BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Untersuchung zeigt, dass Universitäten und Forschungseinrichtungen in Europa deutlich mehr Gründungen auslösen können als bisher – mit großen Unterschieden zwischen Ländern und Institutionstypen. Deutschland liegt beim Startup-Potenzial gemessen am Budget pro Einrichtung im unteren Mittelfeld. Gründe sind laut beteiligten Forschern weniger fehlendes Frühphasenkapital als vielmehr Hürden beim Wachsen, bei Netzwerken und bei einer unternehmerischen Lernkultur. Der Bericht verknüpft zudem datengetriebene Auswertungen aus LinkedIn und Dealroom mit konkreten wirtschaftlichen Szenarien für das nächste Jahrzehnt.

Dass Universitäten Startups hervorbringen können, ist in Deutschland längst kein Geheimnis mehr – trotzdem zeigt eine aktuelle Auswertung, wie weit das Potenzial vieler Einrichtungen offenbar hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Die beteiligten Partner aus Denkfabrik, Wagniskapital und Wissenschaft wollten dafür kein Bauchgefühl abbilden, sondern messbar machen, wie viele erfolgreiche Gründungen innerhalb von rund zehn bis zwölf Monaten auf eine bestimmte Einrichtungsschicht entfallen. Gerade für Unternehmen und öffentliche Förderer ist die Frage damit weniger „ob“ Gründungen entstehen, sondern „unter welchen Bedingungen“ und „wie effizient“ das Hochschulumfeld daraus Wert schöpft.
Im Zentrum steht der sogenannte Redstone University Startup Index, bei dem Profile und Gründungsdaten über einen klar definierten Zeitraum betrachtet werden. Operationalisiert wird das über unterschiedliche Quellen: Zum einen werden Angaben auf LinkedIn genutzt, um Personen- und Rollenbezüge zu Forschungs- und Lehrumfeldern zuzuordnen; zum anderen fließen Informationen aus Dealroom ein, einer Datenbank für Gründungen und Innovation. Unterschieden wird dabei zwischen Gründungen aus Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen – inklusive aktiver und ehemaliger Forschender sowie Lehrkräfte – und Gründungen aus dem Umfeld von Studierenden. Insgesamt entfallen nur knapp 2.000 Gründungen auf den ersten Bereich, während der Großteil der erfassten Firmengründungen aus dem studentischen Umfeld kommt.
Die Unterschiede innerhalb Europas fallen dabei besonders drastisch aus. Pro 100 Millionen Euro Budget variiert die Zahl erfolgreicher Gründungen im Datensatz zwischen 1 und 80 – ein Spannweitenwert, der eher nach strukturellen Effekten als nach reinem Zufall klingt. Auffällig ist außerdem, dass Business Schools vergleichsweise gut abschneiden. Gleichzeitig wird die Beziehung zwischen Größe und Effizienz problematisiert: Laut einem beteiligten VC-Gründer werden größere Einrichtungen tendenziell ineffizienter, während öffentliche Forschungseinrichtungen vergleichsweise schlechtere Kennzahlen zeigen. Für die Praxis bedeutet das: Wer nur Budgets erhöht, ohne Prozesse zur Gründungsbefähigung zu schärfen, kann Effizienzverluste in Kauf nehmen.
Deutschland landet bei der Betrachtung von 36 untersuchten Ländern und Regionen im unteren Mittelfeld. Auf 100 Millionen Euro Budget entfallen hier im Mittel 9,7 Gründungen. Zum Vergleich: Andorra wird zwar ganz oben geführt, steht aber mit nur einer Einrichtung statistisch unter anderem Vorzeichen; darüber hinaus zeigen die baltischen Staaten und Frankreich im Datensatz höhere Werte. Ein beteiligter Wirtschaftswissenschaftler ordnet das ein, indem er sagt, dass es in Deutschland für den frühen Schritt über staatliche Stipendien grundsätzlich gut erreichbar sei. Schwieriger werde es jedoch beim Wachstum: Wenn Gründer nicht plausibel hochskalieren können, entstehen möglicherweise weniger Folgegründungen oder es wird früh auf Ausweichstandorte gesetzt – etwa im Biotech-Bereich, wo viele in Richtung USA wandern.
