WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Behörden SDA und DIU haben drei Firmen für eine Studie zu „Deorbit-as-a-Service“ ausgewählt. Ziel ist es, den sicheren Rückbau alter Satelliten von kommerziellen Betreibern zu organisieren, statt dafür eine eigene Regierungsfähigkeit aufzubauen. Die Arbeiten starten mit Vorplanung und Risikoreduktion und sollen später in eine On-Orbit-Demonstration überführt werden, falls die technische Reife passt. Im Mittelpunkt steht das Rendezvous, das unbereites Einfangen und das kontrollierte Deorbiting auch bei nicht kooperationsfähigen Raumfahrzeugen.

Die US-Defense-Agenda verschiebt sich bei der Entsorgung von Satelliten spürbar in Richtung kommerzieller Schnittstellen. Das Programm, das Defense Innovation Unit (DIU) und Space Development Agency (SDA) jetzt anschieben, soll aus einer Idee eine wiederholbare Fähigkeit machen: Statt ausrangierte Raumfahrzeuge ausschließlich mit staatlicher Infrastruktur zu bergen und in die Atmosphäre zurückzuführen, prüfen die Behörden, wie sich „Deorbit-as-a-service“ als Einkaufsmodell bei privaten Betreibern etablieren lässt. Konkret laufen die Verträge für drei Unternehmen zunächst als Vorstudien mit Design- und Risikoreduktion; erst danach entscheiden SDA und DIU gemeinsam über technische Reife, Missionsansatz, Zeitplan und Kosten, bevor ein vollständiger On-Orbit-Demonstrationspfad gestartet wird.
Technisch beschreibt die Ausschreibung eine Reihe von Teilaufgaben, die in der Praxis schwer genug sind, um sie nicht als Einzelschritt zu denken: Ein Servicer muss die richtige Umlaufbahn erreichen, dann autonom einen Zielsatelliten finden und sich annähern. Danach gilt es, Lage und Bewegung des Targets zu bestimmen, dieses einzufangen, dabei keinen zusätzlichen Weltraumschrott zu erzeugen und schließlich genügend Antrieb zu erhalten, um die kombinierte Masse in ein „disposal“-Szenario zu überführen. Genau in diesem Zusammenspiel liegt die Herausforderung, denn viele alte Satelliten wurden nicht für Andocken, Servicing oder enge Rendezvousfenster gebaut. Die Studie richtet sich deshalb explizit auf Relokationen von Raumfahrzeugen, die nicht für Wartungsmanöver ausgelegt sind und möglicherweise nicht kooperieren – also keine oder nur eingeschränkte Schnittstellen bereitstellen.
Die drei ausgewählten Teilnehmer setzen dabei auf unterschiedliche technische Wege. Firefly Aerospace zielt auf ein Konzept, bei dem ein eigenes Manövrierfahrzeug („Elytra“) nahe an den End-of-Life-Zustand eines Kunden-Satelliten herangeht, Proximity-Operationen und Inspektion durchführt und anschließend die nötigen Manöver ausführt, um die Entsorgung zu realisieren. Bemerkenswert ist dabei die Übergangsphase: Elytra habe bislang noch keine Mission geflogen, die Hardware und Software würden aber aus dem Firefly-Blue-Ghost-Lunarprogramm abgeleitet. Für die Behörden ist das gleich doppelt relevant, weil es zeigt, wie stark bereits erprobte Komponenten in eine neue Rendezvous- und Entsorgungskette übersetzt werden können.
