MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, wie stark KI-Videos das Vertrauen der Menschen in Deutschland erschüttern. Fast drei Viertel der Befragten (72 Prozent) vertrauen Videos generell weniger als früher. Wer bereits KI-Inhalte gesehen hat, zweifelt inzwischen häufiger an der Echtheit. Zugleich wünschen sich viele strengere Regeln, Kennzeichnungspflichten und stärkere Kontrolle von Plattformen.

Die Ergebnisse der Untersuchung „Video Trends 2026“, vorgestellt im Rahmen der Medientage München, beschreiben kein Randphänomen, sondern eine spürbare Vertrauenslücke im Alltag: Für die Befragten wird es zunehmend schwieriger, echte von künstlich erzeugten oder zumindest stark manipulierten Inhalten zu unterscheiden. Fast drei Viertel der Teilnehmenden geben laut Studie an, Videos generell weniger zu vertrauen als früher. Diese Skepsis fällt nicht nur abstrakt aus, sondern wirkt direkt auf das Nutzerverhalten: 81 Prozent sagen, sie zweifelten inzwischen häufiger an der Echtheit von Videos, und 77 Prozent fürchten, durch solche Inhalte gezielt getäuscht zu werden.
Besonders aussagekräftig ist dabei der Zusammenhang zwischen Kontakt und Misstrauen. Wer bereits KI-Videos begegnet ist, vertraut Videos der Studie zufolge auch weniger: Von den Befragten, die schon einmal entsprechenden Inhalten ausgesetzt waren, hielten 68 Prozent mindestens einmal ein KI-Video irrtümlich für echt. Das ist ein Hinweis darauf, dass KI-gestützte Bild- und Videogenerierung die „Wahrnehmungshürden“ senkt, die früher beim schnellen Abgleich halfen – etwa über auffällige Artefakte, unnatürliche Bewegungen oder unplausible Details. Wenn diese Signale aber schwinden, wandert die Prüfung vom Medium hin zur Metainformation: Wie klar ist gekennzeichnet, was KI-basiert ist, und wer steht hinter der Verbreitung?
Genau deshalb zielen die Forderungen der Befragten auf Transparenz und Durchsetzung. Rund 91 Prozent wünschen sich eine Kennzeichnung von KI-Inhalten, etwa bei Nachrichten und politischen Themen. Ebenso hoch ist der Wunsch, zu erfahren, wie viel Künstliche Intelligenz in einem Video steckt; 90 Prozent wollen diese Transparenz. Noch stärker wird der Blick auf die Plattformen gerichtet: 89 Prozent sprechen sich dafür aus, Plattformen stärker zu kontrollieren. Insgesamt bevorzugt die Mehrheit damit ein Regelsystem, das nicht allein auf die technische Erkennbarkeit setzt, sondern auf nachvollziehbare Prozesse entlang der gesamten Lieferkette von Upload bis Reichweite.
Technisch betrachtet ist die Studie damit ein indirektes Signal für die Grenzen rein „sichtbarer“ Erkennung. Selbst wenn KI-Videos im Labor zuverlässig klassifizierbar wären, bleibt in der Praxis die Frage, wie konsistent Erkennungssysteme, Metadaten und Kennzeichnungen funktionieren – und ob sie bei der Dynamik moderner Verbreitung Schritt halten. Der Wunsch nach klarer Kennzeichnung bei Nachrichten und aktuellem Zeitgeschehen (88 Prozent Zustimmung) sowie bei Wissens- und Erklärvideos (83 Prozent) zeigt, dass besonders kontextabhängige Formate als vertrauenskritisch wahrgenommen werden. Bei Alltags- und Lifestyle-Inhalten sinkt die Sensibilität zwar auf 67 Prozent, aber auch dort erwarten viele offenbar zumindest eine Grundinformation darüber, ob KI eingesetzt wurde.
Interessant ist außerdem die differenzierte Bewertung: Nicht jede Verwendung von KI stößt auf Ablehnung. Die Befragten zeigen eher keine grundlegende Skepsis, wenn KI Videos technisch verbessert oder für kreative Effekte genutzt werden. Kritischer wird es dagegen, wenn reale Ereignisse oder Personen täuschend echt verändert werden. Diese Unterscheidung lässt sich als gesellschaftlicher Versuch lesen, den Nutzen generativer Systeme nicht pauschal zu verwerfen, sondern das Vertrauen an die Art des Einsatzes zu koppeln. Für den Umgang mit manipulativen Inhalten nennen die Befragten auch ein deutliches Tabu: 83 Prozent befürworten ein Verbot bestimmter Formen von KI-Videos und sogenannter Deepfakes, also mit Hilfe von KI manipulierter Bilder, Videos oder Stimmen.
Die Studie selbst basiert auf Antworten von 3.174 Personen ab 14 Jahren mit Internetzugang. Befragt wurde im Zeitraum vom 22. Mai bis 10. Juni 2026. Damit adressiert die Untersuchung eine Zielgruppe, die KI-Inhalte typischerweise nicht nur gelegentlich konsumiert, sondern potenziell in Feeds, Chats und sozialen Plattformen laufend berührt. Für Unternehmen und Entwickler bedeutet das: KI-Video-Features werden nicht nur nach Modellgüte und Render-Qualität bewertet, sondern zunehmend nach Governance-Eigenschaften wie Kennzeichnungslogik, auditierbarer Herkunft (etwa über nachvollziehbare Signale) und der Fähigkeit, problematische Inhalte in der Praxis zuverlässig zu unterscheiden.
Aus Sicht der Medienaufsicht wird die technische Debatte folglich mit einer organisatorischen zusammengeführt. Der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, Thorsten Schmiege, betont in der Mitteilung, dass bei Nachrichten und politischen Inhalten klare Kennzeichnung sowie Regeln für KI und eine wirksame Durchsetzung nötig seien. Diese Linie passt zu einem Markttrend, in dem Plattformen, Anbieter von Erkennungstools und Rechteinhaber versuchen, Verantwortung und Nachweispflichten enger zu verzahnen. Für die nächsten Produkte heißt das: Transparenz muss zum Feature werden, nicht zur freiwilligen Zusatzoption; sonst verschiebt sich das Risiko für Nutzervertrauen zunehmend auf die Endseite – und damit auf Kosten der Reichweite, der Glaubwürdigkeit und letztlich der Akzeptanz.
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