HANOI / LONDON (IT BOLTWISE) – Vietnam will institutionelle Barrieren abbauen, damit aus Einzelpersonen schneller rechtsfähige Ein-Personen-Unternehmen werden. Die Nationale Strategie für innovatives Unternehmertum zielt bis 2030 auf fünf Millionen Unternehmen, darunter rund eine Million Ein-Personen-Modelle. Im Kern stehen vereinfachte Steuer- und Buchhaltungsprozesse, digitale Plattformen bis zur Gemeindeebene sowie KI-gestützte Rechtsassistenz. Damit sollen vor allem informell arbeitende Händler, Freelancer und Content-Creator schneller in die formale Wirtschaft wechseln können.

Vietnam setzt mit einem landesweiten Vorhaben an, das die Logik digitaler Wertschöpfung konsequent vom „Team als Produktionsmittel“ hin zur „einzelnen Person als Produktionszentrum“ verschiebt. Hintergrund ist der wirtschaftliche Druck, der im digitalen Zeitalter immer stärker sichtbar wird: Wenn Künstliche Intelligenz (KI), Plattformen und E-Commerce Prozesse entkoppeln und automatisierbar machen, entsteht eine neue Gründungsform mit deutlich niedrigeren Einstiegshürden. Offiziell wird das „Ein-Personen-Unternehmen“ als Teil einer breiteren Agenda verstanden, die Beschäftigung stabilisieren und die formale Wirtschaft ausweiten soll. Regierungsvorstellungen bis 2030 nennen dabei eine Größenordnung von rund eine Million Ein-Personen-Unternehmen und 10.000 Startups, flankiert von dem Ziel, im Global Innovation Index unter die Top 40 zu gelangen.
Technisch basiert das Modell auf einem Zusammenspiel aus digitalem Konto- und Identitätszugang, Online-Buchhaltung sowie KI-gestützter Automatisierung typischer Unternehmensprozesse. Laut Pham Duc Nghiem, stellvertretender Direktor der Abteilung für Startups und Technologieunternehmen im Ministerium für Wissenschaft und Technologie, handelt es sich beim Ein-Personen-Unternehmen um ein Setup, in dem eine einzelne Person dank digitaler Technologien, Online-Plattformen und KI die wesentlichen Geschäftsaktivitäten selbst steuern kann. Entscheidend ist die Abkehr vom klassischen Muster, bei dem Buchhaltung, Vertrieb, Marketing oder Kundenservice als arbeitsintensive Funktionen organisiert werden müssen. Stattdessen werden diese Workflows zunehmend in Software abgebildet, wodurch aus einem Rechner und einer passenden Idee ein nahezu vollständiges Betriebsmodell werden kann.
Im Marktvergleich zeigt sich, dass Vietnam hier nicht bei Null startet, aber gleichzeitig vor einem ähnlichen Problem steht wie andere Digital-Pioniere: Die Hürde liegt selten in der Idee, sondern in der Reibung der Institutionen. Singapur gilt mit seiner digitalen Identität „Singpass“ als Vorbild dafür, wie ein schlankes Ökosystem Gründungen in sehr kurzen Zeitfenstern ermöglicht. Estlands E-Residency-Programm demonstriert, wie sich Unternehmensgründung und Verwaltungsprozesse über digitale Identitäten weltweit in den Online-Raum verlagern lassen. Indien hat mit der Ein-Personen-Gesellschaft (OPC) eine rechtliche Sonderform geschaffen, während Südkorea Mechanismen etabliert hat, die auch fehlgeschlagene Gründungen den Wiedereinstieg erleichtern. Branchenbeobachter erwarten, dass Vietnam genau an diesen Stellen nachziehen muss, um den „Speed“-Vorteil digitaler Geschäftsmodelle auch rechtlich und prozessual auszuschöpfen.
