UNITED KINGDOM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Befragung mit 5.501 Teilnehmenden in vier europäischen Ländern zeigt einen robusten Zusammenhang zwischen gefühlter sozialer Ausgrenzung und der Zustimmung zu politischer Gewalt. Reine politische Entfremdung erklärt diese Tendenz allein nicht. Entscheidend ist vielmehr, welche Art der Entfremdung vorliegt: Ohnmacht verstärkt den Effekt, Misstrauen gegenüber Institutionen schwächt ihn. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie sich Vorbehalte gegenüber Politik konkret in Handlungsbereitschaft übersetzen können.

Politische Gewalt ist für demokratische Gesellschaften nicht nur ein Sicherheits-, sondern auch ein psychologisches Problem: Sie wirft die Frage auf, warum manche Menschen die Anwendung von Zwang als politisches Mittel akzeptieren, während andere es ablehnen. Eine neue Studie ordnet diese Haltung nicht in einem linearen Ursache-Wirkungs-Schema ein, sondern zeigt, dass es auf die Form des erlebten Unrechts und der politischen Entfremdung ankommt. Im Zentrum stehen zwei psychologische Erfahrungen: soziale Ausgrenzung, also das Gefühl, die eigene Gruppe werde unfair behandelt oder an der Teilhabe gehindert, und politische Entfremdung, also das Gefühl, vom politischen System und seinen Institutionen abgekoppelt zu sein.
Technisch und inhaltlich differenziert die Arbeit zwischen zwei Facetten politischer Entfremdung. Unter institutioneller Entfremdung versteht die Untersuchung vor allem das Misstrauen in demokratische Institutionen und lokale politische Akteure; sie beschreibt gewissermaßen einen Rückzug aus dem politischen Raum. Daneben steht Effizienz-Entfremdung, die durch das Erleben geprägt ist, dass Menschen wie die eigene Person keine Macht haben oder keine Zukunftsperspektive besitzen. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil politische Gewalt nicht nur aus Frustration entstehen muss, sondern je nach psychologischer Lage entweder als „legitimiertes Mittel“ sichtbar wird oder stattdessen eher zu einem Rückzug aus dem System führt.
Die Datenbasis der Studie umfasst Befragungen von mehr als 5.000 Erwachsenen in vier Ländern: Vereinigtes Königreich (2.535), Niederlande (1.963), Dänemark (635) und Norwegen (368). Insgesamt nahmen 5.501 Personen an der Online-Erhebung teil, die zwischen 2021 und 2023 durchgeführt und über ein europäisches Horizon-2020-Programm finanziert wurde. Die Stichproben wurden so zugeschnitten, dass sie hinsichtlich Alter, Geschlecht, Bildung und Religion die jeweiligen Bevölkerungsanteile abbilden; dennoch sind besser Gebildete in Online-Panels typischerweise etwas überrepräsentiert. Gemessen wurde soziale Ausgrenzung über sechs Items, darunter das Gefühl, aufgrund des eigenen Hintergrunds gedemütigt zu werden, oder die Wahrnehmung von Medienbias gegenüber Menschen wie einem selbst.
Die Messung der Gewalt-Unterstützung erfolgte über eine einzelne Zustimmungsaussage: „Sometimes people need to use violence to achieve their goals.“ Etwa 8,5 % stimmten dieser Aussage stark zu. Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel: Personen, die stärker aus dem sozialen Leben ausgeschlossen wirkten, waren in allen vier Ländern eher bereit, politische Gewalt zu befürworten. Gleichzeitig zeigte sich politische Entfremdung nicht als unabhängiger Faktor, sobald soziale Ausgrenzung berücksichtigt wurde. Stattdessen moderierte sie den Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und Gewaltendorsement – und die beiden Entfremdungsformen wirkten dabei entgegengesetzt.
Bei Teilnehmenden mit hoher Effizienz-Entfremdung verstärkte das Gefühl der Ausgrenzung die Zustimmung zu Gewalt deutlich stärker als bei Personen mit geringerer Effizienz-Entfremdung. Umgekehrt war bei hoher institutioneller Entfremdung die Verknüpfung zwischen Ausgrenzung und Gewaltendorsement schwächer, blieb aber noch erkennbar. Die Analyse identifizierte zudem zwei breitere Gruppen, die in jedem Land sichtbar waren: Eine Mehrheit von 59 % berichtete relativ niedrige Werte bei Ausgrenzung und Entfremdung und zeigte entsprechend nur bei 0,5 % eine starke Zustimmung zu Gewalt. Die übrigen 41 % wiesen höhere Werte auf; in dieser Gruppe lagen die stark zustimmenden Personen bei rund 20 %, gleichzeitig aber befürworteten etwa vier von fünf trotz erhöhter Ausgrenzung und Entfremdung keine Gewalt. Genau diese Streuung macht deutlich, warum die „Anwesenheit von Entfremdung“ allein nicht genügt, um Verhalten vorherzusagen.
Der Beitrag verortet politische Entfremdung daher als „bedingenden Katalysator“: Sie verschiebt, wie stark eine bestehende Beschwerde (grievance) in die Zustimmung zu Gewalt übergeht. Für Präventions- und Politikansätze folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Maßnahmen, die Menschen dabei stärken, Einfluss auf relevante Entscheidungen zu nehmen, könnten den Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und Gewaltbereitschaft stärker schwächen als reine Kampagnen, die vor allem das Vertrauen in Institutionen erhöhen. Gleichzeitig mahnt die Studie, dass Sicherheits- oder Kontrollmaßnahmen, die ganze Communities pauschal stigmatisieren, das zugrundeliegende Ausgrenzungserleben vertiefen könnten. Wichtig bleibt außerdem die wissenschaftliche Einordnung: Das Studiendesign erlaubt keine Kausalitätsaussagen, und die Gewalt-Unterstützung wurde nur über Einstellungen, nicht über tatsächlich beobachtetes Verhalten, erfasst.
Veröffentlicht wurde die Arbeit in Psychology of Violence. Für die Fachwelt liefert sie damit ein differenziertes Bild dafür, wie psychologische Mechanismen in demokratischen Kontexten zusammenspielen können – und wo Präventionslogik ansetzen sollte. Wer Künstliche Intelligenz und Datenanalyse in sicherheitsnahen Anwendungen einsetzt, kann aus dem Befund vor allem lernen, dass Risikomodelle nicht nur „negative Faktoren“ sammeln sollten, sondern die Struktur der psychologischen Lage abbilden müssen: Ohnmachtserleben und Misstrauen gegenüber Institutionen sind dabei nicht austauschbar. Damit verschiebt sich der Fokus von der Frage „Wer fühlt sich schlecht behandelt?“ hin zu „Welche Art von Entfremdung macht aus Beschwerde eher Zustimmung als Rückzug?“
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