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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Auswertung von Millionen Beiträgen zeigt, dass US-Politiker online deutlich mehr Interaktionen erhalten, wenn sie Gegner aggressiv angreifen. Die Analyse kombiniert KI-gestützte Textklassifikation mit Engagement-Daten aus Twitter/X und Facebook sowie offiziellen E-Mail-Newslettern. Zwischen 2011 und 2022 stieg die parteiische Polarisierung in der Rhetorik spürbar an. Besonders negative Angriffe kletterten zuletzt von etwa 5 bis 10 Prozent auf fast 20 Prozent aller Nachrichten.

Studie: Social-Media-Engagement belohnt negative Angriffe im US-Wahlkampf
Studie: Social-Media-Engagement belohnt negative Angriffe im US-Wahlkampf (Foto: IT BOLTWISE)
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Für viele Wahlkämpfer wirken Social-Media-Zahlen wie eine Art Leistungsanzeige: Likes, Shares und Kommentare werden unmittelbar sichtbar und lassen sich täglich auswerten. Genau an dieser Stelle setzt die neue Studie an, die Kommunikation von Mitgliedern des US-Kongresses über einen Zeitraum von 14 Jahren untersucht. Das Ergebnis ist unbequem, weil es eine klare Belohnungslogik für das Schleifen von Konflikten nahelegt: Negative, parteipolitisch zugespitzte Angriffe erzielen im Schnitt deutlich mehr Reichweite als Hinweise auf Legislativarbeit oder konkrete Hilfe für den Wahlkreis.

Technisch betrachtet basiert die Untersuchung auf einer sehr großen Textbasis und einem methodischen Ansatz, der über reine Zählstatistiken hinausgeht. Die Forscher werteten rund 4,7 Millionen Posts von Twitter, etwa 2,4 Millionen Facebook-Beiträge und 184.000 offizielle E-Mail-Newsletter aus. Damit deckt das Datenset nahezu die komplette Phase ab, in der Social Media in der politischen Kommunikation massenhaft eingesetzt wurde. Um aus dieser Textmenge robuste Muster zu extrahieren, kamen sprachbasierte KI-Modelle zum Einsatz, die Botschaften nach ihrem Zweck einordneten – etwa als Ankündigung von Events, als Claiming von politischem Erfolg, als Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern oder als negative parteiische Angriffe.

Bevor die Modelle in die Hauptanalyse gingen, wurden sie gegen etablierte politische Messgrößen gespiegelt. Dazu gehörten Roll-Call-Abstimmungen, die Übereinstimmung mit den vom Präsidenten bevorzugten Positionen, die Häufigkeit von Wahlkampfspenden sowie die Themen, die auf den offiziellen Websites der Abgeordneten betont werden. Laut Studie korrelierten die textbasierten Scores für Parteibindung gut mit diesen Benchmark-Daten. Auch inhaltliche Plausibilitäten tauchten auf: Wer in der Realität häufiger überparteiliche Gesetze unterstützt, verwendet im Netz tendenziell weniger einseitige Sprache; wer in Reden oft lokale Orte anspricht, postet vergleichsweise häufiger über Serviceleistungen für den Wahlkreis.

Der Blick auf die Zeitachse zeigt dann den eigentlichen Trend. Zwischen 2011 und 2022 steigt die parteipolitische Polarisierung in der Kongress-Kommunikation in allen drei untersuchten Kanälen kontinuierlich und deutlich an. Die Rhetorik der Republikaner und Demokraten driftet stärker auseinander, während Routine-Themen der Regierungsarbeit an Bedeutung verlieren. Interessant ist auch die Entkopplung innerhalb der Gruppen: Die parteipolitische Ausprägung in demokratischen Aussagen bleibt über weite Teile des Zeitraums nahezu stabil, während republikanische Kommunikation stärker zu Extremen kippt. Inhaltlich verlagern sich die Schwerpunkte dabei zunehmend: Demokraten konzentrieren sich laut Datenauswertung häufiger auf progressive Prioritäten wie Klima, Demokratie oder Infrastruktur, während Republikaner stärker Immigration und konfrontative Rhetorik in den Vordergrund stellen und dabei besonders oft die Grenze sowie die jeweils gegnerische Partei referenzieren.

