LONDON (IT BOLTWISE) – Syriens Militär wird nach dem Sturz von Bashar al Assad neu aufgebaut, doch türkischer und russischer Einfluss sowie extremistischer Rückhalt wirken wie Bremsklötze. Die Ernennung von Ömer Muhammed Çiftçi zum Kommandeur der 62. Division zeigt, wie stark Ankara in die neue Befehlskette hineinwirkt. Gleichzeitig will Russland seine Präsenz über Trainingszentren an Hmeimim und Tartus absichern. Für Washington wird damit schwieriger, Syrien als verlässlichen Partner gegen einen möglichen IS-Wiederaufstieg zu nutzen.

Der Wiederaufbau von Syriens Streitkräften klingt zunächst nach einem klassischen Projekt: Aus bewaffneten Akteuren sollen planbare Strukturen entstehen, aus regionalen Milizen ein nationales Militär. Der Haken liegt aber in der Zusammensetzung. Laut einer Analyse von Ahmad Sharawi und Justin Leopold Cohen bleibt der Sicherheitsfortschritt gebremst, weil ausländische Einflusslinien – vor allem aus der Türkei und Russland – in die neue Befehlskette hineinreichen und weil extremistische Elemente weiterhin in Teilen des Apparats verankert sind. Damit verändert sich die Risikolage für jeden, der Syrien politisch und militärisch als Faktor gegen islamistische bewaffnete Gruppen einplanen möchte.
Technisch betrachtet treibt die Lage im Alltag die Debatte: Nach dem Umsturz im Dezember 2024 und den späteren Luftschlägen, die der israelische Streitkräfte-Ansatz nach Angaben im Text vor allem mit Blick auf fortgeschrittene Systeme gegen Syrien richtete, verfügt das Land über einen weniger leistungsfähigen Gerätepark. Zwar kommen noch ältere sowjetische Bestände zum Einsatz, doch der Schwerpunkt der neuen Streitkräfte gilt einem schnellen Aufbau statt einer tiefen Modernisierung. Das schätzt auch das International Institute for Strategic Studies ein: Demnach handelt es sich gegenwärtig primär um „disounted militias“ mit wenig sichtbarer Spezialisierung, mit unarmierten Fahrzeugen als Rückgrat und nur wenigen überlebenden Hauptkampfpanzer- und Schützenpanzerbeständen wie T-72 und T-55 sowie BMP-1. Selbst wenn die politische Zielmarke bei etwa 300.000 Angehörigen liegen soll, wirkt die tatsächliche Größe eher wie eine Zwischenstufe um rund 200.000.
Für die Frage, wie zuverlässig Syrien gegen den Islamischen Staat (IS) oder auch gegen Waffenflüsse vorgehen kann, ist die Organisationslogik entscheidender als die Zahl der Soldaten. Der Text beschreibt, dass das Regime zwar gezielte Razzien durchgeführt, IS-Zellen zerschlagen und außerdem auch gegen Hezbollah-nahe Akteure vorgegangen sein will, dass das Extremismusproblem aber „systemisch“ bleibt. Das wird besonders dann relevant, wenn Rekrutierungs- und Vettingprozesse nicht mit der Integration ehemaliger Milizionäre Schritt halten. Als konkretes Warnsignal nennt die Analyse unter anderem einen tödlichen Angriff auf zwei US-Militärangehörige und einen Dolmetscher durch einen Angehörigen syrischer Sicherheitskräfte Ende 2025.
Nicht weniger bedeutsam ist die Rolle einzelner designierter Gruppen innerhalb der neu geformten Streitkräfte. Genannt werden unter anderem Katibat al Tawhid wal Jihad (KTJ), dessen Kämpfer in die 84. Division aufgenommen worden seien, sowie die Turkistan Islamic Party (TIP), eine uigurische Organisation, die bei den Vereinten Nationen gelistet ist. Der Text betont dabei eine besondere Verwobenheit: TIP-Chef Abdul Haq al Turkistani soll weiterhin in Afghanistan ansässig sein und mit Al-Qaida-Verbindungen und engen Beziehungen zum Taliban-Umfeld verknüpft bleiben. KTJ wird ebenfalls mit langjährigen Verbindungen zu Taliban und Al-Qaida in Verbindung gebracht. Solche Bindungen bedeuten für US-Interessen nicht nur eine potenzielle Destabilisierung, sondern auch konkrete operative Herausforderungen, wenn Verteidigungsstrukturen zugleich gegen Extremisten arbeiten und gleichzeitig Extremisten im System „mittragen“.