Katalyst verfolgt hingegen einen Ansatz, der näher an den Kernrisiken des „Einfangens“ liegt. Das Unternehmen betreibt mit „Link“ ein robotisches Servicing-Vehikel, das am 3. Juli auf der NASA Swift Boost Mission startete und ein Rendezvous mit dem Neil Gehrels Swift Observatory aufnehmen soll. Dort sind die nächsten Schritte ziemlich konkret beschrieben: Das Ziel soll mit robotischen Armen gesichert und in eine höhere Umlaufbahn gebracht werden. In der frühen Testphase kam es jedoch zu Problemen mit der Lageregelung (Attitude-Control) während der Inbetriebnahme im späten Juli; Katalyst erklärte, es habe neue Flugsoftware hochgeladen, wodurch die Lageregelung mit den verbleibenden Aktuatoren wiederhergestellt worden sei und die Missionsvorbereitung fortgesetzt werden könne. Für die Deorbit-as-a-service-Studie ist das eine praktische Zwischenmeldung, weil Deorbiting häufig nicht an einem einzelnen Softwaremodul scheitert, sondern an der Stabilität der Lageführung während sensibler Annäherungsphasen.
D-Orbit schließlich startet aus einer anderen Ausgangslage: Das Unternehmen verfügt laut Darstellung über eine breite kommerzielle Transporthistorie, etwa mit der 23. Mission seines ION Satellite Carrier im Juli. Seine robotische Servicing-Technik wird dagegen als weniger reif beschrieben. D-Orbit entwickelt dafür „GEA“, ein Raumfahrzeug, das autonome Rendezvous-, Docking-, Inspektions- und Repositionierungsfunktionen für Satelliten adressieren soll. Die eigene Zielmarke liegt bei einer Demonstration über eine ESA-gestützte RISE-Mission, die für 2029 geplant ist. Damit wird deutlich, wie sich der Wettbewerb wahrscheinlich auf die Reifezeitspannen verteilt: Firefly arbeitet mit abgeleiteter Software- und Hardwarebasis, Katalyst hat einen laufenden und damit datengetriebenen Testpfad im Orbit, und D-Orbit bringt eine Transportkompetenz mit, während die robotische Servicing-Kette stärker in Richtung späterer Demonstrationen skaliert.
Der Wettbewerb ergänzt zudem ein bereits laufendes SDA-Vorgehen: 2024 hatte die Agentur sechs Unternehmen mit Machbarkeitsstudien beauftragt, darunter auch Starfish Space, um on-demand Deorbit-Optionen zu untersuchen. Für Starfish ist in diesem Zusammenhang bereits ein konkreter Auftrag genannt: Das Unternehmen erhielt einen Vertrag im Umfang von 52,5 Millionen USD für das Deorbiting von bis zu sieben Raumfahrzeugen. Dass SDA und DIU parallel unterschiedliche Reifegrade einkaufen, wirkt strategisch: Eine kommerzielle Entsorgungslösung muss nicht nur „funktionieren“, sondern in einer Preislogik liegen, die kommerzielle Beschaffung attraktiv macht. Genau deshalb wird die technische Bewertung mit einem Fokus auf Zeitplan und Affordability verbunden – und nicht nur mit dem Nachweis, dass ein Servicer grundsätzlich ein Ziel einfängt.
Für Unternehmen in der Raumfahrtindustrie bedeutet das vor allem, dass Servicing- und Entsorgungsfähigkeiten zunehmend als Schnittstellenproblem verstanden werden: Sensorik, Navigation und Greifmechanik müssen so zusammenwirken, dass auch nicht kooperationsfähige Targets in den Griff kommen, während die Missionsplanung gleichzeitig wiederholbar bleibt. Wer hier investieren will, sollte die „Kombinationslogik“ aus der Ausschreibung ernst nehmen: Nicht die einzelne Technologie zählt, sondern das durchgängige Betriebsfenster von der Orbitalplatzierung bis zur kontrollierten Disposal-Phase. Gleichzeitig wird der Markt dadurch wahrscheinlicher in Teilabschnitte zerlegt, etwa in Daten-/Aufnahmefähigkeiten, Entsorgungs-Propulsion und autonome Rendezvous-Strategien, die sich später als Module in größere Dienstpakete einbauen lassen.
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