WALL STREET / LONDON (IT BOLTWISE) – Wohlhabende Investoren schieben derzeit Hunderte Milliarden US-Dollar in sogenannte tax-aware long-short-Strategien, um realisierte Gewinne steuerlich abzufedern. Laut Tax-Alpha-Insider stieg das investierte Gesamtvolumen von 2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 auf über 170 Milliarden US-Dollar. Die Produkte nutzen Leverage und Short-Positionen, um steuerwirksame Verluste zu erzeugen, sie sind aber mit Risiken bei Exit, Gebühren und möglicher Regulierung verbunden.

Der Reiz ist schnell erzählt: Tax-aware long-short-Strategien, kurz TALS, versprechen eine Kombination aus Index-Nähe und steuerwirksamen Verlusten. Laut Tax Alpha Insider kletterte das Gesamtvolumen in diesen Konstrukten von 2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 auf mehr als 170 Milliarden US-Dollar. Genau hier setzt die Spannung an, denn die Mechanik basiert auf laufenden, oft kurzfristigen Positionierungen und Leverage – also auf einem technischen Setup, das steuerliche Effekte zwar begünstigen kann, aber nicht wie ein „einfacher“ ETF-Follow-the-benchmark-Ansatz funktioniert.
Technisch betrachtet zielen TALS darauf, die Wertentwicklung gegenüber relevanten Aktienindizes zumindest teilweise nachzubilden, während sie parallel Verlustpositionen generieren, die Kapitalertragsteuern (Capital Gains) ausgleichen sollen. In der Praxis entsteht dieser Effekt über die Struktur: Mit Long- und Short-Engagements wird die Portfoliorichtung gesteuert, während die kurzfristigen Verluste aus den Short-Komponenten zur Steueroptimierung beitragen. Dass sich dadurch nach Jahren steigender Kurse bei vermögenden Anlegern hohe, ansonsten steuerpflichtige Buchgewinne aufstauen, macht die Strategien attraktiv – insbesondere für Business-Owner nach Unternehmensverkäufen sowie für Fonds und Halter mit konzentrierten Beständen.
Für die Wealth-Management-Branche wirkt das wie ein Zusatztreiber, denn die Produkte sind weder „commoditized“ noch leicht automatisierbar. Wenn andere Anlagestrategien stärker zu standardisierten, gebührenarmen Angeboten werden, lassen sich TALS häufig mit höheren Gesamtkosten verkaufen – inklusive Finanzierung und Strukturkomponenten. Bob Casey, CEO von Santa Barbara Management, bringt es in einer direkten Bewertung auf den Punkt: „These are phenomenally profitable and sticky products that the wealth management industry is incentivized to sell, “ und weiter: „They are growing at eye-popping rates.“ Genau diese „Sticky“-Eigenschaft ist gleichzeitig ein Risiko, weil sie den Exit erschweren kann.
Beim Ausstieg kommt die zweite Seite der Medaille: TALS werden im Marketing oft als Steuersenkung dargestellt, wirtschaftlich ähneln sie aber eher einer Steuerstundung. Solange die Strategie läuft, können Verluste aus den leveraged short-Positionen Gewinne aus den leveraged long-Positionen kompensieren. Das Problem taucht beim Deleveraging auf, wenn Anleger aussteigen wollen: Im Gegensatz zum bequemen Verkauf eines Indexfonds führt das schrittweise Zurückfahren der Hebelwirkung dazu, dass bisher unrealisierte Gewinne auf einmal realisiert werden können. Christopher Houston von Cambridge Associates warnt daher, dass ein „einfaches Abschalten“ nicht funktioniert: „You can’t just say, ‘let’s turn this off, ’“ und ergänzt: „You could wind up back in the same place.“ Hinzu kommt, dass Investoren je nach persönlicher Planung – etwa bei Schenkungen an gemeinnützige Einrichtungen oder über bestimmte Trust-Konstrukte – die Gewinnrealisierung womöglich vermeiden können; zugleich hängt der Nutzen dann stärker vom „Endgame“ ab.
Weitere Risiken resultieren aus dem steuerpolitischen Umfeld und der Produktkomplexität. Laut Angaben aus dem Umfeld des US-Finanzministeriums wurden bei einem Seminar der Wall Street Tax Association Warnsignale zu „aggressive planning“ bei Konstrukten gesetzt, die Steuerverluste ermöglichen; dabei wurden keine TALS explizit genannt, aber ähnliche „tax-alpha“-Produkte wie 351-conversions und Box-Spread-ETFs genannt. In zwei Sätzen, die aus dem Seminar-Kontext wiedergegeben werden, heißt es sinngemäß, dass man kein „sophisticated abusive tax structuring“ durchwinken wolle und nun mehr Informationen und Input aus Wall Street und Steuerberatung sammelt. Mohsen Ghazi, Partner bei Ashurst Perkins Coie, ordnet das ein: „Treasury seemed to be suggesting that they would be taking a look at a lot of different products and they’re going to use the different tools at their disposal, “ während Vivek Chandrasekhar, ebenfalls Partner bei Ashurst Perkins Coie, für potenzielle Anleger eine gewisse Vorsicht ableitet: „Based on what we’ve heard [from the Treasury], if you’re a potential investor, you should just be a little bit more cautious, “.
Auch unabhängig von einer möglichen Regulierung können TALS für Privatinvestoren schwerer sein als viele erwarten. Eine Konto- oder Portfolioverwaltung kann aus Tausenden einzelner Aktienwetten bestehen, mit häufigem Trading, Leverage, Short-Positionen und zusätzlichen Details rund um Darlehen. Casey beschreibt das als Systemprinzip der Anbieter: „Complexity is a feature, not a bug, from a wealth manager’s perspective, “ – für Kunden kann sich „Feature“ jedoch als blinde Stelle entpuppen. Dazu kommt das Thema Leverage-Ratio: Die populäre 130/30-Struktur nimmt mit $100 Investitionsvolumen ein, und nutzt $30 Borrowing für Longs und $30 für Shorts; andere Fonds werben dagegen mit Konstruktionen wie 150/50 oder noch darüber. Wenn Leverage die Gewinne verstärkt, verstärkt er spiegelbildlich auch mögliche underperformance – und zwar beim vorsteuerlichen Vergleich zum Index. Tax-Alpha-Effekte können Unterperformance überdecken, aber nicht jede Schwankung „wegsteuern“.
Schließlich spielen Kosten eine Rolle, die bei einfachen Strategien im Vergleich oft unterschätzt werden. TALS-Gesamtkosten werden im Text mit 1% bis 3% pro Jahr für das gesamte Portfolio beziffert – inklusive Investment-Management-Fee sowie Finanzierungs- und Borrowing-Gebühren. Diese Schichten addieren sich zu einem Kostenprofil, das es bei Direkt-Indexing typischerweise nicht in dieser Form gibt. Casey nennt es zugleich als erklärungsbedürftig: „There are fees and expenses that are associated with this that you wouldn’t have with direct indexing, “ und „Those can often be justified by the tax benefits. But you still need to understand them and understand how they can change over time.“ Während sich die Spreads im Finanzierungsanteil für viele Kunden laut Darstellung zuletzt ausgeweitet haben, lohnt sich für Investoren deshalb ein nüchterner Rechencheck: Welche Steuerersparnis bleibt tatsächlich nach Berücksichtigung der Gesamtkosten und der möglichen Exit-Timing-Risiken übrig – und welche zusätzlichen Risiken entstehen, wenn sich Annahmen über Produktstabilität oder steuerliche Behandlung ändern?
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