Diese Wachstumslogik wird im internationalen Vergleich durch ein anderes Hochschul-Ökosystem verstärkt. England gilt im Bericht als relativ erfolgreich, wobei als Erklärung vor allem die stärkere Integration technologischer Forschung in Uni-Ökosysteme genannt wird. Anders als in Deutschland mit großen, teils eigenständigen Forschungsverbünden wie der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft oder der Max-Planck-Gesellschaft sind in Großbritannien laut den Beteiligten technologische und unternehmerische Pfade enger gekoppelt. Als Beispiele werden Universitäten in Oxford und Cambridge genannt. Der technische Kern dahinter ist nicht nur Organisationsform, sondern Transferfähigkeit: Wer schneller den Weg von Labor-Outputs zu Gründungskandidaten, Mentoren und Kunden findet, verkürzt die Zeit, in der aus einer Idee ein tragfähiges Unternehmen wird.
Der Bericht geht jedoch über die reine Standortbeschreibung hinaus und versucht, volkswirtschaftliche Effekte abzuleiten. Die Autoren rechnen dafür mit einer Art Obergrenze: Sie nehmen an, alle Einrichtungen würden sich auf das Niveau der besten 10 Prozent annähern und diese Gruppe würde sich zusätzlich leicht verbessern. Daraus ergeben sich in der Hochrechnung potenziell mehr als 445.000 zusätzliche Startups innerhalb von zehn Jahren, über 13 Millionen Arbeitsplätze, mehr als 5 Billionen Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung sowie mehr als 9 Billionen Euro zusätzlicher Unternehmenswert. Für Entscheider ist wichtig, dass solche Szenarien nicht automatisch die realen Ausgangsvoraussetzungen abbilden: Unterschiedliche Forschungs- und Lehrschwerpunkte sowie die tatsächliche Gründungskultur bleiben darin nur pauschal berücksichtigt.
Auf die Frage nach „Erfolgsrezepten“ liefern die Beteiligten relativ konkrete Ansatzpunkte. Ein zentraler Faktor sei, dass an Top-Standorten Geld, Kontakte zu Vorbildern und Ausbildungsstrukturen verfügbar sind – und dass die Hochschule ihr Gründungsprofil aktiv nach außen kommuniziert. Gleichzeitig wird kritisiert, dass die Uni-Welt in vielen Fällen wenig mit der Wirtschaft verknüpft sei. Ein im Bericht genanntes Beispiel aus der Praxis beschreibt, dass an einer Universität in jedem Studiengang das Fach Gründung belegt werden kann. Der Ansatz zielt damit auf frühe Handlungskompetenz: Gründung wird nicht als Sonderpfad behandelt, sondern als Bestandteil des Curriculums und damit als normaler Denkmodus.
Im Kern treffen sich damit zwei Perspektiven: der VC-nahe Blick auf Skalierung und der Forschungsblick auf Lern- und Transferstrukturen. Ein beteiligter Investor betont, es gehe weniger um die absolute Menge an Finanzierung als um einen Mentalitätswandel. Mehr unternehmerisches Denken werde im Studium und an Universitäten wichtiger, selbst wenn man keine eigene Firma gründet. So könnten etwa auch Geisteswissenschaften im Kontext „Mensch und Maschine“ neue Relevanz gewinnen, etwa bei Fragen der Gestaltung, Ethik und Interaktion. Aus Unternehmenssicht verschiebt sich damit der Talent- und Ideenpool: Wer Künstliche Intelligenz und datengetriebene Produktentwicklung skaliert, braucht nicht nur technische Profile, sondern auch eine Kultur, die Hypothesen schnell testet und aus Forschung wirtschaftliche Angebote ableitet.
Für die Zukunft ist entscheidend, welche Maßnahmen die gemessene Lücke schließen können. Wenn Deutschland im Vergleich unterdurchschnittlich bleibt, liegt die Antwort vermutlich in einem Bündel aus verlässlichen Transferwegen, realistischen Wachstumsannahmen und institutioneller Ausrichtung. Förderlogik sollte stärker auf die Phase nach der ersten Gründungswelle zielen, also auf Mentoring, Marktzugang und die Fähigkeit, Teams zu vergrößern, statt nur auf den Moment der Gründung. Gleichzeitig müssen Datenschutz und Sicherheitsanforderungen von Anfang an mitgedacht werden, insbesondere bei datenintensiven Projekten und KI-nahen Forschungsarbeiten. Dann kann die Universität nicht nur Ideen erzeugen, sondern auch nachvollziehbar in tragfähige Geschäftsmodelle überführen – und Unternehmen erhalten Planbarkeit bei der Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs.
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