BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem ehemaligen Flughafen Tegel entsteht ein neues Zukunftsquartier, das Wohnen, Forschung und Unternehmensansiedlungen verbindet. Die Berlin TXL Management GmbH trägt seit 2021 die Entwicklung für das 500 Hektar große Areal. Herzstück ist die Urban Tech Republic mit einem großen Experimentierbereich für neue Mobilitäts- und KI-nahe Technologien. Parallel startet der Wohnungsbau im Schumacher Quartier, inklusive ressourcenschonender Bauweise und klarer Zeitpläne bis 2028.

Berlin schafft auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Tegel ein neues Kapitel der Stadtentwicklung. Seit der Einstellung des Passagierbetriebs im Jahr 2020 liegt ein 500 Hektar großes Areal vor den Toren West-Berlins, und mit der Berlin TXL Management GmbH wurde im August 2021 ein Akteur benannt, der Entwicklung und Vermarktung bündelt. Inhaltlich geht es nicht nur um neue Gebäude, sondern um eine funktionale Mischung aus Leben, Arbeit und Experimentierflächen. Für eine Metropole bedeutet das: Statt isolierter Projektinseln soll ein durchgängiger Standort entstehen, der auch nach der Bauphase tragfähig bleibt.
Technisch und organisatorisch setzt das Vorhaben auf Nachhaltigkeit als Leitplanke. Im Zentrum steht die Urban Tech Republic, die als Forschungs- und Industriepark gedacht ist. Dazu sollen im Projektkontext erneuerbare Energien und ressourcenschonende Konzepte gelten, während ergänzende Grünflächen das Quartier als Aufenthaltsraum stützen. In der Praxis wird das auch die Energie- und Infrastruktur-Planung beeinflussen: Strom- und Wärmeversorgung, Netzanschlüsse sowie die Integration in bestehende Verkehrs- und Versorgungsstrukturen müssen früh mitgedacht werden, sonst entsteht später Reibung zwischen Bauabschnitten und Betrieb. Der Anspruch ist, aus dem ehemaligen Flughafen ein skalierbares Ökosystem zu formen.
Marktseitig adressiert Tegel gezielt Innovationsthemen, die gerade für Enterprise-Kunden und Startups attraktiv sind: Mobilität, Energie und digitale Infrastruktur. Aktuell sind laut Projektstand 42 Unternehmen und Institutionen mit etwa 450 Beschäftigten auf dem Gelände aktiv. Ein konkretes Beispiel ist Earthbound, das in Tegel nachhaltige Baustoffe entwickelt. Solche Signale sind wichtig, weil sie die „Time-to-Prototype“ verkürzen: Wer Räume und Testumgebung aus einer Hand bekommt, kann schneller in Pilotierung und Proof-of-Concept übergehen. Gleichzeitig positioniert sich Tegel gegen etablierte Innovationsstandorte in Deutschland, etwa durch die Kombination aus Industriepark und großflächigen Experimentierflächen.
Besonders relevant für die KI- und Robotics-Community ist der Experimentierraum innerhalb der Urban Tech Republic. Dort sollen auf 60 Hektar Freiraum Technologien in einer kontrollierten Umgebung getestet werden, inklusive autonom gesteuerter Fahrzeuge und Drohnentechnologien. Das reduziert Hürden, die in offenen Verkehrsräumen oft den Testbetrieb bremsen: Genehmigungen, Sicherheitsanforderungen und Betriebsrisiken sind dort deutlich schwerer zu steuern. Im Vergleich zu klassischen Reallabor-Ansätzen in innerstädtischen Arealen setzt Tegel damit auf „Safety-by-Design“ über die Umgebung selbst. Marktbeobachter ordnen solche Flächen meist als Beschleuniger ein, weil sie Teams vom reinen Laborversuch hin zu realitätsnahen Abläufen bringen.
Für die Skalierung nennt das Projekt eine ambitionierte Zielmarke: bis zu 1.000 Unternehmen und rund 20.000 Arbeitsplätze. Die Vermarktung neuer Grundstücke läuft bereits; ein erstes 7.000-Quadratmeter-Grundstück steht kurz vor dem Vertragsabschluss. Bis 2028 sollen außerdem insgesamt etwa 219.000 Quadratmeter Gewerbeflächen bereitstehen. In dieser Größenordnung wird deutlich, dass „Urban Tech“ auch Governance braucht: Vermietungsmodelle, Flächenmanagement, Sicherheitskonzepte und gemeinsame Betriebsstandards müssen mit der Nachfrage Schritt halten. Nebenbei wirkt das als Wettbewerbssignal gegenüber anderen Hubs, in denen vor allem Büroflächen wachsen, aber Test- und Integrationskapazitäten weniger stark gebündelt sind.
Historisch betrachtet ist die Umnutzung eines Terminalgebäudes ein betriebs- und markttechnisch kluger Hebel. Das markante Terminal soll unter Denkmalschutz stehen und weiter genutzt werden: Terminal A ist für die Berliner Hochschule für Technik vorgesehen, Terminal B als Innovations- und Kongresszentrum. Terminal D soll sich auf Mobilität, KI und Robotik konzentrieren. Solche Konzepte folgen einem Trend, der seit Jahren in der europäischen Stadtentwicklung sichtbar ist: Statt Neubau auf der „grünen Wiese“ werden vorhandene Strukturen als Standbein für Bildung, Forschung und Transfer genutzt. Für Unternehmen bedeutet das kurze Wege zwischen Ausbildung, Experiment und späterem Betrieb.
Parallel läuft der Wohnungsbau mit sozialer Infrastruktur an. Im Schumacher Quartier entstehen auf 46 Hektar mehr als 5.000 Wohnungen für über 10.000 Menschen; die Bauarbeiten beginnen im August. Bis Ende 2028 sollen die ersten 337 Wohnungen bezugsfertig sein, mit einem Mietpreis ab sieben Euro pro Quadratmeter. Zentral ist dabei die Bauweise: ein Holzhybridbau mit ressourcenschonenden Prinzipien, der den ökologischen Anspruch des Gesamtprojekts sichtbar macht. Für die Regulierung und den Betrieb ist zudem relevant, dass mehr Wohnen auch mehr Datenflüsse erzeugt: von Sicherheits- und Zugangssystemen bis zu Energiemonitoring. Das verlangt ein sauberes Datenschutz- und IT-Sicherheitskonzept über den gesamten Lebenszyklus.
Die Verkehrsanbindung bleibt ein Erfolgsfaktor, weil sie sowohl die Attraktivität für Beschäftigte als auch die Machbarkeit für Unternehmen bestimmt. Geplant ist eine Straßenbahnlinie, deren Fertigstellung voraussichtlich 2034 erfolgen soll; bis dahin werden interimistische Lösungen diskutiert. Für ein Tech-Quartier ist das besonders heikel: Viele Teams sind auf zuverlässige Pendelzeiten und gute Logistik für Prototypen, Material und Serviceprozesse angewiesen. Wolters sieht hier Potenzial für innovative Ansätze, die vor Ort getestet werden können. Blickt man nach vorn, wird Tegel damit auch zu einem „Mobilitäts-Lab“: Sobald die Verkehrsachse steht und die Experimentierflächen mit dem Betrieb verzahnt sind, dürfte die Ansiedlungsdynamik spürbar steigen.
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