BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Versicherer erwarten 2026 deutlich niedrigere Naturkatastrophenschäden als im Durchschnitt, weil schwere Winterstürme ausgeblieben sind. Für das erste Halbjahr beziffert der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) Schäden durch Sturm, Hagel, Starkregen und Überschwemmung auf rund 950 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr nennt der Verband zwei Milliarden Euro als Erwartungswert – mehr als eine Milliarde weniger als in einem typischen Jahr. Der GDV warnt jedoch: Auch bei niedrigen Summen können einzelne Unwetter jederzeit große Schäden auslösen.

Dass die Schadensbilanz im Versicherungsmarkt derzeit „glimpflich“ ausfällt, liegt laut GDV vor allem an der Wetterlage in der kalten Jahreszeit. Im ersten Halbjahr summierten sich die Schäden durch Sturm, Hagel, Starkregen und Überschwemmung auf rund 950 Millionen Euro. Für das gesamte Jahr rechnet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit zwei Milliarden Euro. Damit läge die Spanne deutlich unter einem durchschnittlichen Jahr – die Differenz beziffert der Verband auf über eine Milliarde Euro, allerdings nur unter der Bedingung, dass bis Jahresende keine größeren Katastrophen auftreten.
Für die Einschätzung der Versicherer ist dabei weniger entscheidend, ob es „weniger Wetter“ gab, sondern wie häufig und wie stark die einzelnen Ereignisse ausfallen. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV, ordnet die niedrigen Zahlen explizit ein: „Die geringen Schäden im ersten Halbjahr waren schlicht Glück“. In der langfristigen Betrachtung sieht der Verband nämlich weiterhin eine Entwicklung, die zu mehr Wetterextremen führen kann. Asmussen verweist dabei auf die über Jahre beobachtete Statistik, in der steigende Temperaturen die Wahrscheinlichkeit für Extremereignisse erhöhen und sich das entsprechend auch in den Schadenssummen niederschlagen kann.
Technisch betrachtet spielt in dieser Debatte die sogenannte Ereignis- und Deckungslogik der Versicherungswirtschaft eine zentrale Rolle. Der GDV macht zugleich deutlich, dass seine Auswertung nur die versicherten Schäden erfasst: Gebäude in Deutschland sind zwar im Rahmen der verpflichtenden Gebäudeversicherung grundsätzlich gegen Sturm und Hagel abgesichert, aber nicht automatisch gegen Überschwemmung sowie andere sogenannte Elementarschäden. Diese Abgrenzung ist für die Interpretation der Zahlen entscheidend, weil sie erklärt, warum eine wetterbedingte Schadenslage nicht 1:1 die tatsächlichen volkswirtschaftlichen Belastungen widerspiegelt. In der aktuellen GDV-Angabe sind 59 Prozent der Wohnhäuser gegen Elementargefahren wie Überschwemmung oder Starkregen abgesichert.
Welche Größenordnungen der Verband langfristig erwartet, unterstreicht er mit einem Blick auf den Zehn-Jahres-Durchschnitt. Demnach verursachen allein Starkregen, Überschwemmung und Rückstau jährliche Schäden von 2,4 Milliarden Euro in und an Häusern, Wohnungen sowie Unternehmen. Für den Zeitraum von 2000 bis 2009 nennt der GDV dagegen deutlich niedrigere Werte: Damals lagen die durchschnittlichen Schäden bei rund 1,4 Milliarden Euro. Diese Zeitreihe bildet den Kern der Argumentation, warum niedrige Halbjahreswerte nicht als Entwarnung beim Thema Klimawandel taugen. Asmussen verweist zudem auf einen Hitzesommer mit Temperaturrekord und betont, dass der Klimawandel weiter voranschreitet, während einzelne Unwetter jederzeit hohe Schäden erzeugen können.
Aus Marktsicht wirkt sich diese Konstellation doppelt aus: kurzfristig entlasten mildere Schadensereignisse die Schaden-Kosten-Relation, langfristig bleibt das Risikoprofil jedoch durch die Extremwetter-Komponente strukturell anspruchsvoller. Für Versicherer bedeutet das, dass sie nicht nur ihre Prämien und Reserven „für das nächste Quartal“ planen, sondern auch ihre Risikomodelle auf Ereignisfrequenzen und Schadenschwere ausrichten müssen. Gleichzeitig schafft die Deckungslücke bei Elementarschäden einen Bewertungshebel für Vertrieb und Policenstrategie: Wenn 59 Prozent der Wohnhäuser bereits abgesichert sind, heißt das im Umkehrschluss, dass eine beträchtliche Zahl von Gebäuden noch nicht im vollen Umfang gegen die schadenträchtigen Ereignisse geschützt ist. Damit rückt die Frage nach künftiger Versicherungsnachfrage und nach der Bereitschaft der Kunden, Elementardeckungen nachzuziehen, stärker in den Fokus als reine Wetterstatistik.
Auch für Unternehmen mit Immobilienbestand ergibt sich daraus eine klare Konsequenz für das Risikomanagement. Schon eine einzelne Starkregen- oder Hochwasserwelle kann in kurzer Zeit hohe Schäden auslösen, und genau diese Volatilität bildet langfristig den Unterschied zwischen „Durchschnittsjahr“ und „Katastrophenjahr“. Wer nur auf die aktuelle Halbjahreszahl schaut, unterschätzt das Worst-Case-Potenzial; wer dagegen ausschließlich auf langfristige Mittelwerte setzt, läuft Gefahr, die kurzfristige Schadenserfahrung falsch einzuordnen. Der GDV-Ansatz verbindet beides: Er liefert die aktuelle Erwartung für das Gesamtjahr, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass die Statistik nur versicherte Schäden abbildet und dass das Elementarrisiko maßgeblich von der Deckungsquote abhängt. Damit wird aus der Wettermeldung auch eine praktische Entscheidungsvorlage für Policen, Rückversicherung und Gebäudesanierung – selbst dann, wenn der Jahresverlauf bislang vergleichsweise glimpflich war.
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