Der eigentliche Engpass wird im Entwurf ausdrücklich als institutionelle Diskrepanz beschrieben. Der aktuelle Rechtsrahmen sei primär auf traditionelle Unternehmen mit vielen Mitarbeitenden und auf papierbasierte Verwaltung ausgelegt; für Ein-Personen-Unternehmen werden dagegen extrem einfache Verfahren sowie geringe Compliance-Kosten benötigt. Diese Unstimmigkeit erzeugt ein Dilemma: Wer sich als Einzelunternehmen bewegt, hat möglicherweise nicht den gewünschten Rechtsstatus und steht vor Hürden bei der Expansion; wer hingegen eine Gesellschaft gründet, sieht sich oft mit Buchhaltungs-, Steuer- und Berichtspflichten konfrontiert, die den realen Bedarf übersteigen. Zusätzlich wirken psychologische Faktoren wie die Sorge vor Steuerprüfungen, Fixkosten und administrativem Druck. Aus Regulierungssicht ist deshalb entscheidend, dass vereinfachte digitale Verfahren nicht nur „schneller“, sondern auch datenschutz- und sicherheitsbewusst ausgestaltet werden – gerade wenn KI-gestützte Assistenzsysteme bis auf Gemeindeebene genutzt werden.
Um diese Lücke zu schließen, arbeiten das Ministerium für Wissenschaft und Technologie gemeinsam mit dem Finanzministerium an einem Projekt für das Ein-Personen-Modell. Fokus ist ein vereinfachtes Steuer- und Buchhaltungssystem, das Kosten für die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen minimiert und einen Betrieb ermöglichen soll, der sich wie ein digitales Produkt anfühlt: einfach zu gründen, einfach zu betreiben und einfach Vorschriften einzuhalten. Gleichzeitig wird eine digitale Infrastruktur als Voraussetzung genannt, die Plattformen für Buchhaltung, Steuern, Finanzmanagement und Personalmanagement bereitstellt, sodass Ein-Personen-Unternehmen ihre Abläufe direkt im digitalen Umfeld durchführen können. Vorgesehen sind zudem KI-gestützte Rechtsassistenzsysteme, die Informationszugang und Verfahren vereinfachen. Damit soll auch die schrittweise Umstellung auf einen durchgängigen digitalen Lebenszyklus gelingen – von Registrierung und Identifizierung über Kontoeröffnung, Steuererklärung und Rechnungsstellung bis hin zu elektronischen Verträgen ohne physische Dokumente.
Für die Umsetzung ist der Zeitplan ein Signal: Pilotmodelle starten zunächst in Hanoi, Ho-Chi-Minh-Stadt und Da Nang, bevor sie landesweit ausgerollt werden. Ökonomisch wird das als Hebel betrachtet, um vor allem Akteure aus dem informellen Sektor – etwa Haushaltsunternehmen, Online-Verkäufer oder Freelancer – in die formale Wirtschaft zu integrieren, inklusive Rechtsstatus, Kreditzugang und Sozialversicherungsleistungen. Im Kern geht es damit auch um eine neue „Unternehmer-Architektur“: In digitalen Märkten werden Einzelpersonen zur primären Produktionseinheit, während früher Fabriken, Kapital und Massenarbeit die Wertschöpfung strukturierten. Zukunftsorientiert wird ein weiteres Ziel darin gesehen, Steuerlogiken stärker zu standardisieren, etwa Richtung Pauschalmodelle, vereinfachte Prozesse und „nachträgliche Prüfung“, bei der KI und Echtzeitdaten Meldepflichten automatisieren. Wenn Vietnam die institutionellen Hürden tatsächlich mit digitalen, sicheren und KI-unterstützten Verfahren abbaut, dürften sich für Unternehmen, Plattformanbieter und Entwickler neue Chancen ergeben – von Integrationen in Buchhaltungs- und Steuer-APIs bis hin zu spezialisierten KI-Workflows für Compliance, die für Kleinstunternehmen skalierbar sind.
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