils“. Gleichzeitig sehen aber knapp zwei Drittel die Stromversorgung in Deutschland als sicher an. Das klingt zunächst widersprüchlich, lässt sich jedoch durch psychologische Faktoren erklären: Menschen unterscheiden zwischen „grundsätzlich möglich“ und „wahrscheinlich“, und sie unterschätzen die Dauer oder die Folgekaskaden eines seltenen Ereignisses. Genau solche Kaskaden – etwa der Ausfall von Heizung, Kühlung, Bezahlsystemen oder Pumpwerken – machen Notfallplanung im Unternehmen und im Haushalt zu einem Thema für Betriebs- und Continuity-Strategien.
Als größte Bedrohungen für die Stromversorgung nennen die Befragten mit weitem Abstand Terrorangriffe und Sabotageakte sowie Cyber-Angriffe. Das ist für Entscheider relevant, weil hier nicht nur physische Risiken, sondern auch digitale Angriffsflächen adressiert werden. Netz- und Anlagenumgebungen sind zwar zunehmend segmentiert und gehärtet, doch mit steigender Automatisierung wachsen die Angriffsvektoren: von Kompromittierung über Lieferketten bis hin zu Manipulationen in Steuerungssystemen. Historisch zeigt sich zudem, dass Störungen selten als „reiner Stromausfall“ auftreten: Kommunikationsunterbrechungen, falsche Statusmeldungen oder verzögerte Wiederanlaufprozesse verschärfen die Lage. Die Umfrage macht damit deutlich, dass Security- und Resilienzmaßnahmen in der Wahrnehmung eng verbunden sind.
Dass der Datensatz gerade jetzt auf Resonanz stößt, liegt auch am Zeitbezug: In Berlin kam es zuletzt wiederholt zu größeren Stromausfällen, und in beiden Fällen ging die Polizei laut Bericht von einem linksextremistischen Anschlag aus. Solche Ereignisse wirken wie ein beschleunigter Realitätscheck: Selbst wenn die Statistik im Alltag beruhigt, erzeugt ein konkreter Vorfall eine bleibende Risikowahrnehmung. Für den Marktkontext heißt das, dass vergleichsbasierte Portale und Informationsangebote stärker auf „Umsetzung“ statt nur auf „Aufklärung“ setzen sollten. Ähnliche Ansätze finden sich auch bei anderen Vergleichsportalen, die in der Vergangenheit stärker auf konkrete Serviceleistungen rund um Energie und Verbraucherrechte ausgerichtet haben – ein Muster, das sich auf Notfallwissen übertragen lässt.
Technisch lässt sich die Lücke zwischen Erwartung und Vorbereitung als fehlende „Operationalisierung“ beschreiben: Ein Haushalt verfügt zwar über Wissen, aber nicht über einen Ablaufplan. Für Künstliche Intelligenz ergibt sich hier langfristig ein realistischer, enterprise-tauglicher Hebel: KI-gestützte Assistenzsysteme können aus Verhalten, Haushaltsgröße, Mobilitätsmustern und typischen lokalen Ausfallprofilen personalisierte Empfehlungen ableiten. Im Gegensatz zu allgemeinen Ratgebern können sie zudem Aktualisierungen integrieren, etwa wenn neue Risiken (z. B. Cyberbedrohungen) oder konkrete regionale Meldungen hinzukommen. Im Vergleich zu reinen Regel-basierten Checklisten bieten solche Systeme eine bessere Anpassung an Komplexität – allerdings nur, wenn sie datenschutzkonform und transparent bleiben und die Nutzer weiterhin „verstehen“, warum eine Empfehlung kommt.
Auch im Markt wirkt die Umfrage wie ein Weckruf. Experten aus dem Umfeld kritischer Infrastrukturen betonen häufig, dass Resilienz nicht allein durch technische Maßnahmen entsteht, sondern durch vorbereitete Prozesse in Behörden, Versorgern und Betrieben. Zwar werden Stromnetze in Deutschland laufend überwacht und abgesichert, doch im Ernstfall entscheidet die Geschwindigkeit von Wiederanlauf, die Qualität der Lagebilder und die Fähigkeit, Mindestfunktionen in Teilbereichen aufrechtzuerhalten. In einem Interview, das im Umfeld der Studienauswertung zitiert wird, wird sinngemäß hervorgehoben, dass Vorsorge dann besonders wirksam ist, wenn sie mehrere Ebenen abdeckt – Licht, Wärme, Wasser, Information und Kommunikation. Damit verschiebt sich der Fokus von „Wie groß ist das Risiko?“ hin zu „Wie gut überbrücken wir die Zeit bis zur Stabilisierung?“
Für die Zukunft ergeben sich daraus klare Implikationen. Erstens wird die öffentliche Kommunikation wahrscheinlicher anwendungsnäher werden müssen: Nicht nur „Was tun im Notfall?“, sondern „Wie bereite ich mich konkret vor, ohne überfordert zu werden?“ lautet die entscheidende Frage. Zweitens dürfte sich die Nachfrage nach Tools, Trainings und vorbereitenden Services erhöhen – bei Unternehmen etwa in Form von Betriebsfortführungsplänen, bei Kommunen durch Übungen und klare Kommunikationsketten. Drittens sollten Security-Programme noch stärker in die Resilienzstrategie eingebettet werden, weil Cyberangriffe von vielen Befragten als Hauptbedrohung gesehen werden. Wenn Unternehmen diese Erkenntnisse jetzt in ihre Planungen integrieren, können sie die Lücke zwischen Wissen und Handeln schließen – und im Ereignisfall schneller, koordinierter und weniger improvisiert reagieren.
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