Die Türkei verstärkt diese Komplexität durch institutionelle Nähe zur neuen syrischen Armee. Unter dem Eindruck eines militärischen Kooperationsabkommens, das Ankara 2025 vereinbart haben soll, sollen Türkei Waffensysteme und Training – explizit auch im Bereich Counterterrorism – in Aussicht stellen. Gleichzeitig macht der Text die Einflussnahme an Personalentscheidungen fest: Am 6. August wurde Ömer Muhammed Çiftçi, ein türkischer Staatsbürger und früherer HTS-Angehöriger, zum Kommandeur der 62. Division ernannt. Darüber hinaus werden weitere Ex-SNA-Führungskräfte als Teil der Verteidigungsstruktur beschrieben, darunter Salim Idris sowie Fahim Issa, die jeweils aus dem Umfeld der türkisch unterstützten Strukturen kommen und damit in Bildung, Beratung oder operative Führungswege hineinwirken. Für die strategische Autonomie Syriens bedeutet das: Je stärker die Abhängigkeit von Ankara wird, desto eher kann das Land – selbst bei formalen Kooperationsbereitschaften mit Washington – eigene Linien nicht mehr frei verfolgen.
Während Ankara die türkische Einflussachse baut, versucht Russland gleichzeitig, seine militärische „Fußspur“ in Syrien organisatorisch abzusichern. Der Text verweist auf eine Vereinbarung, die in Zusammenhang mit Hmeimim (Air Base) und Tartus (naval base) stehen soll und die beide Standorte zu kombinierten russisch-syrischen Trainingszentren umformen will. Russland habe zwar trotz früherer Konfrontationen im Umfeld der „Assad-Ära“ neue syrische Vertreter aus dessen Reihen in Russland empfangen und Präsenz halten können; zugleich bleibt die Frage nach dem zukünftigen Umfang der Truppenpräsenz offen, wobei eine Fortsetzung im Mittelmeerraum nicht ausgeschlossen werde. Als zusätzliche Belastung für US-Interessen gilt die Möglichkeit von „power projection“ über diese Infrastruktur, weil Moskau diese Basen in der Vergangenheit für Operationen und Überwachung im östlichen Mittelmeer sowie für Aktivitäten in Afrika genutzt habe. Für Washington entsteht daraus ein politisches Dilemma: Selbst ohne eigene Truppenpräsenz in Syrien könnte die Notwendigkeit wachsen, Syrien stärker zu incentivieren, bevor die bestehenden Strukturen von Extremisten, Türkei oder Russland dominiert werden.
In der Summe zeichnet der Text ein Bild, in dem Sicherheit nicht primär an Schlagkraft, sondern an Kontrolle über Zusammensetzung und Entscheidungswege hängt. Syrien kann mit ausländischer Unterstützung zwar Waffenflüsse unterbrechen, wie die beschriebenen Maßnahmen gegen Routen für Hezbollah-nahe Waffen über sein Territorium und die genannten Interdiktionen tausender Komponenten (von Drohnen bis zu Raketenbauteilen) nahelegen. Doch die gleiche Infrastruktur kann zugleich – wenn Extremisten Teil der Streitkräfte sind und Vetting lückenhaft bleibt – zur Quelle neuer Risiken werden. Für Unternehmen, die in der Region auf Infrastruktur, Logistik oder mit Sicherheitsdienstleistungen in Berührung kommen, verschiebt sich damit die Priorität: Vertrauenswürdigkeit entsteht nicht nur durch Verträge, sondern durch nachvollziehbare Strukturen in Rekrutierung, Ausbildung und Einsatzkontrolle.
Der praktische Auftrag an alle Beteiligten besteht deshalb weniger in großen Ankündigungen, sondern in belastbarer Architektur: Syrien müsste die Integration ehemaliger Milizen so umbauen, dass Extremisten nicht nur „ab und zu“ auffallen, sondern systematisch aus sicherheitsrelevanten Funktionen herausgehalten werden. Parallel müssten Wege gefunden werden, wie türkische und russische Einflussnahmen die strategische Entscheidungsfreiheit nicht überrollen. Ohne diese Korrekturen bleiben die im Text beschriebenen US-Ziele – IS-Rückkehr verhindern, Waffenflüsse stoppen und ein kohärentes nationales Militär schaffen – zwar erreichbar, aber schwer planbar. Und genau diese Planbarkeit entscheidet in der Praxis darüber, ob Sicherheitszusammenarbeit langfristig funktioniert oder nur punktuell.
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