Noch deutlicher wird die Mechanik, wenn man nicht nur ideologische Schärfe betrachtet, sondern die Nachrichtentypen priorisiert. Der Anteil negativer parteiischer Angriffe wächst stark: Am Anfang der Studie lag er bei etwa fünf bis zehn Prozent der Beiträge, bis zum Ende 2022 nähert er sich fast der Marke von zwanzig Prozent. Gleichzeitig gewinnt das reine Positionieren zu kontroversen Themen immer stärker an Gewicht und drängt klassische „Governance“-Inhalte zurück. In der Studie gilt insbesondere die abnehmende Sichtbarkeit von Beiträgen über Bundesmittel für lokale Bezirke oder konkrete Hilfe für Bürgerinnen und Bürger als auffällig, und die schärfsten Sprünge bei negativer Kommunikation werden zeitlich mit Phasen politischer Umbrüche verbunden – nach der Präsidentschaftswahl 2016 bei demokratischen Aussagen sowie nach 2020 bei republikanischen Beiträgen.

Der zentrale Anreizmechanismus wird anschließend über Engagement-Metriken operationalisiert. Die Forscher vergleichen, wie stark Nutzer auf verschiedene Beitragstypen reagieren, und nutzen dabei die unmittelbare Feedback-Schleife von Plattformen wie Facebook und Twitter. Für jede Nachricht werden Kennzahlen wie Likes, Shares, Retweets und Kommentare erfasst. Negative Angriffe schneiden dabei so deutlich besser ab, dass sie andere Formate praktisch überrollen: Auf Twitter erhalten solche Posts im Schnitt 60 Prozent mehr Likes, 80 Prozent mehr Retweets und 79 Prozent mehr Antworten als ein durchschnittlicher Post derselben Person. Auf Facebook liegen die Werte bei 86 Prozent mehr Shares und 93 Prozent mehr Kommentare gegenüber üblichen Updates. Dagegen erzielen Nachrichten, die auf überparteiliche Zusammenarbeit oder lokale Services zielen, weniger Interaktionen als der typische Beitrag, und auch „Credit claiming“ – also das Herausstellen positiver Regierungsergebnisse – bleibt deutlich hinter dem Engagement der feindseligen Rhetorik zurück.

Die Studie stellt damit eine zweite, oft übersehene Frage: Bedeutet hohe Online-Aufmerksamkeit automatisch, dass Wählerinnen und Wähler das wirklich so wollen? Die Autoren warnen explizit vor einer „Social-Media-Feedback-Mirage“ und ordnen das große Engagement als möglicherweise verzerrtes Signal einer polarisierten Online-Zielgruppe. In Umfragedaten, die in der politischen Forschung regelmäßig gesammelt werden, zeigt sich demnach häufig ein anderes Bild: Viele Wählerinnen und Wähler bevorzugen Vertreter, die legislative Ergebnisse in den Vordergrund stellen statt sich im parteipolitischen Schlagabtausch zu verlieren. Wenn Politiker ihre Kommunikationsstrategie jedoch vor allem an digitalen Interaktionsmetriken ausrichten, kann daraus ein Kreislauf entstehen: Man optimiert auf maximale Aufmerksamkeit – und diese Aufmerksamkeit wird gerade durch Schärfe und Feindbildkommunikation erzeugt.

Methodisch ist das Datenset bis 2022 begrenzt, also vor der stärkeren Dynamik alternativer Netzwerke wie Bluesky oder Truth Social. Dadurch bleibt offen, ob die gleiche Logik auch in neuen digitalen Ökosystemen in vergleichbarer Form gilt. Ebenso erwähnen die Forschenden, dass die meisten Abgeordneten weiterhin aktive Hauptprofile auf Facebook und X unterhalten; außerdem werden künftige Arbeiten nötig sein, um zu prüfen, wie sich Strategien ändern, sobald visuelle Plattformen wie YouTube und Instagram mehr Gewicht bekommen. Für Unternehmen und Organisationen, die politische Kommunikation oder Social-Media-Operations begleiten, ist die zentrale Folgerung zugleich strategisch: KI-gestützte Textauswertung zeigt nicht nur, was gesagt wird, sondern macht auch sichtbar, welche Anteile die Plattformökonomie belohnt – und damit indirekt beeinflusst, wie Entscheidungsträger kommunizieren.

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